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Sammlung deutscher Drucke 1450 bis 1912
Erworben mit Mitteln der Volkswagen-Stiftung
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Fenitſchka. Eine Ausſchweifung.
Zwei Erzählungen | M 447
von
Lou Andreas-Salomé.
— I C Hagefsbe rg
cr
Stuttgart 1898.
Verlag der I. 6G. Cottaſhen Buchhandlung Nachfolger.
Alle Rechte vorbehalten.
Dt. Ld, 40 1062 © GEIER
Dru der Union Deutſche Verlagsgeſellſhaft in Stuttgart.
Berlin SBB-PK. 50 MA 9404
Fenitſchka.
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Es war im September, der ſtillſten Zeit des Pa- riſer Lebens. Die vornehme Welt ſte>te in den See- bädern, die Fremden wurden ſcharenweiſe von der drücen- ven Hiße vertrieben. Troßdem drängte ſich an den ſc<hwülen Abenden auf den Boulevards eine ſo vielköpfige Menge, daß ſie der Hochſaiſon jeder andern Stadt im- mer no< genügt hätte.
Max Werner flanierte nach Mitternacht über den Boulevard St. Michel, als er in eine kleine Geſellſchaft ihm bekannter Familien hineingeriet. Sie hatten mit durcreiſenden Freunden ein Theater beſucht, und wollten nun dieſen Herren und Damen ein wenig „Paris bei Nacht“ zeigen, -- nämlich erſt in einem <arakteriſtiſchen Nachtcafe des Quartier latin einkehren, und dann, im Morgengrauen, um die Stunde, wo die Stadt ſchläft, ven intereſſanten Trubel bei den Hallen betrachten, wenn der verödete Plat ſich mit den Marktleuten belebt, die ihre Waren vom Lande einfahren und ſie ausbreiten.
Nach einigem Zögern und Schwanken von ſeiten der Damen entſchied man ſich für das Cafe Darcourt, das um dieſe Stunde ſchon überfüllt war mit den Griſetten und Studenten des Quartiers, und beſetzte ein paar der
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fleinen Marmortiſhe draußen, die auf dem Trottoir, mitten unter den Paſſanten, an den weitgeöffneten, hell- erleuchteten Fenſtern entlang ſtanden.
Max Werner kam neben eine junge Ruſſin zu ſiten, die er zum erſtenmal ſah, — ihren langklingenden Namen überhörte er bei der Vorſtellung, doh wurde ſie von den anderen einfach als „Fenia“ oder „Fenitſchka“ angeredet. Jn ihrem ſ{<warzen nonnenhaften Kleidchen, das faſt drollig unpariſeriſch ihre mittelgroße ganz unauffällige Geſtalt umſchloß, und eine beliebte Tracht vieler Züricher Studentinnen ſein ſollte, machte ſie zunächſt auf ihn kei- nerlei beſonderen Eindru>. Er muſterte ſie nur näher, weil ihn im Grunde alle Frauen ein wenig intereſſierten, wenn niht den Mann, dann mindeſtens den Menſchen in ihm, der ſeit einem Jahre doktoriert hatte, und nun ein brennendes Verlangen beſaß, in der Welt der Wirk- lichkeit praktiſc< Pſychologie zu lernen, ehe er von einem Katheder herab welche las: was ihm einſtweilen noh keine begehrenswerte Zukunft ſchien.
An Fenia fielen ihm nur die intelligenten braunen Augen auf, die jeden Gegenſtand eigentümlich ſeelen-offen und klar — und jeden Menſchen wie einen Gegenſtand — anſchauten, ſowie der ſlaviſhe Schnitt des Geſichtes mit der kurzen Naſe: einer von Max Werners Lieblings- naſen, die da vernünftigen Play zum Kuſſe laſſen, — was eine Naſe doch gewiß thun ſoll.
Aber dieſes gradezu blaß gearbeitete, von Geiſtes- anſtrengungen zeugende Geſicht forderte ſo gar nicht zum Küſſen auf.
Anfangs ſprachen ſie kaum miteinander, denn im
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Innern des Lokals, neben demſelben Fenſter, an deſſen Außenſeite ſie ſaßen, ſpielte ſich eine erregte Scene ab, die aller Aufmerkſamkeit auf ſi< zog. Dort befanden ſich zwei Pärchen am Tiſch, die ihre Unterhaltung mit Scherzreden und Nedereien begannen, und damit endeten, ſich fürchterlich zu zanken.
Das eine der beiden Mädchen — wenig ſchön und am Verblühen, aber troßdem ein unverwüſtlich graziöſes Pariſer Köpfchen — wurde ſ<hließli<h vom Gegenpaar . mit einer Flut häßliher Shmähreden überſchüttet, ohne daß ihr eigner Begleiter ihr auch nur im mindeſten bei- geſtanden hätte. Vielmehr ſtimmte er bei jedem erneuten Angriff johlend in das brutale Gelächter der beiden an- dern ein, das ſich bald auch auf die benachbarten Tiſche fortpflanzte, wo neben den erhibten halbbezechten Män- nern die gepußten Genoſſinnen des mißhandelten Ge- ſchöpfs mit lärmender Schadenfreude ihre Konkurrentin niederjubelten.
Durch die ſchwere, dumpfe, vom Tabaksrauch und vom Dunſt der Menſchen, Gasflammen und Getränke erfüllte Luft des Lokals jchallten die rohen Stimmen laut bis zu dem Tiſch draußen hinüber, an dem es ganz ſtill geworden war. Auf den Geſichtern der Damen prägten fich deutlich Mitleid, Efel, Entrüftung und eine gewiſſe Verlegenheit darüber aus, einer ſolchen Situation beizuwohnen; eine von ihnen knüpfte furchtſam ihren Schleier feſter. Niemand aber war ſo benommen von dem, was er ſah, wie Fenia.
Sie hatte von allem Anfang an mit ſachlichem Intereſſe um ſi< gebli>t, jede Einzelheit, die ihr auf-
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fiel, mit großer Unbefangenheit beobachtet. est aber wurde ſie ganz ſichtlich von einer ſo intenſiven Anteilnahme erfüllt, daß ſie zuletzt, — offenbar ganz unwillkürlich, wie außer ſtande länger paſſiv zu verharren, — ſich langſam erhob und die eine Hand gegen die Lärmenden ausſtre>te, als müſſe ſie eingreifen oder Halt gebieten. Jm ſelben Augenbli>k ward ſie ſich ihrer ſpontanen Bewegung bewußt, hielt ſich zurü>, und errötete ſtark, wodurch fie plößlich ganz lieb und kindlich, und ein wenig hilflos ausſah.
Während ſie aber ſo daſtand, traf ihr Bli> den der Griſette, die in ihrer Ratloſigkeit und Verlaſſenheit an- gefangen hatte zu weinen, ſo daß große Thränen ihr über die heißen geſchminkten Wangen rollten, und ihre Lippen ſich konvulſiviſc< verzogen. Unter dem langen, eigentümlichen Bli, den ſie mit Fenia austauſchte, ver- änderte fich der Ausdrud des weinenden Geſichts; von Fenias Augen ſchien eine Hilfe, eine Liebkoſung, eine Aufrichtung auszugehn, etwas, was die Einſamkeit dieſes . getretenen Geſchöpfes aufhob. Man konnte vom Tiſch aus deutlich den Stimmungswechſel auf ihren Zügen ver- folgen, denn ſie ſaß faſt grade gegenüber am Fenſter. Ein Danken, Staunen, Nachſinnen, = ein momen- tanes Taubwerden für ihre lärmende Umgebung und deren Schmähreden ließ ihre Thränen verſiegen, und ſie achtete kaum no< darauf, daß das Paar neben ihr ſich erhob, um fortzugehn, und auch ihr Begleiter ſeinen ſchäbigen Cylinder vom Wandhaken abhob.
Da ſtieß er ſie brutal mit dem Ellenbogen an und forderte ſie auf, ſich zu beeilen.
Sie ſchüttelte den Kopf und erwiderte einige Worte
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im Pariſer Argot, die man draußen nicht deutlich ver- nehmen konnte, die aber eine äußerſt deutliche Gebärde der Geringſhäßung und Ablehnung begleitete. Er machte eine verdußte Miene und rief dadurch neues Gelächter her- vor. Diesmal jedoch galt es ihm, dem Geprellten, der mit wütendem Geſicht das Lokal verließ.
Das Mädchen nahm ihr fadenſcheiniges Seiden- mäntelchen von der Stuhllehne, hing es um, und ſchaute dabei mit einem ſtolzen und leuchtenden Bli> zu Fenia hinüber, die unbeweglich ſtehn geblieben war, — eine ganz wunderlich ernſte, ergriffene Geſtalt inmitten der verjchleierten Damen und der buntgekleideten, lachenden Dämchen um uns her.
Gleich darauf ſah man ihren Schüßling aus der Thür treten und am Tiſh vorüberkommen. Aber da geſchah etwas allen ganz Unerwartetes: denn neben Fenia blieb das Mädel ſtehn, öffnete die Lippen, wie um ſie an- zuſprechen, und plöglich, mit einer impulſiven Bewegung, deren Natürlichkeit eine mit ſich fortreißende Anmut be- ſaß, ſtrete ſie Fenia. beide Hände entgegen.
Dieſe ergriff die dargebotenen Hände und ſchüttelte ſie mit herzhaftem Drud. Einige Augenblicke lang ſtan- den ſie da und lächelten einander an wie- Schweſtern, während alle verblüfft , intereſſiert, amüſiert um die beiden herum ſaßen. Dann entfernte ſich das Mädchen mit einer Kopfneigung gegen die andern und verſ<hwand im vorüberhaſtenden Menſchenſtrom.
Man lachte über das kleine Drama, man ſcherzte über Fenias „Erfolg“ und nete ſie nicht wenig. Sie ſelbſt war ſehr einſilbig geworden.
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Eine der Damen mißverſtand ihren ernſthaften Ge- ſihtsausdru> und bemerkte :
„Ja, cherie, eine ziemlich unerbetene und unbequeme Freundſchaft! Sie könnte Jhnen eines ſchönen Tages recht peinlich werden, wenn dies Weſen Sie irgendwo auf der Straße wiederfindet und Sie auf das intimſte begrüßt, — zur Ueberraſchung derer, die vielleicht mit Jhnen gehen. “
„Das brauchen Sie nicht zu fürchten,“ widerſprach Max Werner raſch, „ich wette darauf, daß dieſes Mäd- <en ohne merkbaren Gruß an Ihnen vorübergehen wird, falls es Ihnen je begegnet. Anderswo würden Sie vielleicht von ihrer Dankbarkeit verfolgt werden, — die Franzöſin würde es für eine ſchlechte Dankbarkeit halten, Sie eventuell dadurch zu kompromittieren. Das iſt der franzöſiſche Takt, =- der Takt einer alten Kultur, die allmählich bis in alle Schichten eines Volkes durch- "dringt und ihm ſeine faſt inſtinktive Intelligenz giebt.“
„I< würde ſie aber gern wiederſehen !“ ſagte Fenia leiſe.
„Um was zu thun?“
„I< weiß es niht. Aber was mich vorhin ſo ent- feste, das war das Gefühl, als ob dieſe Mädchen gleich- mäßig ſowohl von den Männern wie von den Genoſ- ſinnen preisgegeben würden, — als ob ſie gradezu wie in Feindesland lebten. — Jh habe noh nie ſo viel höh- niſche Verachtung geſehen, wie in den Mienen der Män- ner, — ſo viel höhniſhe Schadenfreude wie in den Bliden der andern Mädchen. — Und das iſt hier im Lokal, wo ſie ſozuſagen bei ſich iſt, unter den Fhrigen. — Außer-
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halb nun erſt! — O i< denke mir, ein ſolches armes Ding muß nach einer freundlichen, einfach menſchlichen Berührung lechzen.“
„Das iſt richtig. Manchmal ſind ſie ſehr dankbar dafür. I< hab es mitunter auch ſchon beſtätigt ge- funden. “
„Sie?“ Fenia heftete voll Intereſſe ihre hellbraunen Augen auf ihn. Sie war ganz und gar bei der Sache.
„Warum nicht ich?“
„Weil ich mir vorſtelle, daß ſolche Mädchen einem jeden Mann mit Mißtrauen begegnen, — müſſen ſie niht annehmen, er wolle von ihnen etwas ganz andres als ihr Vertrauen ?“
„Donnerwetter!“ dachte er und ſah ſich Fenia ge- nauer an. Dieſer Grad von Unbefangenheit , womit ſie über ſo heikle Dinge mit einem ihr ganz fremden Manne ſprach, hier, in Paris, in der Nacht, in dieſem Café, — und dabei ein Ausdru> in ihren Mienen, als unterhielten ſie ſich über fremdländiſche Käfer.
Waren Griſetten, junge Männer, Nachtcafes und Liebesabenteuer ihr wirklih dermaßen fremdländiſche Käfer ?
„Dieſe Annahme würde ihr Vertrauen dem Manne gegenüber vermutlich gar nicht beeinträchtigen, “ entgegnete er inzwiſchen Fenia auf ihre Frage, „denn daß er neben feiner menschlichen Anteilnahme vielleicht auch von ihnen als — als Frauen etwas empfangen will, das halten fie für ganz natürlih. Das Gegenteil würde wohl gar ihre Eitelkeit kränken und keinesfalls ihr Selbſtbewußt- ſein heben.“
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Er blickte bei ſeinen Worten um ſich, ob der kleinen Geſellſchaft, die längſt zu andern Geſprächsſtoffen über- gegangen war, die Unterhaltung vernehmbar ſei, und beugte ſich näher zu Fenia, um mit gedämpfterer Stimme fortfahren zu können.
„Es it auch gar nicht ſo verwunderlich, wie es Ihnen vielleicht ſcheint,“ bemerkte er, „denn Sie dürfen niht vergeſſen, daß es ſich dabei nur um eine dieſen Weſen ganz geläufige Verkehrsform handelt, — um eine jo gewohnte und geläufige, daß ſie in ihr unwillkürlich alles und jedes zum Ausdru> bringen, au< Seelen- regungen der Freundſchaft, Dankbarkeit oder Sympathie, die in die ſinnliche Aeußerungsform nicht genau hinein-
paſſen. Es iſt eben ihre Art von Sprache geworden.“ | Auch die vertrauliche Nähe, in der er das zu Fenia ſagte, und ſie gleichſam mit ſich iſolierte, ſtörte ſie augen- ſcheinlich nicht; ſie ſenkte den Kopf und ſchien nach- zudenken.
Nach einer kurzen Pauſe fragte ſie lebhaft :
„Sie meinen alſo, auc< dieſe Mädchen hegen oft rein kameradſchaftlihe Geſinnungen Männern gegenüber und äußern ſie nur — nur — ſozuſagen nur falſch? Das kann ich mir ſchwer vorſtellen. Denn wenn es auch die ihnen gewohnteſte Sprache iſt, worin ſie alles und jedes ausdrüden, — alle Menſchen haben doch verſchie- dene Bezeichnungen für total verſchiedene Dinge.“
„Glauben Sie? ch meinerjeits glaube viel eher, daß auch in unſern Ständen ſich eine ganz ähnliche Be- obachtung machen läßt. Unſre Mädchen und Frauen werden ſo daran gewöhnt, mit den Männern ihrer Um-
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gebung eine rein fonventionelle, ganz unfinnliche Verkehrs: form zu üben, daß ſie in dieſer Sprache auch das noch ausdrücen, was ganz und gar nicht ſo abſtrakt gemeint iſt. Wie manches Mädchen meint mit einem Mann nichts als Geiſtesintereſſen und Seelenfreundſchaft zu tei- len, während ſie, — oft unbewußt, — nichts andres begehrt als ſeine Liebe, ſeinen Beſiß. =- Für eine kleine Griſette iſt die menſchliche Anteilnahme eines Mannes das bei weitem ſeltenere, gewiſſermaßen ausgeſchloſſene, — für die Dame unſrer Geſellſchaft iſt es die rückſichts- loſe Auslebung des Weibes.“
Kaum hatte er dieſe Tirade vorgebracht, als unglüc- licherweiſe die Geſellſchaft aufbrah. Mitten im Stühle rü>en und Durcheinanderreden faßte eine von den Da- men Fenia unter den Arm und ſchnitt ihm ihre Ant- wort ab. Es kam nicht mehr über ein höchſt unin- tereſſantes Geſchwäß aller mit allen hinaus.
Dennoch flanierte er neben ihnen her durch die nächtlihen Straßen, machte im „Chien qui fume“ das unvermeidliche Nachteſſen von Zwiebelſuppe und Auſtern mit, und bejchaute fih mit den andern in der Früh- dämmerung durc die breiten Spiegelfenſter des Reſtaurants das großartig maleriſche Bild der Wareneinfuhr in die Hallen. Dabei erfuhr er von einem ruſſiſchen Your: naliſten, der Fenias Eltern gekannt hatte, wenigſtens etwas vom äußern Umriß ihres Lebens. Von Geburt war ſie Moskowitin, begleitete aber ſchon früh ihren er- krankten Vater, einen ehemaligen Militärarzt, nach Süd- deutſchland und der Schweiz, wo ſie ihre Univerſitäts- ſtudien begann, — und nach jeinem Tode mit Hilfe von
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mühſamem Nebenerwerb, Stundengeben und Ueberſezungen aller Art hartnädig fortjegte. In Zürich ſchien fie mit lauter ihr befreundeten Männern zufammen zu ſtudieren, — einer von ihnen hatte ſie in den Herbſtferien aus hierher, na< Paris, begleitet, war dann aber nach Ruß- land abgereiſt.
Kam daher dieſer merkwürdig ſc<hweſterliche, geſchlechts- loſe Anſtrich, den ſie ſi< gab, als gäbe es für ſie auf der Welt nur lauter Brüder? Oder war es nicht viel wahrſcheinlicher, daß dies unendlich unbefangene Betragen nur den äußeren De&>mantel abgab für ein ganz freies Leben? Sie mußte doch ſchon recht viel von der Welt und den Menſchen kennen, — mehr als eines der wohl- behüteten jungen Mädchen unſrer Kreiſe.
„Immer wieder ſ<weiften ſeine Augen und ſeine Ge- danken zu ihr hinüber, von der er argwöhnte, ſie halte ſich eine höchſt kluge und gelungene Maske vor. Ste>te niht hinter dieſem Nonnenkleid<hen, das unter den andern Toiletten faſt auffiel, etwas re<t Leicht- geſchürztes, — hinter dieſem offenen, durchgeiſtigten Ge- ſiht niht etwas Sinnenheißes, worüber ſich nur ein Tölpel täuſchen ließ? — Spielte nur ſeine eigne Phantaſie ihm einen Streich, oder erinnerte Fenia nicht an die Magerkeit, Geiſtigkeit und ſtiliſierte Einfachheit einer modern präraphaelitifchen Geſtalt, die ſo keuſc< aus- ſchauen will, und doch geheimnisvoll umblüht wird von verräteriſ< farbenheißen, ſeltſam berauſchenden Blu- men — —?
Jedenfalls ging etwas Aufregendes von Fenia über ihn aus und reizte ihn ſtark, troß der Abneigung, die
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ihm damals jede ſtudierende oder gelehrte Frau ein- zuflößen pflegte. Ja, er nahm's faſt als Beweis, daß Fenia nur zum Schein eine jolche ſei —.
Beim Verlaſſen des Reſtaurants wurde noch der Vor- ſc<lag laut, die lange Nachtſc<hwärmerei mit einer Fahrt ins Bois de Boulogne abzuſchließen, aber ein vielſtim- miges Gähnen proteſtierte dagegen. Uebrigens ließ ſich auch an feiner Straßenede ein Fiaker blifen. End- ih entſ<loß man ſich, zu Fuß den Heimweg anzutreten, jeder Herr begleitete eine der Damen nach Hauſe, und Max Werner gelang es, Fenia auf ſeinen Anteil zu be- kommen.
Schon drang die Sonne durc< den Morgennebel und übergoß Paris mit jenem köſtlichen Frührotſchein, den die feuchte Luft über den Ufern der Seine erzeugt.
„Das iſt ganz herrlich!“ rief Fenia und blieb mitten auf der Straße ſtehn, ſetzte aber ſogleich ſehr proſaiſch hinzu :
„Wenn ich jetzt eine Taſſe ſtarken Kaffee bekommen könnte! Dann brauchte ih mich zu Hauſe nicht erſt niederzulegen, und der Tag wäre nicht verloren.“
„Sie ſehen nicht müde aus, ſondern ganz wunder- bar klaräugig,“ bemerkte er und ſah ſie an, „es wird Zhnen offenbar leicht, eine Nacht nicht auszuruhen.“
Sie nickte.
Zh bin's gewöhnt,“ ſagte ſie, „ih habe vorzugs- weiſe nachts bei den Büchern geſeſſen. Wenn's um einen her ſo ſtill iſt —“
„Das klingt doch wirklich rein wahnſinnig, wenn man ein junges Mädchen ſo etwas ſagen hört,“ er-
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widerte er faſt gereizt, denn es mißfiel ihm heftig, „ich, jo wie ich hier ſtehe, bin eben erſt der Bücherſtudiererei entlaufen wie dem ärgſten aller Frondienſte. Und Sie — ein Weib — ſpannen ſich freiwillig hinein.“
„Warum ſoll denn das ein Frondienſt ſein?“ ſie bli>te erſtaunt auf — „das, was unſern Geſichtskreis erweitert, uns das Leben aufſchließt, uns ſelbſtändig macht —? Nein, wenn irgend was in der Welt einer Befreiung gleicht, ſo iſt es das Geiftesftudium. “
„Sie iſt imſtande und benutzt dieſen Heimweg, = mitten auf der Straße, im Morgennebel, — zu einem philoſophiſchen Disput über den Wert des Geiſtes- ſtudiums für das Leben!“ dachte er faſt erbittert, und entgegnete im Brujtton ſeiner feſteſten Ueberzeugung :
„Aber, mein Fräulein! da irren Sie ſich nun wirk- lich! Es iſt im Gegenteil das Beſchränkendſte, Ein- Ichränfendfte, was es auf der Welt giebt! Und eigent- lich verſteht ſich das ja von ſelbſt. Die Wiſſenſchaft führt an der Wirklichkeit des Lebens, mit all ſeinen Farben, all ſeiner Fülle, ſeiner widerſpruchsvollen Man- nigfaltigkeit, völlig vorbei, =- ſie erhaſcht von alledem nur eine ganz blaſſe, dünne Silhouette. Je reiner, je ſtrenger und ſicherer ihre Erkenntnismethoden ſind, deſto bewußter und größer dann auch ihr Verzicht auf das volle, das wirkliche Erfaſſen ſelbſt des kleinſten Lebens- ſtüfhens. = — Deshalb iſt der Wiſſenſchafter, der ihr dient, an ſo viel Selbſtkaſteiung gebunden, an ſo viel bloße Schreibtiſchexiſtenz und geiſtige Bleichſucht. “
Während er redete, überlegte er ſich zugleich, daß der Weg bis zu Fenias Hotel ſehr kurz ſei, und machte
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deshalb auf alle Fälle einen Umweg, obwohl der Him- mel ſich bezog. Sie bemerkte auc< gar nichts davon, weder von der Himmelstrübung noch vom Umweg.
„Für uns Frauen, — für uns, die wir erſt ſeit ſo kurzem ſtudieren dürfen, iſt es durchaus nicht ſo, wie Sie da ſagen,“ widerſprach ſie, ganz eingenommen von ihrer Sache; „für uns bedeutet es keine Askeſe und keine Schreibtiſchexiſtenz. Wie ſollte das auc< möglich ſein! Wir treten ja damit nun grade mitten in den Kampf hinein, = um unſre Freiheit, um unſre Rechte, — mitten hinein in das Leben! Wer von uns ſich dem Studium hingiebt, thut es nicht nur mit dem Kopf, mit der Intelligenz, ſondern mit dem ganzen Willen, dem ganzen Menſchen! Er erobert niht nur Wiſſen, ſondern ein Stü> Leben voll von Gemütsbewegungen. Was Sie von der Wiſſenſchaft ſagen, klingt ſo, als ſei ſie nur noch die geeignetſte Beſchäftigung für Greiſe, für abgelebte Menſchen. Aber vielleicht ſeid nur ihr greiſen- haft. Bei uns begeiſtert ſie die Starken, die Jungen, .die Friſchen !“
„Ja, wiſſen Sie denn, was das beweiſen würde, wenn es wirklich ſo iſt?“ fragte er ärgerlich, und ſtu- dierte dabei mit verliebtem Wohlgefallen den Anſaß des braunen Haares an ihren Schläfen, der eine reizende kleine Linie bildete; „es beweiſt einfach, daß Jhr Ge- ſchlecht zurück iſt, daß es da lebt, vir vor Jahrhun- derten ſtanden. Etwa da, wo wir für jede wiſſenſchaft- lihe Erkenntnis auf den Scheiterhaufen gerieten, oder mindeſtens in öffentlichen Verruf. Damals hatte aller- dings das Leben für die Wiſſenſchaft no< etwas ver-
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dammt Charakterſtählendes und zog die ganze Exiſtenz eines Menſchen in die abſtrakteſten Erkenntnisfragen hinein. Aber ſolange das ſo iſt, iſt auch die feinſte geiſtige Kultur no< nicht möglich, -- die Kultur von heute, die über den Dingen jchwebt, — und von der die Frauen nichts wiſſen, wenn ſie ſtudieren.“
„Aber wenn ſie nicht ſtudieren ?“ fragte ſie ſpottend.
„Jawohl. Dann bekommen ſie dur<h den Mann eine Ahnung davon.“
„Bitte, =- wo ſind wir?“ unterbrach mich Fenia, und blieb ſtehn.
„Werden Sie nicht böſe! Jm Eifer des Gefechts ſind wir von der kürzeſten Heimwegslinie abgewichen. — — Aber i< wußte wohl: hier muß ſchon ein kleines Lokal offen ſein, wo Sie Kaffee bekommen können,“ fügte er jchnell Hinzu und führte ſie ein paar Schritt weiter, =- „ich konnte nicht vergeſſen, daß Sie ſo ſchmerz- lich nach Kaffee verlangten.“
Das kleine Cafe, vor dem ſie ſtanden, wurde aller- dings grade geöffnet. Aber auf ſo frühe Beſucher war es noch Feineswegs eingerichtet. Der Bejen, der drinnen über die Dielen fuhr, fegte ihnen mächtige Staubwolken entgegen, und die Stühle ſtanden noch friedlich auf die Tiſche geſtülpt da, wie während der Nachtzeit.
„I< glaube, es iſt noh weit nach meinem Hotel,“ meinte Fenia bedenklich, --- „iſt nicht jezt ein Fiaker —“
„Nah Ihrem Hotel iſt es freilich ein wenig weit,“ fiel er ihr ſchnell in die Rede, „aber wenn Sie — — —, ich kann es gar nicht ertragen, daß Sie um den er- ſehnten Kaffee kommen. Sie müſſen jeht ja noch viel
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durſtiger ſein. J< weiß einen Ort, wo Sie ſelbſt um dieſe frühe Stunde ganz vorzüglichen bekommen.“
„Wo denn? Ganz nah?“
„Ganz nah. Keine zehn Häuſer weit. Denn wir ſind hier zwar etwas entfernt von Jhrem Hotel, aber deſto näher bei dem meinen. Und meine Hotelwirte ſind auf die merkwürdigſten Kaffeeſtunden eingerichtet. Gehen wir hin. I< laſſe dann von dort einen Fiaker beſorgen.“
„Bei mir wird, glaub ih, der Speiſeſaal nicht ſo früh aufgemacht,“ meinte Fenia etwas verwundert, „aber wenn es ſo iſt — gehen wir meinetwegen.“
Jhre einfache Bereitwilligkeit irritierte ihn beinahe. Die mit ihr durchwachte Nacht hatte ſeine verliebte Neu- gier bis zu nervöſer Erregung aufgereizt. Wie, wenn er fie gar nicht in den allgemeinen Speiſeſaal führte? konnte ſie denn das wiſſen? Höchſt wahrſcheinlich war dieſer wirklich noch nicht auf. Aber ſeine eignen Zimmer lagen daneben.
Eine Art von ſtiller Wut kam in ihn, ſeine Unklar- heit über dieſes Mädchen quälte ihn. War es wohl mög- lich, daß ſie einem wildfremden jungen Menſchen ſo weit entgegenkam, ſich ihm ſo arglos anvertraute, wenn das alles nicht bloßes Raffinement war? Lachte ſie etwa im ſtillen über ihn? Oder von welchem fernen Stern war ſie auf das Pariſer Pflaſter gefallen ?
Ah, er war noh ſehr jung damals! Die Weiber taxierte er ganz bejonders deshalb noch ziemlich falſch, weil er Angſt hatte, für einen leichtgläubigen Dummkopf gehalten zu werden. Und was die ſtudierenden Frauen an- betraf, gegen die er eine ſolche Abneigung beſaß, ſo mußte
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er ſich geſtehen, daß er fie eigentlich no< nicht kannte, denn die Frauen ſeiner intimeren Bekanntſchaft gehörten ganz und gar nicht zu dieſer Raſſe.
Er führte Fenia in das Hotel garni, wo er wohnte, ließ ſie einige Stufen hinaufſteigen und öff- nete im breiten Korridor die Thür zu einem Zimmer neben dem Speiſeſaal.
Es war nicht ſein Zimmer, ſondern eine moment>n unbejegte große, helle Hinterſtube mit Saloneinrichtung, die er zu benutzen pflegte, wenn bei ihm aufgeräumt wurde. Als ſie eintraten, kraßte jedo<h nebenan ſein kleiner weißer Spiß, den er einer alten Straßenver- käuferin abgehandelt hatte, aufgeregt über die lang er- wartete Rückkunft ſeines Herrn, unter leiſem Gewinſel an der Thür. Max Werner ließ ihn herein, und er ſchoß unter freudigſtem Wedeln und Bellen auf Fenia und ihn zu, als gehörten ſie zuſammen.
Fenia war zaudernd ſtehn geblieben, nicht recht be- greifend, wo ſie ſich hier befand. Sie bükte ſich un- willfürlich zu dem Hund nieder, der ſich indeſſen zwiſchen ihnen hingeſetzt hatte und ſie befriedigt anſah, richtete ſich aber ebenſo raſch wieder auf und wollte etwas jagen, als ihr Bli Max Werners Geſicht traf.
Er hatte ſie ohne irgend eine klare Abſicht hier hereingeführt. Wie ſie jedo<h nun wirklich daſtand, in dieſem Zimmer, in dieſer völligen Abgeſchloſſenheit mit ihm allein, in dieſem ſchlafenden Hotel, auf deſſen (Gängen es noch ſo totenſtill war, daß man hinter den halb- geſchloſſenen Fenſierjalouſien das vergnügte Zwitſchern eines Spagen im Hofe hörte, — da, — ja, als Fenia
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da aufſchaute, ſah fie ihm zitternd vor Erregung über ſie geneigt, ganz nahe über ihrem Geſicht, und im Begriff, ſie mit beiden Armen zu umfaſſen.
Sie ſchrie nicht auf. Sie zu&te nur zurü>, bücte ſich ſchnell, um den Schirm aufzunehmen, der ihr bei der Begrüßung des Hundes entglitten war, und wandte ſich zur Thür.
„Wie ſchade!“ ſagte ſie dabei.
Es entfuhr ihr faſt bedauernd, zugleich im Ton außerordentlihen Erſtaunens.
Er ſtand einen Augenbli> verdutzt da.
Dann ſchwoll eine plötzliche Raſerei in ihm auf, =- ein blinder wütender Drang, ihr nur ja nicht den Willen zu thun, und ohne noh ſelbſt recht zu wiſſen, was er eigentlich damit bezweckte, ſtürzte er an ihr vorbei zur Thür, riß den Schlüſſel heraus, drehte ihn von innen im Schloß herum und ſte>te ihn darauf-in ſeine Taſche.
Fenia war wie eine Salzſäule ſtehn geblieben. Sie war furchtbar erblaßt. Jhre Blicke irrten durch das Zimmer, durc das Fenſter“in den Hof, wo der Spaß ſchrie, und blieben dann am hellen Klingelknopf der elektriſchen Glo>e haften.
Aber konnte ſie den Garcon herbeiläuten und ſich von ihm zu dieſer Stunde in dieſer Stube mit dem Fremden finden laſſen? — Und in den Hof hinunter- ſpringen konnte ſie ja do<h auch niht. —
Sie richtete ihre Augen, tief erjchroden, groß und fragend, auf ihn, grade als frage fie ihn danach, was nun zu thun ſei. Einen Augenblid lang war etwas Hilf: loſes und Hilfeheiſchendes über ihrer ganzen Geſtalt, wie
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über einem im Wald verirrten Kind. — Aber nur einen Augenbli>. Dann ſiegte ein andres Gefühl. Jhr Blik lief an ihm hinab, und ihre Lippen wölbten ſich in einem unausfprechlich beredten Ausdrud des Efels, — der Ver: achtung =.
Seine Hand fuhr, ohne daß er es ihr im geringſten anbefohlen hätte, in ſeine Taſche und zog, ohne ſich um den Lümmel zu kümmern, der dumm, rot und wie ein Schulknabe daſtand, den Schlüſſel heraus. Als aber die Hand Fenia den Schlüſſel reichte, begleitete er dieſe un- freiwillige Gebärde mit einem Gemurmel:
„39 -- vorhin, als ich die Thür zuſperrte, da mißverſtanden Sie mich, -- ich wollte doch nicht etwa, — nein, überhaupt nichts, — ich wollte ja nur, daß
Sie nicht in dieſer Stimmung fortgehen ſollten, — niht aufgebracht und zornig gegen mich.“
Die ſeltſame Logik dieſer Worte ſchien ihr nicht einzuleuchten. Fhr Geſicht trug no< immer denſelben Ausdru>, der es faſt verzerrte, — als ſäße ihr eine Raupe am Halſe und kröche langſam weiter.
Sie ergriff den Schlüſſel und ging ſehr ſchnell, ohne ein Wort, aus der Thür.
Er hinterdrein. Hinter ihm der Spit.
Einen Hut hatte er niht aufgeſeßt, ſie wäre ihm entwiſcht, während er ihn vom Tiſch holte. Und er fühlte ſich gänzlich unfähig, ſie ſo gehen zu laſſen, — auf im- mer, — ohne ein Wort, — lieber wollte er ihr nach- laufen, — ja das wollte er, — wie ein verliebter Pudel, — verliebt in dieſem Augenblid zum Närrifchwerden. —
Ganz nah am Hotel ſtanden ein paar Drojchken.
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Die ledernen Verde>e waren herabgelaſſen, ein feiner Regen fing an, vom Himmel niederzurieſeln. Jm ein- förmig grauen Morgenlicht haſteten ein paar Zeitungs- verfäufer, ein verjchlafener Bäderjunge vorüber. Die Straße entlang Elapperte ein Gemüfelarren.
Ehe es Fenia noch gelang, den Kutſcher auf ſeinem Bo> wachzurufen und in den Fiaker einzuſteigen, waren ſie ſhon zur Stelle, Max Werner und der Spitz, leb- terer in höchſter Aufregung dazwiſchen bellend.
„Hören Sie mich an!“ ſagte er atemlos zu Fenia und half ihr unter das Verde> zu gelangen, „hören Sie mich an! jehen Sie mid an! Nein, — ſehen Sie mic) nicht an,“ verbeſſerte er ſich, ſeines verwirrten Aus- ſehens, ſeines hutloſen Kopfes gedenkend, — „aber Sie ſehen ja, daß ich über meine eigne, wahnſinnige Dumm- heit außer mir bin! Sagen Sie mir, daß Sie mir ver- zeihen, — ſagen Sie mir ein Wort, — gehen Sie nicht
- ſo, — ich meine: fahren Sie nicht ſo.“
Er wußte durchaus nicht mehr, was er eigentlich ſagte.
Der Kutſcher war ſchwerfällig vom Bo geklettert, hatte ſeinem Pferde den Futtereimer abgehängt, nahm dem Tier die Schubde>e vom Rücken und faltete ſie be- dächtig.
Fenia ſchaute indeſſen unter dem Schirmdach des Verde>es hervor, in fich zuſammengeſchmiegt wie eine weiche Kaze, und ſah Max Werner ganz groß und ernſt an.
„Verzeihen?“ wiederholte fie, — „ich will Ihnen noch mehr jagen: da ift gar nichts zu verzeihen. Denn
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ich bin ebenſo dumm geweſen wie Sie, indem ich Jhnen folgte, ohne Sie und Ihren Speiſeſaal auch nur ein biß- <hen zu kennen. Ja, das war ſehr dumm, und ſo ſind wir quitt, denn Sie ſind auch nur ſo dumm geweſen, weil Sie mich nicht kannten. — Wir haben beide die- ſelbe Entſchuldigung dafür, daß wir es niht beſſer wuß- ten. — Denn obgleich ich jo viel unter Männern ge: weſen bin, ſehen Sie, ſo hat es ſich für mich immer jo glücklich getroffen, daß es immer die anſtändigſten Män- ner von der Welt waren. Ja wahrhaftig. Sie ſind der erſte unanſtändige =- Mann, den ich =“
Sie brach ab, wie ſelbſt erſchro>en über das belei- digende Wort, womit ihre lange Rede abſchloß. Der Kutſcher war auf den Bok geſtiegen, der Gaul zog an, und Fenia drückte ſich errötend ins Dunkel des Verdes, während der Fiaker mit ihr davonraſſelte.
Max Werner ſtand auf dem Straßendamm und fuhr mechaniſch, mit düſterm Geſicht, nach ſeinem Kopf, um den Hut zu lüften, = der nicht darauf ſaß.
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In den darauffolgenden Tagen drängte es ihn ſehr, Fenia aufzuſuchen oder ihr zu ſchreiben, doch zauderte er immer wieder und unterließ es. Erſt nach längerer Zeit, als er ſchon mit einigem Humor an feine Ejelei zurüd: dachte, that- er es troßdem; aber da war Fenia, — Fiona Jwanowna Betjagin hieß ſie, — bereits wieder nach Zürich abgereiſt.
„Zndeſſen ſchien es des Schiſals Wille, daß ſie ſich wiederfinden ſollten, als ſie beide längſt niht mehr dran dachten.
Ein Jahr ging hin. Max Werner verbrachte es, nach ſeiner Rükehr aus Paris, in der öſterreichiſchen Heimat, wo ihn ſeit einiger Zeit etwas Liebes feſthielt und ſeine Reiſeluſt merklih abſhwächte. Da erhielt er
eines Tages einen Brief ſeiner einzigen Schweſter, die ſich . den leßten Monat bei einer nach Rußland verheirateten Freundin auf deren Gut aufgehalten hatte: ſie zeigte ihm ihre Verlobung mit einem in der Nähe von Smolensk begüterten Landedelmann an, und ſandte ihm zugleich einen ſchönen Gruß von Fiona Jwanowna Betjagin, — einer Verwandten ihres zukünftigen Mannes, die im Auslande ſtudiert und kürzlich promoviert habe.
Tief im Winter, Mitte Januar, reiſte Max Werner
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zur Hochzeit ſeiner Schweſter in die ruſſiſche Provinz. Dort, auf dem Gut von deren Freunden, wo eine Un- menge fremder Gäſte untergebracht waren, ſah er mitten im Trubel der feſtlichen Vorbereitungen Fenia wieder.
Als er ſie zuerſt erblickte, hätte er ſie faſt nicht wiedererkannt, obgleich er nicht hätte ſagen können, worin die überraſchende Veränderung gegen den Pariſer Eindruck liegen mochte.
Fenia ſaß in läſſiger Haltung zwiſchen einigen Be- kannten, ihre rechte Hand in träger Gebärde mit der Innenfläche nach oben gekehrt im Schoß, und ſeltſam feſtlich und feierlich im leuchtenden Weiß ihres ſeidenen Kleides. Während ſie heiter lachte und ſprach, ſah ſie doch zerſtreut aus, als verträumten ſich. ihre Gedanken ganz wo anders hin.
Ihre Geſtalt ſchien voller herangeblüht zu ſein, in allen ihren Bewegungen lag etwas Weiches, Abgerun- detes, was ſie nicht beſeſſen hatte, und was ihr eine har- moniſche Schönheit gab. Fenia war ſchöner geworden, als zu erwarten ſtand.
Ja, ſchöner, — doh den beunruhigenden Reiz von damals übte fie nicht mehr auf Mar Werner aus, — das Widerjpruchsvolle, Geheimnisvolle, was ihn damals an der fremden Studentin anzog und abjtieß, ſchien von ihr abgeſtreift zu ſein, ſeitdem das Weib, das er ſo un: ruhig in ihr geſucht hatte, in ihrem Aeußeren voller hervorgetreten war.
Das fühlte er troß der herzlichen Freude, womit er ſich von Fenia bewillkommnet ſah. Sie begrüßte in ihm ſogleich den neuen Verwandten, und beide lachten
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“ſie miteinander über ihren gemeinſamen verblichenen Pa- riſer „Liebesroman“, der gar ſo kurz geweſen.
Bei der Hochzeitstafel ſetzte Fenia ihn neben ſich, und ſie tranken, zugleich mit vielen andern Paaren, ſo- gar Brüderſchaft, an der jedoch nie ordentlich feſtgehalten wurde. Max Werner fiel der große Ernſt auf, womit Fenia ihm alle Einzelheiten und deren Bedeutung wäh- rend der griechiſh-katholiſ<hen Trauung, die der prote- ſtantiſhen folgte, zu erklären bemüht war. Zhn in- tereſſierten wohl die verſchiedenen Zeremonien, die er da jahb, doch konnte er eine etwas kekeriſche Bemerkung über ihre Ueberflüſſigkeit niht unterdrü>en.
„Ueberflüſſig?!“ ſagte Fenia erſtaunt, fügte jedoch ſchnell hinzu: „nun freilich, für einen Fremden, der's mitmachen muß. Für mich iſt es gradezu köſtlich, jo ' unterzutauchen in Weihrauchduft und Geſang und Kind- heitserinnerungen. I< bin ja ſo viele Jahre fortgeweſen. — — Und jett erſt fühle ih mich wieder zu Hauſe, wo all dies Altvertraute wieder um mich iſt. — — Ruß- land hat auch darin den großen Vorzug vor andern Ländern, daß man ganz ſicher iſt, alles auf dem alten Fle> wieder vorzufinden. Da iſt kein Haſten von Fortſchritt zu Fortſchritt, — es iſ alles jahraus, jahrein dasſelbe. “
Ueber dies vaterländiſhe Kompliment mußte Marx Werner lachen.
„Auch ein Grund, ſeine Heimat zu verehren!“ be- merkte er heiter, „aber in dieſem beſondern Fall — denken Sie — denkſt du — doch auch nicht mehr wie einſt als Kind. Dieſe langen Trauungszeremonien ſind ihres tieferen Sinnes ja doch entkleidet.“
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Fenia ſchüttelte den Kopf.
„Durchaus niht! im Gegenteil! Streift man die äußere Form ab, was iſt der tiefere Sinn? Er lautet etwa: da ſind zwei Menſchen, die ſich zuſammenthun wol- len für immer, — vermutlich weil ſie ſich lieben, — aber nicht nur zum Zwed ihrer perſönlichen Verliebtheit, ſondern zu einer gemeinſamen Aufgabe, — ſozuſagen im Dienſt eines Höheren, Dritten, worin ſie ſich erſt unlöslich verbinden. Sonſt iſt die ganze Unlöslichkeit zwecklos. Nein, ſie wollen darin über das nur Perſön- lihe, rein Gefühlsmäßige hinaus, — ob ſie es nun Gott nennen, oder Heiligkeit der Familie, oder Cwig- keit des Ehebündnifjes, — das gilt dafür gleich. — — In jedem Fall iſ es etwas andres, — auch etwas durchaus Anderwertiges, als nur Liebe zwiſchen den Ge- ſ<le<tern. “
„Mein Gott, Fenia Jwanowna !“ ſagte Max Werner ganz konſterniert, „Sie können einem wahrhaftig das ganze Heiraten verleiden! Mir läuft förmlich eine Gänſe- haut über den Nü>en. — — Zum Glüd irren Sie ſi. Unlöslich iſt die Geſchichte wenigſtens nicht. Es giebt ja doch Ausficht auf Scheidung —“
Fenia zu>te die Achſeln.
„Mag ſein — bei euch. Da drückt eben die Form den Inhalt nicht mehr voll aus. Hat alſo auch die ihr zukommende Schönheit und Feierlichkeit nicht mehr. Da kann ich mir ganz gut denken, daß ihr vielleicht leicht- ſinniger drauf los heiratet. — =- Wir ab“, -- -- ehe wir es thun, werfen wir uns auf die Kniee — ganz ſo, als ob wir das Entgegengejegte thun und auf Lebens-
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zeit unſre perſönlihen Genußrechte in einem Kloſter auf- geben wollten. “
Es war Mar Werner noch ebenjo angenehm und anregend wie früher, mit Fenia zu Ddisputieren, wenn ihre Meinungen auch ebenjo aufeinanderftießen wie da- mals in Paris. Aber wie in ihrem Aeußeren erſchien Fenia ihm auch in ihren Meinungen jeßt weit frauen- hafter als früher, und vielleicht bewirkte es grade dieſer Umſtand, daß ſie ſich in der kurzen Woche faſt unaus- geſebten Zuſammenſeins ſchließlich eng befreundeten.
Die einfache Schweſterlichkeit ihrer Umgangsformen, die er damals mit ſo argwöhniſchen Augen angeſehen hatte, wurde ihm hier im fremden Lande unendlich ſym- pathiſh, und ſehr bald erkannte er auh im Schlichten, arglos Vertrauenden des Benehmens einen ſpezifiſch ſla- viſhen Zug der Mädchen und Frauen. Fenia unter: ſchied ſi<h von den andern nur wenig, —— am wenigſten dur< den Umſtand, daß ſie ein ſo langes Studienleben geführt hatte. Der Ausdru> ihres Naturweſens war viel ſtärker als irgend etwas Angelerntes.
Endlich kam es ſogar dazu, daß Max Werner Fenia den größten Vertrauensbeweis gab, indem er ihr andeu- tete, was ihn jeßt ſo ganz an ſeine Heimat feſſelte und ihn dahin zurückzog. Sie erfuhr, daß er ſeit Jahres- friſt heimlich verlobt ſei.
Er geſtand es ihr während einer großen Schlitten- partie, die alle Gutsgäſte gemeinſam bei prachtvollem Winterwetter in die verſchneite waldreiche Umgebung unternahmen. Fenia und ihr deutſcher Freund kamen zuſammen in eine der niedrigen zweiſizigen „Salaski“
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zu fißen, die beim hellen Schellengeklingel der flinken kleinen Pferde pfeilſchnell über die hartgefrorene Schnee fläche dahinſauſten.
Auf Max Werners Geſtändnis bemerkte Fenia mit lebhaftem Intereſſe:
„Eine wirklich ganz ‚heimliche‘ Liebe? ch meine jo, daß wirklich niemand, ſelbſt die Nächſten nicht, etwas davon ahnt? Das muß ja ſehr ſchwer durchzuführen fein.”
„Das iſt es auch. Doppelt ſchwer, weil Jrmgard eine Norddeutſche iſt und das Leben nichts weniger als leiht nimmt. Jede Heimlichkeit jagt ihr hinterher tage- langes Entjeßen ein. Kleiner norddeutſcher Adel, der in alten, feſten Familientraditionen groß geworden iſt.“
„Wie ſind Sie denn miteinander bekannt gewor- den?“ fragte Fenia, „denn Sie, mein Lieber, machen doch umgekehrt einen leichtlebigen Eindru> auf uns junge Mädchen.“
„Bitte, bitte! J< bin nicht immer wie in Paris. Für Jrmgard war ich anfangs eine Art Ausweg und Rettung aus der etwas engen geiſtigen Atmoſphäre ihres Haufes. Damit fing es an.“
„Und deshalb hält Ihre Braut Sie für einen Tu- gendbold ?“ fragte Fenia ſpottend.
„D nein! Sie hält mich im Gegenteil für viel ſ<limmer, als ich bin. Das iſt meiſtens ſo. Aber das ſchre>t ſie niht ab. Sie liebt wie eine Königin, die gewährt, ohne zu verlangen. Das iſt die troßigſte Art von Mädchenſtolz. “
„Doch nur eine Maskerade für lauter übergroße
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Demut,“ fiel Fenia lebhaft ein, „— ah, wie deutſch iſt das! Aber da bringt fie Ihnen doch lauter Opfer. Leiden Sie denn nicht darunter?”
Max Werner machte unter ſeiner geliehenen Pelz- kappe ein verlegenes und pfiffiges Geſicht.
„— Leider nein!“ bemerkte er kleinlaut. „Jn dieſer Selbſtüberwindung und ſtolzen Demut liegt etwas, was unfereinen entzüdt. Es ſteigert die gegenſeitige Liebe, glaub ih —.“
Fenia ſchwieg einige Minuten. Frgend ein Gedanke ſchien ſie zu beſchäftigen. Dann äußerte fie plöglich:
„Und-troßdem, — troß all diefen ſ{<hwierigen Um- ſtänden, — will fie Sie noch nicht heiraten?”
Max Werner ſah jo verblüfft aus, daß Fenia zu lachen anfing.
„— Nicht heiraten —? ja, wie denn? Das iſt ja nur — — eigentlich bin ich ja doch nicht recht in der Lage dazu,” entgegnete er, noch immer genz verdußt von dieſer unerwarteten Auffaſſung, „= ſie würde natür- (ih gern ſo bald als möglich --. J< habe meinen ſehr kleinen Vermögensanteil früher ſchon ſo ſehr zu Reiſen und Studienzwecken angegriffen, daß ich erſt eine Pro- feſſur haben müßte. “
Fenia verfiel in Nachdenken. Sie ſaß mit geſenktem Geſicht, als horc<e ſie aufmerkſam auf das Schellen- geklingel der Schlittenpferde. Aber es mußten liebe und angenehme Betrachtungen ſein, die ſie hegte, denn ne ſaß ſo glüdlich in ſich zuſammengeſunken da, und auf ihrem von der Kälte rotgehauchten Geſicht blieb ein Lächeln ſtehn —.
Lou Andreas-Salomé, Fenitſhka. 3
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Nach den letzten Hochzeitsfeierlichkeiten reiſte Max Werner zuſammen mit Fenia nah St. Petersburg, wo er ſi< noc< etwas umſehen wollte, ehe er nach Deutſchland zurückging. Fenia mietete ſich in einer maison meublée des Newskij Proſpekts ein, um fich in Ruhe für ihre künftige Lehrthätigkeit vorzubereiten. Ihn führte fie gleich bei ihren einzigen Petersburger Verwand- - ten ein, ins Haus ihres Onkels, des Mannes einer verſtor- benen Schweſter ihrer Mutter, weil man dort deutſch ſprach und deutſche Intereſſen pflegte. Der Onkel war von baltiſchem Adel, Admiral in ruſſiſchem Dienſt und unter- hielt mit ſeinen drei Töchtern die gaſtfreieſte Geſelligkeit.
Den größten Teil der erſten Tage ſeines Aufent- halis widmete Max jedoch eingehenden Beſichtigungen der Hauptſtadt. Einmal, nachdem er jo lange in den Kunftfälen der Eremitage verweilt hatte, als das ſpär- liche Winterlicht irgend zuließ, verlangte es ihn nach einem ausgiebigen Spaziergang, und ſo ging er noch den ganzen Newskij Proſpekt hinunter, von dem man ge- wöhnlich nur eine gewiſſe Stre>e, zwiſchen der Admira- lität und dem Moskauer Bahnhof, zu ſehen bekommt. Hinter dem Moskauer Bahnhof iſt es nicht mehr der Newskij der vornehmen Nachmittagspromenade. Die breite jcehnurgerade Straße mit ihrer Einfaſſung von Kirchen und Paläſten macht eine ſcharfe Wendung und verändert plößlich ganz ihren Charakter. Anſtatt der eleganten Spiegelſcheiben der großen Magazine trifft man gewöhnliche Warenbuden und billige Bazare, deren niedrige Arkaden am Trottoir entlang laufen; anſtatt der europäiſchen Hotels, Wirtshäuſer zweiten und dritten
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Ranges und Schnapskeller mit grellen Plakaten über der Thür. Jmmer weniger herrſchaftlihe Schlitten ſau- ſen über den feſtgeſtampften bläulihen Schnee, immer volkstümlicher werden die Trachten der vorübergehenden Menſchen, — bis endlich von ferne, im blißenden Schein, den die Winterſonne den goldenen Kuppeln entlo>t, — das Alexander-Newskijkloſter herüberſhimmert.
Schon eine ganze Strede vor dem Klofter wird die Straße beinahe dörflich und erhält einen ſozuſagen geiſt- lichen Anſtrich. Weißbeworfene Gebäude mit goldenen Kreuzen oder goldener Strahlenform über dem Thor, Wohlthätigkeitsanſtalten, Kapellchen, fromme Aſyle er- heben ſich zwiſchen den kleinen, niedrigen, demütigen Wohnhäuſern, die auch nur noc< weiße Kleidchen an- zulegen wagen. Und darüber ragt die gewaltige weiß- goldene Himmelsſtadt mit ihren Kloſtermauern, Kuppeln und Kirchen gegen den blaßblauen Winterhimmel empor, — umhaucht vom Weihrauch, der aus ihren Heilig- tümern dringt, umſtanden von geweihten Buden, wo Betperlen, Räucherkerzen und Kränze verkauft werden, umklungen von Glo>en und Chorälen, — das Ganze eine unbeſchreibliche Symphonie von Weiß und Gold in- mitten dieſer weißen Schneelandſchaft unter den lebten goldenen Sonnenſtrahlen.
Und dahinter der weite, weite Kloſtergarten im tiefen Winterfrieden.
Max Werner wollte grade in den Garten eintreten, als er zu ſeiner Ueberraſhung Fenia darin erblidte; fie ſtand dicht am Eingang, an das goldblizende Staket ge- lehnt, und wendete ihm den Rücken zu.
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„Fenia Jwanowna, gehen Sie ins Kloſter?“ ſagte er ihr über die Schulter.
Sie wandte ſi< verwundert, nicht erſchro>en, um, und entgegnete aus der Pforte tretend:
„J<h habe mir das Kloſter angeſehen — — Und nun geh ich zu meinem Onkel, — jour fixe, Sie wiſſen ja! I< ſpeiſe dort. Haben Sie nichts Beſonderes vor? Dann kommen Sie doch mit, Sie ſind ja ein für allemal zur Familientafel geladen.“
„I< will es ſehr gern thun, Fenia, ſchon um Sie zu begleiten. Wollen wir bei dieſem ſanft ſibiriſchen Wetter die Promenade zu Fuß machen ?“
Sie nickte, und indem ſie ihr Geſiht mit dem vor- gehaltenen Bibermuff vor dem ſcharfen Winde ſchütte, ſchaute ſie ſich aufmerkſam nach allen Seiten um. Dann ſchritt ſie eine Zeitlang einſilbig neben ihrem Begleiter her.
„Wie ſind Sie nur darauf verfallen, grade hierher zu kommen,“ fragte ſie plößlich, — „dieſen Teil des Newskijs beſuchen ſo wenige. Man kann faſt ſicher ſein, daß man —“
„Wäre es nicht viel berechtigter, wenn ich Sie dasſelbe fragte?“ bemerkte er ne>end, „ein Spaziergang für eine junge Dame ohne Begleitung iſt das doh gar niht. J< glaubte Sie in die tiefſten Studien ver-
. tieft, habe Sie zartfühlend nur deshalb nicht aufgeſucht, — ich ftelle Sie mir ja jeit Paris immer noch wie be: ſeſſen von Fleiß vor, — und ſtatt deſſen bummeln Sie hier herum.“
„Ja, bummeln iſt das richtige Wort,“ ſagte ſie in zufriedenem Ton, — „wiſſen Sie, mit dem Fleiß iſt es
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ganz vorbei. Jh lebe jest ja auch in einer ſolchen Uebergangs- und Zwiſchenzeit, — niht wahr? Bis zu der mir verſprochenen Anſtellung. Und wie genieße ich das! Wiſſen Sie, es war Zeit, nach dem langen Arbeits- fieber. Jett ſtre>e und re>e ih mich, wie auf einem rechten Faulbett, =- ordentlich wie eine Rekonvaleszentin fühl ich mich, — da lebt man ganz anders. =- Paſ- ſiver, lauſchender, aufnehmender. =- Man wacht nicht, man ſchläft aber auch nicht. —“
„— Man träumt !“ ergänzte er aufs Geratewohl. Fenia ſah mit einem raſchen Bli zu ihm auf. Dann ſchwieg ſie.
„Eigentlich haben wir alſo die Rollen getauſcht,“ meinte er, „denn ich bin dieſes Jahr recht fleißig ge- weſen. = — Aber wie wird es Jhnen denn jchmeden, nach dieſer Zwiſchenzeit ein ſchwieriges Lehramt auszu- üben, — graut Ihnen nicht davor?”
Sie lachte.
„So weit hinaus kann ich im Augenbli> nicht vor- wärts denken. — — Aber -das wird recht ſchlimm ſein, denn es iſt mir eigentlich ſtets ſehr anziehend geweſen.“
Darauf ſchwieg ſie wieder mit nachdenklichem Ge- ſicht, als beſchäftige ſie etwas Unausgeſprochenes. Sie gelangten inzwiſchen auf den belebten Teil des Newskijs,
wo die ſie umdrängende Menſchenmenge, die ſie jeden Augen- bli> trennte, ohnehin die Unterhaltung erſhwert hätte.
Hinter der Polizeibrüde ſank die Sonne. Lange blaue Schatten liefen über den Schnee und ſchufen jene nordiſche Winterdämmerung, in der man jchon mitten am Tage nichts mehr vecht deutlich erkennt, und dennoch
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fremdartig davon berührt wird, daß hier und da hinter den Schaufenſtern die erſten Flammen aufzuden.
Das vorüberflutende Leben und Treiben auf der glänzenden Hauptſtraße paßte ſich der Stimmung dieſer Stunde wunderbar an, denn troß all des Gewühles war nichts Lautes, nichts Buntes, nichts Aufdringliches an dem ganzen Bilde, ſondern eine gedämpfte und diskrete Eleganz; das faſt lautloſe Durcheinanderjagen der Schlit- ten, das etwas beinah Geſpenſtiſches haben konnte, die gleichförmige dunkle Kleidung der pelzvermummten Damen, die langſam, ohne Haſt, faſt feierlich ſich vorbeibewegten, die Totenftille der breiten tief ver- ſchneiten Nebenſtraßen, in denen die Welt plößlich auf- zuhören ſchien, gaben allem eine Art von verträumter Poeſie, die vom lebensvollern und trivialern Lärm andrer Großſtädte ſcharf abſta<. Selbſt die E>en und harten Umriſſe der Häuſer hatte der Froſt mit blizenden Eis- kruſten abgeſtumpft und verwiſcht, und in der kalten, fryitallklaren Luft erſtarb jeder Ton, — Menſchenſtimme oder Schlittenglö>d<en, = ganz eigentümlich hell und fein wie ferner Geſang.
Fenia war gegenüber der Kaſanſchen Kathedrale vor einem hell erleuchteten Schaufenſter ſtehn geblieben. Sie ſ<lug den Schleier über ihre Pelzmüße zurück und be- trachtete die neuen Auslagen der Paſettiſchen Kunſthand- lung. Ganz vorn lagen die drei mittelmäßigen, aber ſehr populären Jlluſtrationen zu Lermontoffs „Dämon“: die Verführung Tamaras durch den Dämon, ihre Hingabe an ihn, ihr Tod durch ihn.
Fenia wies mit dem Muff darauf hin.
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„Zur Höhe des Himmels will ich mich heben, Zur Tiefe des Meeres ſenke ich mich,
Alles Irdiſche will ich dir geben!
Nur liebe mich! liebe mich!“
citierte ſie lächelnd und ging weiter.
„Was iſt das?“ fragte Max Werner.
„Improviſierte Ueberſezung, “ entgegnete ſie, „ſo ſpricht der böſe Dämon, nachdem er den Engel Tamaras in die Flucht geſchlagen hat. — — Dieſe Bilder treffen Sie hier in allen Häuſern, — Photographien, Gips- ſtatuetten. — Jh entſinne mich ihrer ſo gut aus meiner Kindheit, auch wir beſaßen ſie zu Hauſe. Es iſt trau- lich, ſie wiederzuſehen.“
„Rechte Bilder für ein junges Mädchen,“ bemerkte er, „haben Sie ſich nicht auch die Liebe ſehr dämoniſch vorgeſtellt? Kampf mit dem Engel, — hölliſche Selig- feiten, — bengaliſ<he Beleuchtung, — Weltuntergang.”
Sie ſagte lachend :
„Sh? O nein. I< ſtelle ſie mir ganz — aber ſo ganz — anders vor.“
Jn den großen milhweißen Glaskuppeln hoch über der Mitte des Straßendamms erſtrahlte urplößlih das elektriſche Licht und übergoß mit einemmal die dämmer- dunkle Straße mit ſeinem blendenden Mondſchein.
Als Fenias Geſicht in dieſer unerwarteten Helle neben Max Werner auftauchte, erſchien es ihm, mit dem kindfrohen Bli> und lachenden Munde, durchaus ver- ſchieden vom nachdenklichen Frauengeſiht im Kloſter- garten bei den lezten Sonnenſtrahlen. Jhre Mienen wechſelten im Ausdru> ſo ſehr, daß ſie faſt auch in der
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Form zu wechſeln ſchienen; nur wie ein promovierter Doktor ſah ſie niemals aus, eher wie alles andre.
„Ih wäre wirklich neugierig,“ bemerkte er, „wie Sie ſich die Liebe denken würden, wenn Sie daraufhin examiniert werden ſollten, anſtatt auf Philologie, Ge- ſchichte 2c.“
„Wie ich ſie mir denken würde? O ganz einfach. So ganz einfach und geſund. J< würde ſie dann ſicher mit den Dingen vergleichen, die am allerwenigſten dä- moniſh und romantiſch ſind. Mit dem guten geſegneten Brot, womit wir täglich unſern Hunger ſtillen, mit dem friſchen erhaltenden Luftſtrom, dem wir jeden Tag unſre Stube öffnen. Mit einem Wort: mit dem Wichtigſten, Schönſten und Selbſtverſtändlichſten, dem wir alles ver- danken, und wovon wir am wenigſten Phraſen machen.“
„Das iſt gar nicht übel geſagt! — Aber doch wohl noch etwas andres erwartet ihr davon: die große Sen- ſation des Lebens, — glauben Sie niht? — vor allem "die Senſation.“
Sie ſchüttelte den Kopf.
„Ih nicht. Dann ginge ja das Koſtbarſte, was man damit empfängt, verloren, denk ich mir.“
„Was iſt denn nach Ihrer Meinung das Koſtbarſte, was die Liebe Euch geben kann?“ fragte er lächelnd.
Sie bog in die Admiralität ein und entzog ihm damit den Blick auf ihr Geſicht.
„Frieden !“ ſagte ſie leiſe.
„Frieden!“ dachte er zweifelnd und folgte ihr in das goldſtroßende, weitläufige Gebäude, wo der Ad- miral Baron Michael Ravenius einen Seitenflügel be-
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wohnte. Jrmgard würde ihm ſchwerlich eine ſolche Ant- wort gegeben haben, — ſind die ruſſiſchen Mädchen phleg- matiſcher, oder proſaiſcher ? — fragte er ſich. Oder ſprach Fenia nicht nur deshalb in dieſer Weiſe, weil ſie wie ein Blinder von der Farbe ſprach ? Möglicherweiſe hatte ihr Temperament hier ſeinen blinden Fle>.
Oben im Empfangsſalon des Admirals war leider noch der jour fixe im vollen Gange. Um die Geſell- ſchafterin und die beiden älteren Töchter herum ſaßen noch etwa ein Dußend bligender Uniformen und dunkler Damentoiletten und machten jene überaus angeregt er: ſcheinende und überaus langweilige und langweilende Konverſation, wofür die konventionell abgeſchliffene Eleganz der franzöſiſchen Sprache ſich ſo beſonders gut eignet. Es war ganz amüſant, den tadelloſen Mecha- nismus dieſes Kommens, Sprechens und Fortgehens der durcheinanderſummenden Menſchen zu «beobachten, von denen jeder etwa eine Viertelſtunde blieb, um dann von der zweitjüngeren Tochter des Hauſes durch eine Flucht von Sälen bis in das Vorzimmer geleitet zu wer- den, wo zwei Diener in Matroſenlivree ihn in Empfang nahmen.
Etwa noch eine Stunde lang vollzog ſich das mit der Regelmäßigkeit und Genauigkeit eines Uhrwerks. Dann ging der lezte der Gäſte, und der Baron Rave- nius, ein hagerer alter Herr mit überariſtokratiſchen Händen und Füßen und ſtark gelihtetöm grauem Haar und Bart, reichte ſeiner Nichte Fenia mit altmodiſcher Galanterie den Arm, um ſie zur Mittagstafel zu führen, wo er ſorgſam den Stuhl für fie abrüdte,
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Mar Werner folgte mit der älteſten Tochter Nadeſchda, — bereits verlobt mit einem Attache der deutſchen Bot- ſchaft. Hinter ihnen die Geſellſchafterin mit den beiden andern Mädchen, von denen die jüngjte noch zur Schule ging, — und ganz zum Schluß die perſiſche Windhündin des Barons, Ruſſalka, die, ſilberhaarig, lang, ſchmal und vornehm, eine unverkennbare Aehnlichkeit mit ihrem Herrn beſaß.
Während des Eſſens wartete man meiſtens auf die Eröffnung der Unterhaltung durch den Hausherrn. Heute ſprach er nach genoſſener Suppe wie folgt:
„Man redet immer viel davon, daß in der deut- ſchen =- überhaupt in der ausländiſchen — Kolonie hier der Klatſch zu Hauſe ſei. Es hat natürlich ſo eine Kolonie, ſelbſt wenn ſie noch ſo groß iſt, im fremden Lande leicht den Charakter einer Kleinſtadt. Man wird leichter in böſen Leumund geraten, als anderswo. — — Wie haſt du es zum Beiſpiel anderswo gefunden, Fenia ?“
„Darauf hab ich wirklich nur wenig geachtet, Onkel Miſcha,“ antwortete Fenia, „es mag ſehr wohl der Fall ſein, daß auch ich oft tüchtig verklatſ<t worden bin, weil ich mich abjolut nicht um den Schein kümmerte, aber ich hatte immer einen genügenden Schuß an echten Kameraden, die das nicht bis an meine Ohren heran- kommen ließen.“
„Exponiert genug haft du dir freilich dein Leben eingerichtet,“ bemerkte der Baron, „mir faſt unbegreif- lih ſorglos. Aber man muß dir nachſagen, daß du es verſtanden haſt, vortrefflich ans Ziel zu kommen. Alle
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Achtung davor, — und vor dem Ernſt, womit du deine Jugend zugebracht haſt.“
Alle warteten mit einiger Spannung auf die Pointe dieſes Geſprächs, denn wenn der Baron mit ſeiner würde- vollen Umſtändlichkeit ſo weit ausholte und ſich in aller- lei geographiſchen oder ſozialen Allgemeinbetrahtungen erging, ſo beabſichtigte er meiſtens, etwas höchſt Spezielles vorzubringen. Umſonſt hatte er ſicher nicht die Klatſch- ſucht der ausländiſchen Kolonien feſtgeſtellt und zugleich ſeiner Achtung für Fenia vor ſeinen Töchtern ſo oſten- tativ Ausdru> gegeben.
Aber bei der Mittagstafel kam das „Spezielle“ nicht mehr. Erſt als nach aufgehobener Tafel die beiden jün- gern Töchter mit der Geſellſchafterin fortgegangen waren, und man in einem kleinen Wohngemach neben dem Speiſeſaal bei einer Taſſe Kaffee Zigaretten rauchte, wandte ſich der alte Baron plötßlich an Fenia mit den Worten: i
„Mein liebes Kind, du fiehjt mich recht beunruhigt, -- ich ſ<wankte wirklich, ob ich dir Mitteilung von der Sache machen ſollte, — aber ich möchte doch die Ge- legenheit benußen, wo Herr Werner zugegen iſt, — vielleicht wird er Rat wiſſen.“
Fenia hatte ſich läſſig in einem Lehnſtuhl aus- geſtre>t und ſtemmte ihre Füße gegen den ſilberhaarigen Rücken der Ruſſalka, die vor ihr lag und, die lange feine Schnauze auf die Vorderpfoten gedrückt , leiſe wedelte.
„Aber was iſt denn nur los, Onkel Miſcha?“ fragte Fenia neugierig.
„Sage mir, mein liebes Kind, beſiteſt du Feinde?
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Du weißt, es kann eine Ehre fein, Feinde zu haben! — — Kennſt du irgend jemand, der ein Intereſſe daran hätte, dich zu verleumden?“
Sie ſchaute erſtaunt und lächelnd auf.
„39?! -- -- Nein, ſicher nicht. -- Hat ſich ein ſolcher Böſewicht -gefunden ?“
„Das wird ja drdentlich intereſſant,“ bemerkte Max Werner und ſtand auf, „da könnte ich am Ende noch hier für Fenia gegen irgend einen ſibiriſchen Drachen zu Felde ziehen 2“
Aber der Onkel teilte die heitere Stimmung nicht; ſeine Miene blieb ſo feierlich und beſorgt wie zuvor.
i „Ih bitte euch, es ernit zu nehmen,“ ſagte er, beide Hände auf den Lehnen ſeines Seſſels, =- „laß jeht das Spiel mit der Hündin, Fenia! Es iſt eine ganz abſcheu- lihe Verleumdung, worum es ſich handelt. Jemand behauptet, dich geſehen zu haben, -- zu ſehr vorgerücter Nachtſtunde in einer entlegenen Straße, — zuſammen mit einem Herrn. “
„Wer iſt es, der es behauptet?” warf Fenia ein.
„Das eben möchte ich durchaus ermitteln: die erſte Quelle des Klatſches,“ erwiderte der Onkel unruhig, „mir iſt die Mitteilung vom ſc<händlichen Gerücht durch einen erprobten alten Freund des Hauſes zugegangen, der ſich mit mir darüber aufregt.“
„Mein Gott! daß dn das ſo“ ruhig nehmen kannſt!“ murmelte Nadeſchda, die neben Fenia ſaß, und langſam ihren Kaffee ſchlürfte, „ich war ganz außer mir, wie ich davon erfuhr. Wie ſchleht iſt die Welt! J< zerbrach mir dermaßen den Kopf darüber, daß ich faſt meine
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Migräne befam. — — Bei dir wird es auch noch mor- gen nachfommen.”
„3<h zerbrehe mir den Kopf nicht. Bis morgen werf ich es weit -- weit hinter mich!” ſagte Fenia, und ihr Geſicht leuchtete auf.
Max Werner blidte auf fie.
Ihr Kopf lag an die Stuhllehne zurücdgelehnt, die Augenlider waren jo tief geſenkt, daß ſie den Blik ganz verde>ten. Aber ihre Lippen wölbten ſich ein wenig, — ein wenig nur, doch jo überzeugend beredt im Ausdrud, als ſei ihnen ein Trank zu nah gekommen, vor dem es
ſie ekelte. Urplößlih erinnerte dieſer Ausdru> der vollen roten Lippen Max Werner an etwas, — an das Er-
lebnis im Hotelzimmer in Paris, — und durch dieſen Umſtand umſtrahlte in dieſem Augenbli> in ſeinen Augen Fenia eine eiſige, unanzweifelbare Reinheit.
Wie oft mochte ſie in ihrem freien Studienleben im Auslande Verachtung empfunden haben für die Menſchen, deren billige Klugheit ihre Freiheit mißverſtand, und deren weiſes Urteil auf den erſten beſten Schein hereinfiel !
„Vielleicht löſt ſich die Sache als ein unglückliches Mißverſtändnis auf,“ meinte Max Werner. „Ließe es ſich nicht feſtſtellen, wie die Dame gekleidet geweſen ſein ſoll?“
Der alte Ravenius blikte raſch auf.
„Jawohl! die Kleidung ſtimmt genau. Langer Mantel, Fuchspelz, — Müßte, Muff und Kragen von Biberfell. “ :
„Jawohl, es iſt recht ſchlimm !“ bemerkte Max Werner, „in Paris oder Berlin oder Wien könnte der Anzug einer
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Dame ſchon ein Erkennungszeichen abgeben. Aber hier? Hier ſind die Damen auf das leichteſte einer Verwechs- lung ausgeſeßt. Denn ſie ſind alle gleihmäßig dunkel vermummt, höchſtens drei, vier Pelzſorten variieren. Jede Dame muß eigentlich darauf gefaßt ſein, ein paar Doppel- gängerinnen zu beſißen.“
„Das iſt wirklich wahr!“ beſtätigte der Baron ganz erfreut, „darauf vor allem müßte man hinweiſen! Darauf gründet ſich vielleicht der Klatſch. — — Und dann, denken Sie an die dichten Winterfchleier, die man bier trägt! Und oft ſind es niht einmal Schleier, jondern die feinen, weichen Drenburger Wollgewebe, die unſre Damen wie ein weißes Spinngewebe vor das Ge- ſicht binden, wenn es ſtark friert, — namentlich abends. — Reine Unmöglichkeit, dann jemand zu erkennen.“
„Lieber Onkel Miſcha !“ unterbrach ihn Fenia, „bitte, gieb dich mit dieſer Geſchichte nicht ab. J< will es ein- fach nicht! Es iſt mir fatal und gänzlich ungewohnt, daß andre ſich um meinen Ruf abängſtigen, =- wenn der gläſern iſt, = =- ich bin's nicht!“
Der Baron erhob ſich und berührte mit ſeinen langen fühlen Fingern leicht, liebkoſend Fenias Wange.
: „Du darfſt nicht ſo ſprechen !“ verwies er ihr ihre Worte; — „du weißt, dein guter Vater hat dich jo frei erzogen, wie ich es für meine Töchter weder gewünſcht, noch jemals geſtattet haben würde. Aber du haſt ihm Ehre gemacht! Und du biſt, wenn niht meine Tochter, jo doch unſer teures Familienmitglied, für das ich ein- ſtehe überall und in allem, C’est convenu. N'en par- lons plus,“
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Fenia drüdte einen flüchtigen Kuß auf die lieb- koſende Hand ihres Onkels, als der alte Herr ſo einfach und vornehm zu ihr ſpra<ß. Aber in ihre ruhige Stirn grub ſich die erſte kleine Falte bei ſeinen guten Worten ein. Offenbar empfand ſie es nur peinlich, daß irgend jemand für ſie einſtehen, verantworten, ſchüßende oder verteidigende Maßregeln ergreifen wollte. Sie begehrte nicht nach dem Schuß der Familie, und erſchien ihr vermutlich ebenſo lächerlich wie unbehaglich, mit einem- mal wie zerbrechliches Glaszeug behandelt zu werden.
Unwillfürlich verſeßten Max Werners Gedanken Jrm- gard in die gleiche Lage, und er ſah, wie ſie ſhon bei der bloßen Vorſtellung um vernichteten Mädchenruf litt und blutete. Beſaß ſie wirklich ſo viel mehr Menſchen- furht, ſo viel weniger Seelenkraft als Fenia? Nein! dafür kannte er ſie zu gut. Aber was die öffentliche Moral tadelte und lobte, das tadelte und lobte ſie ſelbſt bis zu gewiſſem Grade auch. Wenn ſie in Zwieſpalt mit der vorgeſchriebenen Lebensführung geriet, dann geriet ſie auch mit ſich ſelbſt in Zwieſpalt. Daher mitten im Rauſch eines Kuſſes das Erzittern geheimer Angſt, als beſäßen die Wände Ohren, — daher das Gefühl, daß die Liebe ſowohl der Genius ihres Lebens, als auch der allmächtige Dämon und Verſucher ſei, dem Gewalt gegeben iſt, den Engel zu verſcheuchen. =- Jrmgard er- wartete von der Liebe niht — Fenias „Frieden“.
Während alle in der Plaudere>e verſtummt waren, und Max Werner ſeine Gedanken ſo weit forttrugen aus dem Kreiſe, worin er ſich befand , ſtand Fenia auf und trat, begleitet von der Ruſſalka, an eines der hohen Fenſter ihm grade gegenüber.
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Mit etwas erhobenen Händen faßte ſie in die ſchweren
dunkelroten Damaſtvorhänge, die geſchloſſen vor dem Fenſter herabhingen, und ſchob fie ein wenig auseinander, um hinausfehen zu können. - Max Werner fiel ihre eigentümlich ſchöne Rücken- linie in dieſer Haltung mit gehobenen Armen und vor- geneigtem Kopfe auf, und ſeine Blicke blieben darauf ruhen. Noch immer hatte ſie die Vorliebe für dunkle, ſhlihtfallende Kleider, und no< immer trug ſie ihr Haar in zwei lihtbraunen Flechten kranzförmig um den Kopf geſchlungen.
Irgend etwas trieb ihn, ſich ihre ein wenig ge- zwungene Haltung gelöſt zu denken, paſſiv geworden, — er meinte vor ſich zu ſehen, wie ihre Hände den Vor- hang zuſammenfaſſen und vor das Geſicht ziehen, — wie der Kopf ſich tiefer und tiefer herabneigt in die ſchweren tiefrotſhimmernden Falten, — wie der Rücken gebeugt iſt, = die Schultern weiche, gleitende Linien bekommen, — bis die ganze Geſtalt in ſi< geſunken daſteht und, das Antlitz im Vorhang geborgen, weint. --
Es war wie eine Zwangsvorſtellung, aber nicht durch ſeeliſche Eindrücke oder Mutmaßungen hervorgerufen, ſondern wie ein maleriſcher Zwang, der in den Linien lag, die durchaus in dieſer Weiſe zuſammenfließen woll- ten, — bartnädig, alle Wirklichkeit fälſchend.
Aber dafür ging von dem Flluſionsbilde eine faſt ſeeliſche Wirkung aus, — etwas von dem widerfpruchsvollen Zauber, den Fenia urſprünglich für ihn beſeſſen hatte, —
Er fuhr ſich über die Augen, die zu ſchmerzen an- fingen, — nervös geworden.
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Da ſagte mitten in das Schweigen hinein Na- deſchda in ihrem feſt anerzogenen, ihr eingewöhnten Be- wußtſein, daß es ſchi>lich ſei, ſic< irgendwie zu unter- halten :
„Heute abend muß draußen herrliches Wetter ſein.“
Fenia wandte ſich raſch zu ihr um.
Die Hände unwillkürlich no<h ausgebreitet, den Vor- hang wie einen ſchweren Flügel hinter ihrem Rüden, ſtand ſie da, ein Bild ſorgloſer Geſundheit und lächeln: der Freude, und rief hell:
„Bitte, Onkel Miſcha! nehmen wir eine große Troika und fahren wir Schlitten !“
Lou Andreas-Salomé, Fenitſhka. 4
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Das Hotel de Paris, wohin Max Werner bei ſeiner Ankunft in Petersburg geraten war, befand ſich zur Zeit grade im Zuſtand einer teilweiſen Renovierung, wes- halb man ſeine ſchönſten Zimmer, diejenigen mit der Ausfiht auf den Jſaaksplaß und die Jſaakskathedrale, ſämtli geſperrt hielt. Infolge der daraus entſtandenen Veberfüllung in den übrigen Räumlichkeiten ſah er ſich auf einen Winkel angewieſen, wo er, eingeklemmt zwiſchen einem Ungetüm von Ofen und einem feſt verklebten, unaufſchließbaren Fenſter , faſt zu erſtifen meinte. So zog er denn an einem der folgenden Tage aus, und fand ſchließlich in einem echt ruſſiſchen Gaſthof, der „Sſewernaja Goſtiniza“, auf dem entferntern Teil des Newskijproſpekts ein ihn anſprechendes, preiswürdiges Zimmer mit viel Licht und freiem Bli> über den weiten Platz vor dem Moskauer Bahnhof.
Den Abend nach ſeinem Umzug dorthin paſſierte ihm etwas Seltſames.
Müde der Kramerei und der Scherereien des Nach- mittags, flanierte er ganz ohne Ziel ein gutes Stück jenes Newskijendes hinab, deſſen unbelebte Straße er
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fürzlih vom Moskauer Bahnhof bis zum Alexander- Newskijkloſter hin mit Intereſſe ſtudiert hatte.
Da, etwa zwanzig Minuten vom Kloſter, in dieſer des Abends völlig vereinſamten Gegend, hält ein Schlit- ten mit drei Pferden und klingelnden Schellen am Trottoir.
Ein Paar iſt im Begriff hineinzuſteigen. Der Herr groß, elegant gewachſen, in eng anliegendem kurzem Pelz, — die Dame von Fenias Wuchs, mit Biber an Kragen, Muff und Müte.
Sie wendete Max Werner beim Einſteigen den Rücken zu. Nur Fſekundenlang erhaſchte er ein Stückchen ver- lorener Profillinie im Licht der hier nur ſpärlich brennen- den Gaslaternen, — und doch! -- es mußte Fenia ſein!
Er zweifelte ni<ht daran, — ja, er zweifelte jo wenig, daß er nicht wagte, ſeinen Schritt anzuhalten, oder ſie anzurufen, oder zu grüßen, — und im nächſten Augenbli> ſauſte der Schlitten in der Richtung des Kloſters nach den Stadtgrenzen hinaus.
Er zog die Uhr. Es war elf vorüber.
Eine ungeheure Spannung bemächtigte ſich ſeiner. Fenia! ſollte Fenia ihn zum zweitenmal in ſeinem Leben zum Dummen gemacht haben, — dieſes Mal im entgegen- gejegten Sinn wie damals? Er war jegt genau jo ge: neigt geweſen, in Fenia nur das herb Unſchuldige zu ſehen, als ſei es ein für allemal ihre Eigenart und Signatur, wie er in Paris geneigt geweſen war, da- hinter ein beſondres Raffinement zu wittern.
Warum nur? Warum hatte er in beiden Fällen ihr Weſen ſo typiſch genommen, ſo grob fixiert ? fragte
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er ſich. Es war ganz merkwürdig, wie ſchwer es fiel, die Frauen in ihrer reinmenſchlichen Mannigfaltigkeit aufzufaſſen, und nicht immer nur von der Geſchlechts- natur aus, nicht immer nur halb ſc<hematiſc<. Sei es, daß man ſie idealiſierte, oder ſataniſierte, immer verein- fachte man fie durch eine vereinzelte Nückbeziehung auf den
kann. Vielleicht ſtammte vieles von der ſogenannten Sphinxhaftigkeit des Weibes daher, daß ſeine volle, ſeine dem Mann um nichts nachſtehende Menſchlichkeit ſich mit dieſer gewaltſamen Vereinfachung nicht dete.
Am nächſten Morgen war es Max Werners erſter Gedanke, Fenia einen Beſuch zu machen.
Sie wohnte etwa eine halbe Stunde den Newskij- proſpekt weiter zur Admiralität hinauf in einem ganz aus chambres meublées beſtehenden Hauſe. Unten im behaglich durchheizten Treppenraum, der oft eleganter zu ſein pflegt als die Wohnungen ſelbſt, nahm ein Por- tier mit prächtigen Silberlißen auf ſeiner Livree den
Ankommenden die Pelze ab. Auf der teppichbelegten Treppe begegnete man auch gewöhnlich der Wirtin, einer Provinzlerin in loſem, weit nac<hſchleppendem Kattunro>, die hier von früh bis ſpät umherſtrich und überall eine gewiſſe Unruhe und Unordnung um ſich verbreitete. Außer ihrem Ruſſiſch radebrechte ſie nur no< ein fehlerhaftes Franzöſiſch, Deutſch war ihr gänzlich fremd.
Fenia beſaß einen eignen Eingang von der Treppe in ihr Wohnſtübchen, das ſich in ein jchmales Schlaf- gemach öffnete. Das Fenſter war ganz vollgeſtellt mit ſchönen Blattpflanzen, die in der gleichmäßigen ruſſiſchen Zimmertemperatur ſo vortrefflich gedeihen. Neben dem
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Fenſter, über eine Näharbeit gebeugt, ſaß Fenia, als Max Werner eintrat.
Sie bli>te auf und ſtre>te ihm mit Herzlichkeit die Hand entgegen.
„Das iſt ſchön, daß Sie kommen. Setzen Sie fi dorthin. Z<h meinte geſtern abend, ich würde Sie bei meinem Onkel treffen. = Setzen Sie ſih. Wollen Sie rauchen ?“
„Sie waren geſtern abend bei Jhrem On- kel? Waren Sie lange da?“ fragte er mit fehlecht ver: hehltem Intereſſe, und fügte deshalb ſchnell hinzu: „Nun, hat er ſich rüber die Klatſc<hgeſchichte beruhigt ?“
„Bis zum Thee blieb ih. — Dieſe alberne Geſchichte hab ich ihm ziemlich ausgeredet,“ ſagte Fenia ruhig, und ſtichelte an ihrer Arbeit. Sie hatte heute eine weiße Morgenbluſe an, worin ſie weit jünger ausſah, kindlicher. Ihre beiden Flechten hingen ihr den Rücken hinunter.
„Dann wird die arme Dame, die da geſehen wor- den iſt, alſo wohl nicht weiter durc< Nachforſchungen behelligt werden. Sonſt hätte dabei noch das Drollige herauskommen können, daß ſie plößlich irgend eine eigne, vielleicht recht delikate Angelegenheit an die große Glocke gehängt ſieht, — um Jhretwillen, Fenia. Thäte Jhnen das nicht leid?“ bemerkte er halb ſcherzend, halb ironiſch.
Fenia hörte nicht auf den ironiſchen Ton hin. Sie ſtüßte das Kinn auf die Hand, ſah ihn an und ſagte unwillig :
„3a, wiſſen Sie, das iſt doch wirklich etwas Ab- ſcheuliches! Ih meine, daß den Frauen in manchen Be- ziehungen die Heimlichkeit einfach aufgezwungen wird!
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Daß ſie auch noch froh ſein müſſen, wenn ſie gelingt, — und vom Mann wie etwas Selbſtverſtändliches erwarten, daß er ſie durch ſeine Diskretion, ſeine Schonung, ſeine Vorſicht ſhüße und beſchirme. =- Ja, es mag notwendig ſein, ſo wie die Welt nun einmal iſt, aber es iſt das Erniedrigendſte, was ich noch je gehört habe. Etwas ver- leugnen und verſtefen müſſen, was man aus tiefſtem Herzen thut! Sich ſchämen, wo man jubeln ſollte!“
Sie erregte ſich an ihren eignen Worten. Fhre Wangen brannten, und ihre Augen wurden tief und bligend.
Die ein wenig frivole Spannung, in der Mar Werner heute zu ihr gekommen war, verlor ſich mehr und mehr; je länger er ihr zuhörte, deſto menſchlicher kam er. ihr nah. Er bemühte ſich, ganz ſo zu thun, als hielte er ihre Erregung für durchaus ſachlicher Natur, und als handle es ſich für ſie lediglih um einen ihrer beiderſeitigen ungeheuer philoſophiſchen Dispute.
„Sie vergeſſen doh etwas ſehr Weſentliches, Fenitſch- ka,“ warf er ein, „nämlich daß die öffentliche Meinung meiſtens doch nur die Hälfte der Schuld trägt. Denn zur andern Hälfte liegt es ja doch ſchließlich im Weſen aller intimen Dinge ſelbſt, daß -ſie geheim bleiben wollen, — daß ihnen jede Entblößung vor fremden Augen und Ohren das Zarteſte ihrer Schönheit nimmt. Manchen ſenſitiven Menſchen empört ſchon die offizielle Trauung gegen die Ehe, — wie viel weniger könnte nun ein ſol- her eine andre Form der Liebe, eine nicht allgemein anerkannte Liebe öffentlich bloßſtellen, = wie könnte er etwas ſo unendlich Jntimes und Verwundbares mitten
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in einen rohen Kampf hineinzerren, — ſozuſagen auf die Straße ſtellen zwiſchen den Pöbel —“
Fenia hatte ſehr aufmerkſam zugehört.
„Ja,“ ſagte ſie langſam, „ſo mögen wohl Männer urteilen, — — ihr, denen alles geſtattet iſt, und für die darum auch kein andrer Beweggrund zu einer Ge- heimhaltung vorzuliegen braucht, als nur ſolch ein innerer. Aber für uns iſt das ganz etwas andres. Wir fühlen das wohl auc<, -- ja ſicher no< viel feiner und ſcheuer als ihr, — — aber wir fühlen auch den Schein von Feigheit, der auf uns fällt dadurc<, daß wir der Heimlichkeit zu bedürfen glauben. Eine jede Heimlich- keit ſcheint niht aus Feingefühl, ſondern aus Menſchen- furht da zu ſein, — — und dann demütigt es uns auch, wenn wir uns von Menſchen achten und verehren laſſen müſſen, deren ganze Anſchauungsweiſe uns vielleicht ver- dammen würde im Falle unſrer Offenheit. “
„Das kann unangenehm ſein!“ gab er zu, „aber ſobald es nur ein Opfer iſt, das wir bringen, und nicht ein erlogener Erfolg, den. wir ſuchen, =“- kann man ſich doch wohl darüber hinmwegjegen. All dies iſt ja nur der Schein der Feigheit, — das klar zu erkennen und ruhig zu tragen, wäre eigentlich erſt die re<te Ueberlegenheit über die menſchlichen Vorurteile. Meinen Sie nicht? Sonſt iſt man doch eigentlich nur ein Wahrheitsproß.“
Fenia ſchüttelte den Kopf und blickte nachdenklich in das Fenſter hinein, wo zwiſchen den Doppelſcheiben dide weiße Wattſchichten jeden Luftzug abſperrten, und mit Waldmoos und bunten Papierblumen häßlich genug ausgeſ<müd>t waren.
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Man konnte ihren beweglihen Mienen aufs deutlichſte anſehen, daß ſie über irgend einen Gedanken mit ſich ſelbſt ins reine zu kommen verſuchte.
„Ach, Weberlegenheit! Was joll mir die!“ ſagte ſie darauf wegwerfend, „wir haben nun einmal das Ber: langen, für das, was uns am teuerſten iſt, auch am offenſten einzutreten ; und wir ſchätzen ſogar ganz unwill- kürlich den Wert einer Sache ein wenig danach ab, ob wir ſie zu einer Geſinnungsſache machen würden, — ob wir für ihr Recht kämpfen können.“
„Mein Gott! die Frauen ſind jet aber auch ſo ent- ſeßli<h kampfluſtig geworden !“ bemerkte er lachend, — „\o entjeßlich poſitiv und aggreſſiv, daß es kaum zum Aushalten iſt! Sehen Sie, das kommt nun von all der Frauenbefreiung und Studiererei und all dieſen Kam-
pfesidealen. — — — Die Frauen ſind die reinen Em- porkömmlinge! Verzeihen Sie, — — es liegt ja etwas
ganz Jugendliches und Kräftiges drin, aber es hat nicht den vornehmen Gejchmad. Alles zur Diskuſſion zu ſtellen, ſelbſt das Undiskutierbarſte, alles in die Oeffentlichkeit zu werfen, ſelbſt das Jntimſte, — — finden Sie das etwa jhön? J<h niht! Es vergröbert alle Dinge un- geheuer, fälſcht ſie ins Rationaliſtiſche hinein, wiſcht alle zarten Farbennüancen fort, jest allem gräßliche grelle Schlaglichter auf —“
Obwohl Fenia gegen ihn ſtritt, ſo ſah ſie ihn doh ganz unverkennbar ſo an, als ob ſie ſich ganz gern widerlegt ſähe.
Während er ſo ſchön ſprach, dachte er an etwas ganz andres: „Wer mochte dieſer Mann ſein? Ob er ſie
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Ihon lange liebte? oder ob es nur ein loſes Liebesaben- teuer war? Sie war ſo friedlih und glü>li<h, — der Klatſch erſt hat ſie aufgeſtört, — — ob ſie ſeiner ſo ganz ſicher war —?“
Schließlich brach er, durch dieſe Nebengedanken be- hindert, ſeine Rede ab und platte ungeduldig heraus:
„Aber das ſind ja überhaupt doch nur Bagatellen ! Für zwei Liebende bleibt die Hauptſache doch immer, wie ſie zu einander, nicht wie ſie zur Welt ſtehen. — — — Wie lange das Glü> währen mag, — wie gefeſtigt es iſt, = oder ob man ſich bei der erſten Not wieder verläßt, — das quält viel mehr.“
Um Fenias Lippen glitt das ſorgloſe unbefangene Lächeln, das für ſie <arakteriſtiſch war.
„Warum ſoll denn das quälen?“ fragte ſie halb verwundert und halb phlegmatiſc<, — „ich könnte mir gar nicht denken, daß ich einen Manu, den ich lieb ge- habt habe, grade in der Not verließe.“
Dermaßen naiv klang das, daß er faſt hell auf- gelacht hätte.
Er wurde ſogar plößlich ganz irre an ſeinen be- ſtimmteſten Mutmaßungen. — —
An den verlaſſenen Mann hatte er niht grade ge- dacht ! — — Führte ſie ihn vielleicht doh hinters Licht ? Wäre ſie nun doch wieder in Wirklichkeit die unſchuldige Fenia, ſo wäre das ja einfach, um aus der Haut zu fahren.
Etwas nervös griff er in Fenias Garnröllchen, die auf ihrem Nähtiſh herumlagen, ſpielte mit ihnen und legte ſie unſchlüſſig wieder hin. Er war gradezu ver- drießlich.
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Endlich ſtand er auf, um fortzugehn. Aber jebt konnte er ſich do< nicht enthalten, zu bemerken :
„Wiſſen Sie übrigens, daß ich kürzlich Ihre Doppel- gängerin ebenfalls zu ſehen geglaubt habe?“
„Ah!“ machte Fenia frappiert, und fragte nach furzem Schweigen:
„Wann denn?“
„Geſtern abend. Nicht ſehr weit vom Kloſter, wo wir uns neulich trafen. Sie ſtieg mit einem Herrn in einen Schlitten und ſauſte mit klingelnden Schellen davon. — — — 3b habe fie übrigens nur von hinten ge- ſehen,“ fügte er {nell hinzu, denn plößlich zweifelte er durchaus nicht länger, und ſchämte ſich ſeiner unritter- lihen Aufwallung. „Alſo vielleicht ſieht ſie Jhnen auch nur von hinten ähnlich, Fenitſchka.“
Sie erhob fih von ihrem Stuhl und las mit ge- ſenkten Augen von ihrem Ro> die Fäſer<hen und Fädchen ab, die beim Nähen daran hängen geblieben waren.
Sie ſah blaß und in ſich gekehrt aus. Sehr lieb ſah ſie aus.
Ihm that es weh, er verwünjchte fih und blidte mit Anſtrengung fort.
Da reichte Fenia ihm zum Abſchied die Hand.
„Nun, — und wenn ſie mir auch von vorn geglichen hätte, — Jhnen das Geſicht zugekehrt hätte, — mein Geſicht, =- was hätten Sie ſich dann gedacht?“ fragte ſie und ſah ihn dabei an.
Er hielt ihre etwas kalte, etwas nervös zuende Hand in der ſeinen, beugte ſich darüber und drückte zwei Küſſe darauf.
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„Liebe Fenitſchka!“ murmelte er, — „ich würde mir auch dann nichts weiter gedacht haben, als nur: welche frappante Aehnlichkeit.“
Dies geſchah am Vormittag.
Am Abend wollte Max Werner in die kaiſerliche Oper und kehrte nach ſieben Uhr in ſeinem Hotel ein, um ſich dazu umzukleiden.
Sein Zimmer lag zwei Treppen hoch, dem Treppen- aufitieg jchräg gegenüber.
Als er im Hinaufjteigen einmal aufblidte, ſah er von oben herab eine verſchleierte Dame kommen, die er durch Haltung und Bewegung faſt augenblicklich erkannte.
Es war Fenia.
Ihn durchbligte förmlih der Schre>, ihr in den Weg gekommen zu ſein. Dieſe erſte jähe Ueberraſchung in ſeinen Zügen konnte er hinterdrein niht wieder gut machen, mit ſo unbeteiligter Miene er dann auch, fremd und harmlos, auf der Treppe an ihr vorbeizugehn ſuchte.
Sie zauderte einen Augenbli> auf der Stufe, wo ſie einander begegnet waren.
Dann, blitzſchnell, drehte ſie ſich um, eilte ihm die übrigen Stufen nach, erreichte ihn grade noch, als er im Begriff ſtand, ganz entjeßt in ſeinem Zimmer zu ver: ſ{hwinden, und riß den Schleier von ihrer Müte.
„Mar!“ ſchrie ſie leiſe, heiſer, mit zugeſ<hnürter Kehle; „nein! das hier ertrag ich nicht!“
In höchſter Beſtürzung blieb er ſtehn, und ſeine er- ſchro>en forſhenden Blicke irrten über ſie weg nach der Treppe, ob auh niemand ihren Aufſchrei gehört habe.
Dann ſtieß er die ſhon aufgeſchloſſne Zimmerthür
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auf und ſchob Fenia ſo eilig er konnte hinein. Denn vom untern Sto>werk wurden Stimmen laut, und einer der Tatarenkellner geleitete fremde Herrſchaften hinauf.
„Liebe Fenitſchka !“ murmelte er faſſungslos und hor<te geſpannt nach dem Gang.
Sie ſtand, den Schleier in ihrer Hand zuſammen- gekrampft, und zitterte am ganzen Leibe, während ſie mit einem wilden Blik um ſich ſah und hinter ſich, — als ſtände da irgend jemand.
„Nein! nein! ich will das nicht! ich ertrag das nicht !“ rief ſie außer fih, — „Sie glauben, mich mit: leidig ignorieren zu müſſen, — und jekt wieder — — — mich -ſ<hüßzen, — ich bin doch keine Verbrecherin, die man aus lauter ritterliher Schonung nicht erkennt, — — 0 nein, pfui!“
Und ſie brach in leidenſchaftliches Weinen aus.
Er ſchob den einzigen bequemen Lehnſeſſel heran und drückte ſie ſanft hinein.
„Beruhigen Sie ſich doch nur ein wenig, Fenitſchka,“ ſagte er, — „was ſind denn das für Jdeen — Ver- brecherin, -- Unſinn! Wollen Sie etwas trinken? Wein, — Limonade? — Knöpfen Sie den Pelz ein wenig auf, Sie eritiden mir jonjt noch bier. Darf ich ihn ein wenig auffnöpfen ?“
Sie ſtieß ſeine Hand hinweg und weinte weiter.
Er kniete neben ihr auf den Teppich hin und bückte demütig den Kopf.
„Ach, Fenia !“ ſagte er lachend, „was ſind Sie doch für ein verrüdter Kerl! — Wenn Sie wütend ſind, ſo zaujen Sie mich, bitte, am Haar, — ſchlagen Sie mit
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Jhren lieben Fäuſten drein, — das dürfen Sie thun. — — Aber mit ſolcher Hingebung zu weinen! — Wer- den Sie wieder ruhig und lieb, ja ? — — Sonſt ſperre
ih Sie wahrhaftig ein, und ſtelle Sie in den Winkel. — — — Wiſſen Sie nicht mehr, wie ich Sie mal ein- geſperrt habe in Paris? Ach ja, damals haben Sie mich einigermaßen mißhandelt. Aber jeßt — jetzt ſind wir doch Freunde, feſte, gute Freunde! Etwa nicht, Fenia? I<h gehe für Sie durchs Feuer, wenn Sie wollen.“
Sie nahm ihr Taſchentuch vom Geſicht und ſah ihn mit ihren naſſen, geröteten Augen an.
„Wie ſollte ich wiſſen, daß Sie hier wohnen,“ ſagte ſie mit noh von Thränen erſtickter Stimme, =- „Sie waren ja doch im Hotel de Paris. =- — Sonſt wäre ih — hätte id — —“ ſie ſto>te und wurde verwirrt.
„Ja, das war eine entjegliche Dummheit von mir, es Fhnen nicht rechtzeitig zu ſagen, daß ih jeßt hier — — aber andrerſeits, wiſſen Sie, konnte ich ja auch nicht wiſſen, daß Sie =,“ murmelte er, und ſette in leichtem Ton hinzu: „— nun, was macht e8 denn! Soll ich Ihnen einen Schlitten beſorgen? Waren Sie im Fortgehn ?*
Fenia ſprang auf, und eine Blutwelle ergoß ſich über ihr verweintes Geſicht. Sie ſah zornig und bei- nah wild aus.
„Hören Sie mich!“ rief ſie entſchloſſen, „wozu ſpielen Sie Komödie mit mir, wozu faſſen Sie mich wie eine zerbrechliche Puppe an, der man gern was vormachen kann, wenn man ſie nur ſchön in Watte pa>t! ch weiß ſehr gut, daß Sie alles wiſſen! Nun wohl, ſo wiſſen Sie es denn! Ja, ja, ja, es iſt ſo! I< kam
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hierher, weil ich neulich hier in meinem Zimmer etwas ver- geſſen habe. Denn ich habe hier ein Zimmer. — — — Und geſtern naht, — geſtern nacht war ih es, die in den Sclitten ſtieg mit einem Mann, den ich lieb habe!“
Er fand ſie herrlich, wie ſie mit fliegendem Atem das ſagte. Herrlich wie ein Menſch, der Gefahren troßt, wie ein Menſch im Todesſprung, oder vor dem Feinde, vor dem Schuß, den er niht in den Rücken erhalten will. Jn ihrem Geſicht prägte ſich ein verzweifelter Heroismus aus, und in ihren Blicken zitterte dennoch das ganze Entſeßen vor der Heimlichkeit, vor der Ver- folgung, — und vibrierte in ihrer Stimme.
Er faßte ihre Hände und küßte ſie.
„Danke, Fenia !“ ſagte er ernſt, „ich danke Zhnen! Nein, wir wollen keine Komödie ſpielen, — wir haben es beide nicht nötig, — nicht wahr? Dafür aber neh:
‚men Sie mich zum Freunde und Bundesgenofjen an, ja?
- - — Jh weiß wohl, daß nur der elende Zufall mich zum Mitwiſſer gemacht hat. Aber laſſen Sie es keinen Zufall bleiben, machen Sie ein Vertrauen daraus! Darf ich es ſo auffaſſen ?“
Sie zog ihre Hände aus den ſeinen, hob ſie an ihre Schläfen, als ſei ihr der Kopf am Zerſpringen, und Ihaute ihn ganz ratlos und kindlich an.
„Wiſſen Sie, das iſt wie eine Erlöſung! — Wie eine Erlöſung!“ ſagte ſie, — „wie eine Erlöſung, daß es ausgeſprochen iſt! Wenn ich e8 doch jchnell hinaus- ſchreien könnte, — hinaus! hinaus! Allen in die Ohren ! So daß niemand es erſt mit ſeiner Neugier zu erſchleichen braucht! = — -- A<h, ein Grauſen hab ich in letter
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Zeit befommen, — ja, ein jolches Grauſen, als ob lauter Geſpenſter um mich berumliefen, — ein Grauſen, wie ih es als kleines Kind manchmal im Traum gehabt habe, wenn jemand hinter mir war, und ich lief und lief, — — und doch nicht vorwärts konnte.“
Es durchſchauerte ſie. Jhre Augen öffneten ſich ganz groß und erjchredt.
„Sie müſſen ſich zuſammennehmen, Fenia!“ ſagte Max Werner in beſtimmtem Ton und faßte ihre Hand, „augenbliklich ſind Sie in einem Zuſtand, wo Sie ſich fortwährend ſelbſt verraten würden. I< laſſe Sie ſo nicht fort — — Dies Grauſen, wovon Sie ſprechen, müſſen Sie beherrſchen, es darf Jhnen niht über den Kopf wachſen, hören Sie? Es iſt Nervenüberreizung, es wird vorübergehn, Fenitſchka. “
Sie hatte den Pelzmantel vorhin zurückgeworfen und auf die Seſſellehne hinter ſich niedergleiten laſſen. Sie ſtand im Kleide, aber ſcheu, wie auf dem Sprung. Ihre Blicke gingen flüchtig durch das Zimmer, über die ihr fremde Umgebung, als frage ſie ſich nun erſt, warum ſie eigentlich hergeraten ſei, warum ſie verweile.
Max Werner fürchtete, daß nac< dem erſten, faſt willenlojen Ausbruch ſie ſich plößlich von ihrer eignen Offenheit kalt und peinlich berührt fühlen könnte, — unter der Situation leiden, worin ſie ſich ihm gegen- über befand. Er fügte deshalb ſchnell hinzu :
„Sehen Sie ſich nicht erſt hier um, es iſt kein herrlicher Aufenthaltsort, das geb ich zu! Aber da Sie einmal bei mir zu Beſuch ſind, entlaufen Sie mir nicht gleich wieder, Fenitſchka. Setken Sie ſich ein wenig her,
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hier iſt niemand, der Sie beunruhigen oder belauſchen kann, — denken Sie ſich, Sie ſeien ruhig zu Hauſe. — — Und wiſſen Sie, daß in dieſem ſelben Zimmer Jhnen jemand nahe iſt, der auh „das Grauſen“ hat überwin- den müſſen — um meinetwillen, Fenia, — jemand, den Sie innig lieben würden. “
Damit hatte er das richtige Wort getroffen. Sie jebte ſich wieder und blickte ihn erſtaunt und erwartungs- voll an, — für den Augenblid von fich ſelbſt abgelenkt —.
„M „ſie“ hier? Wo?“ fragte ſie leiſe.
„Nein, ſie ſelbſt niht. Aber dort im Handkoffer, — da liegen wohlverſchloſſen in einer Kaſſette alle ihre Briefe. Und jo jind Sie hier in feiner, lieber Menſchennähe, Fenia, das dürfen Sie glauben. Dieje Briefe würden ‚sonen erzählen, wie gern auch ſie offen gegen alle Welt wäre, — und es doch nicht darf.“ ;
„Ja, ja!“ fiel Fenia etwas haſtig ein, — „genau ſo iſt es eigentlich auch bei uns.“
„Haben Sie ihn hier in Rußland getroffen ?“
„Nein. Er iſt mir hierher nachgereiſt.“
„Alſo kein Ruſſe.“
Sie ſah erſtaunt auf.
„Kein Ruſſe?! — — Ach ſo, — ja, warum ſollten Sie nicht meinen, daß es ein Ausländer ſein könnte — —. Kein Ruſſe! nein, das wäre mir unfaßlih. Für mich liegt eine ganze Welt darin, daß er ein Ruſſe, — mein Landsmann, mein Bruder, ein Stück von meines- gleichen iſt.“ ;
„Sie haben doch aber mit Ausländern ſchon ſo früh und ſo vertraut verkehrt, ſtudiert, — wie leicht hätte einer =“
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„Ja, verkehrt, ſtudiert !“ unterbrach ſie ihn. „Und damals dachte ih auch wohl: die Liebe, das iſt ſicher nur die höchſte Fortſezung ſolcher kameradſchaftlihen Freund- ſchaft, wo man ja ſchon ſo vieles teilt —.“
„Aber keinen davon haben Sie geliebt ?“
Sie ſchüttelte den Kopf. „Nein. Nie. Um man- <en, der um deswillen fortging, trauerte ich. Aber was konnte das ändern? ch wartete darauf, daß die Freund- ſchaft in mir bis zur Liebe ſtiege =- =. Sie ſtieg auch zuweilen, — immer höher und höher, — aber nicht in die Liebe hinein, =- ſie wurde dann zugleich immer dünner und jpiger, — — und eines Tages brach ſtets die Spie ab.“
„Alſo iſt es ſchließlich auch gar nicht einer Jhrer eigentlichen Geiſteskameraden geweſen ?“
„D nein!” ſagte ſie lebhaft, — „es war einer, mit dem ich noch nichts teilte. Den ich kaum kannte. — Grade nad) Beendigung meiner Studien, während einer Erholungsreife. — — Ja, und im Grunde trieb es mich auch niht, mit ihm dies und das zu teilen, — oder irgendwohin dort oben hinaufzuklettern, wo die Spitzen doh immer abbrachen. = — Dazu war ich auch zu ange- ſtrengt und erholungsfroh. — — Aber mich trieb es faſt von der erſten Stunde an, zu ihm hinzutreten und „du!“ zu ihm zu ſagen.“
Sie hatte den Kopf geſenkt und ſprach mit einem glücklichen Lächeln um die Lippen. Sie ſah bei ihren Worten ganz weltentrüdt und bräutlich aus. Er jehaute ſie mit“ Entzücken an.
„Ja, ſo. geht es nun im Leben zu,“ beſtätigte er,
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bemüht, ſie in der ſchönen Stimmung zu erhalten, „man macht ſi< große Theorien, man will geiſtig zuſammen- paſſen und will ſich auf Herz und Nieren prüfen, — und ſchließlich wählt man einander doh in der Gunſt der Stunde, und ohne alle weitern Kennzeichen. “
„Aber das ſind ja die allertiefſten Kennzeichen !“ rief ſie erſtaunt, — „das iſt ja eben der ungeheure Jrr- tum, zu glauben, daß „Geiſt“ und „Seele“, und wie alle dieſe ſchönen Dinge im Menſ<enverkehr heißen, etwas Edleres oder Tieferes ſind, als ſie. Nein, das weiß ich beſſer! Beſonders der Geiſt, der iſt ſhon durchaus nicht edler, ſondern das Gröbſte und Pöbelhafteſte iſt er, und ſaugt ſich mit ſeinem kalten Intereſſe unterſchiedslos an die allerverſchiedenſten Menſchen an, um ſie loszulaſſen, jobald er ihnen ihr Intereſſantes entnommen hat. Das hab i& oft gethan, — pfui! = — Aber auh die jo- genannten ſeeliſchen Freundſchaften! Etwas wähleriſcher ſind ſie, aber auch ſie kann man zu mehreren Menſchen haben, mehrere können ſich folgen, denn man bekommt ja auch in ihnen nur ein Teilchen des ganzen Menſchen, und giebt nur ein Teilhen. — — Man bleibt bewußt, — geizig, — genügſam. “
Was ſie da ſagte, kam ihr aus dem tiefſten über- zeugten Herzen. Sie verkündete es wie eine jauchzend errungene Lebenserkenntnis, — ſie war ſtolz darauf.
„Sie ſind ein rätſelhaftes Mädchen, Fenia!“ ſagte Mar Werner. „Und ich -- ich habe Sie für fühl ge- halten — —. Oder doh wenigſtens nicht re<ht zugäng- lich für den wirklichen Rauſch. Wer ſo jahraus, jahrein mit Männern umgehn und ſtudieren kann, ohne jemals
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in. das überzujchlagen, was — nun, was in ſolchen Fällen doch wohl das Gewöhnlichite ift —“
„Das Gewöhnlichjte?! Nein, das glaub ich jchon nicht. — Es iſt ja das Seltenjte und Bornehmite, was es im Leben geben kann. So ſehr, daß alles andre daneben nur noch ſchäbig und gemein ausſieht —“
„Sie meinen das wirklih =-- = —?“
„Ja, ſicherlih, mein Gott! Wie kann man daran zweifeln! Wie können Sie es, der ſelber geliebt wird !“ rief ſie, rot überflammt von Erregung, und ſprang auf, — „da kommt nun etwas und nimmt einen hin, und man giebt ſich hin, — und man rechnet nicht mehr, und hält nichts mehr zurüd, und begnügt ſich nicht mehr mit Halbem, — man giebt und nimmt, ohne Ueberlegung, ohne Be- denken, faſt ohne Bewußtſein, — der Gefahr lachend, ſich ſelbſt vergeſſend, — mit weiter — weiter Seele und ohnmachtumfangenem Verſtande, =- — und das, das ſollte niht das Höhere ſein? Darin ſollten wir nicht unſre Vornehmheit, unſern Adel haben? — =“
Sie ſtand da, von ihren eignen Worten berauſcht, und ſah ſo“ ſchön aus —.
Er hütete ſich wohl, die Einwände laut werden zu laſſen, die ihm auf der Zunge ſaßen.
Fenia erwartete auch keine Antwort. Sie ver- ſtummte, beſann ſich einen Augenbli> auf die Wirklich- keit und ſagte dann mit ihrer gewöhnlichen Stimme:
„Helfen Sie mir in den Pelz. ch will jegt end- li<h nac< Hauſe fahren.“
Er hielt ihr den Pelzmantel hin und bemerkte bittend:
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„Aber doch nicht allein? Soll ih Sie niht nach Hauſe begleiten? Sie find jet doch in ganz beruhigter und fröhlicher Stimmung, nicht wahr, Fenia, — ich kann mich darauf verlaſſen ?“
Sie nidte.
„3a. Mag's nun kommen, wie es Luſt hat. ch kann nicht lange ſo gequält leben. Jh muß ſorglos leben, oder gar nicht. Darum ſind Heimlichkeiten mir jo unſäglich wider die Natur. — — Froh bin ich, daß ich jeßt wenigſtens zu Ihnen offen ſprechen kann. = — Aber bitte, begleiten Sie mich nicht. Der Portier unten wird mich in den Schlitten jegen. I< möchte lieber allein ſein.“
„Wie Sie wünſchen. Aber zum mindeſten gehen Sie nicht ſo fort, Fenia, = möchten Sie ſich nicht er- innern — nah allem, was wir nun gemeinſam haben, — daß wir ſchon einmal Brüderſchaft getrunken haben? Möchteſt du nicht, wenn du nun zu mir ſprichſt, mich ein bißchen weniger ſteif anreden?“
„3a gewiß. Du -- und Bruder — von heute an!“ entgegnete fie herzlich und ernſt. „J< werd es nicht vergeſſen. Jh nehm es als einen feſten Bund.“
„Danke, — und die Bundesbeſiegelung?“ fragte er und hielt ihre Hand noch feſt, als ſie auf die Thür zuging. Da hob ſie den Kopf und gab ihm einen Kuß auf den Mund, — einen herzlichen, unbefangenen Kuß.
Aber ihre Lippen brannten noch von den leiden- ſchaftlichen Worten, die ſie vorher geſprochen.
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Mar Werner blieb Feine zwei Wochen mehr in Be: tersburg, aber in der Rückerinnerung kam es ihm immer wie eine weit längere Zeitſtre>e vor, ſo reihen Inhalt empfingen dieſe Wochen durch ſeine neue Beziehung zu Fenia.
Selten ein Tag, wo er ſie niht ſah, ſelten einer, wo er niht den ungewohnten Reiz einer ſo zutraulichen weiblichen Nähe- ohne alle erotiſchen Nebengedanken durch- koſtete. Es ſchien ihm ein gradezu idealer Fall, ge- ſchaffen dank ihrer beiderſeitigen Benommenheit von einer andern Liebe, und ganz beſonders begünſtigt durch Fenias Gewohnheit, ſich Männern gegenüber zwanglos gehn zu laſſen.
„Ein Mädchen wie Jrmgard erſchließt ſih nur, wo es liebt, und hält ſich ſonſt ſtets in der etwas kalten Strenge ihrer Mädchenhoheit zurü>, —- verſchloſſen und herb. Aber ſchließt ſich denn ein Weib wirklich auf, wo es liebt? Täuſcht es ſich nicht unwiſſentlich darüber ?“ fragte er ſich oft.
So zum Beiſpiel ſpra<h Fenia ſicher zu dem Manne ihrer Liebe mit viel rü>haltloſerer Intimität als zu ihm, -- aber that fie es nicht auch weniger einfach und ſahli<, — unbewußt bemüht, alles Verwandte in
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ihm und ihr hervorzukehren und einander zu vermählen, alles Störende zu beſeitigen ?
Ihm gegenüber fiel das fort, und er ſah ſie manch- mal vor ſich gleich einem Modell , deſſen Seelenformen er nur abzubilden brauchte, — nicht jo, wie eine Geliebte vor ihm ſtehn würde, deren ſeeliſche Reize ſo individuell wirken, daß ſie das klare Urteil beſtehen und verwirren, —— ſondern wie ein Stü> weiblichen Geſchlechtes in der beſtimmten Verkörperung, die ſich Fenia nannte. Zum erſtenmal glaubte er, dem Weibe als ſolhem nah zu kommen, indem er Fenia immer näher kam.
Perſönliches aus ihrem Liebesleben erzählte ſie ihm nie.“ Sein Wiſſen um dieſes Ereignis wirkte nur wär- mend und belebend auf alles, was ſie ſonſt miteinander teilten. Seine Gedanken indeſſen kreiſten mehr als ein- mal um den ihm fremden Menſchen herum, dem dies liebe Geſchöpf zugehörte, und je nach Laune und Stim- mung machte er ſich von ihm die allerverſchiedenartigſten Vorſtellungen.
Während einer Abendgeſellſhaft beim alten Baron, wohin er Fenia begleitet hatte, erwähnte ſie gegen ihn zum erſtenmal wieder der heimlichen Angelegenheit, wo- durch ſie Freunde geworden waren.
Das Souper war eben beendet, und man ſtand oder ſaß zwanglos in kleinern Gruppen zuſammen, wie der Zufall es grade gab. Er hatte ſich lange mit Na- deſchda und ihrem Verlobten unterhalten, — dem Typus eines Brautpaars, das ſich gern iſolieren möchte, und ſtatt deſſen ſeine Blicke und Worte an alle verteilen muß. Jetzt näherte er ſich Fenia, die im Augenbli> allein,
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— und wie immer in lächelnder Beobachtung des bunten Menſchenbildes, — hinter einer Palmengruppe am Fen- ſter ſaß, und blieb vor ihr ſtehn.
„Weshalb ſchauſt du mich ſo an?“ fragte Fenia.
„34h vergleiche dih im ſtillen mit der andern Braut hier im Saal; — an der armen Nadeſchda iſt heute alles erzwungene Höflichkeit und verhaltene Sehnſucht ; ſie hat rote heiße Fle>en. auf den Wangen, und ihre Augen glänzen zu ſehr.“
Fenia lachte.
„Hoffentlich bemerkt der Onkel das nicht!“ ſagte ſie.
„Und über dir, wie du da ſikeſt, iſt eine ſolche ſelige Ruhe ausgegoſſen. “ :
„I babe eigentlich gar feinen Grund, ſo ſelig zu ruhen ,“ entgegnete Fenia, aber. ihre vollen warmen Lippen lächelten immer noch, — „denn heute haben „wir“ uns zum erſtenmal =- gezankt.“
„D das iſt mir höchſt intereſſant ,“ bemerkte er ziemlich eifrig und zog einen Stuhl heran — „darf ich wiſſen, was der Anlaß war?“
Jetzt ſah ſie ernſter aus, eine kleine Falte ſchob ſich ſogar zwiſchen ihre Augenbrauen, die über der Stumpf- naſe ganz nah zuſammenkamen.
„Der Anlaß iſt ganz gleichgültig. Der Grund iſt einfach: er iſt gequält und gereizt,“ ſagte ſie.
„Mein Gott! er, der es ſo gut hat?“
„Er leugnet eben, daß er es gut hat,“ fiel ſie ein, „aber die Wahrheit iſt: er iſt viel anſpruchsvoller ge- worden. — — Wir haben uns immer nur ſtundenweiſe geſehen — von allem Anfang an, — und nicht einmal
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täglich. — — Sich zu allen möglichen Tagesſtunden, im Hellen, — — zu allen möglichen Beſchäftigungen und Ausgängen zu treffen, iſt doh nun einmal einfach un- möglich. “
„Und das iſt es alſo, was er will?“
„Ja. Er ſagt, das ſei das einzig Natürliche. Alles andre ſei Qual. Nach ſeiner Auffaſſung ſollte man ſich überhaupt ſo gut wie gar nicht trennen. — — Dabei ſieht er ein, daß wir uns des entſtandenen Klatſches wegen eher ſeltener ſehen ſollten.“
„Sage mir nur, Fenitſ<ka, warum machſt du es dir nicht leichter, =- warum führſt du ihn zum Bei- ſpiel niht hier bei deinem Onkel ein, — wär er nur anerkanntermaßen dein Freund, wie ih, — ſo — ſo —“
Sie ſah ihm grade in die Augen.
„So könnte er insgeheim viel bequemer mein Ge- liebter ſein, nicht wahr?“ vollendete ſie.
„Mach doch nicht gleich jolche Augen! was jteht dent eigentlich entgegen?“ warf er ein.
Sie ſagte nur leiſe, ohne ihren Blid von dem jei- nen zu laſſen:
„Es würde häßlich werden! Und ich will, daß es ſchön iſt.“
„Nun, ſtreiten läßt ſich über dergleichen ja nicht. Aber dir ſelbſt fällt es doh wohl ebenſo ſchwer, wie ihm, euren Verkehr nicht nach Belieben ausdehnen zu können, — daher ſc<lug ich es nur vor.”
Sie ſenkte die Augen und ſchien nachzudenken, wie ſie es ſo oft mitten im Geſpräch that. Eine leichte Röte ſtieg dabei in ihre Wangen.
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„Ja, weißt du, für mich ift es ja eigentlich wieder anders als für ihn,“ erwiderte fie darauf zögernd, „— ich kann nicht recht jagen, woran das liegen mag. Aber jedenfalls wär es ja für mich nichts ſo Seltenes und Neues, mit einem Manne alle möglichen Intereſſen und Beſchäftigungen zu teilen, — alle Stunden des Tages in anregender und geiſtig fördernder Weiſe zu ver-
bringen. Ihm iſt das neu. =- = I< -=- ja, ich ſehne mich lange nicht ſo ſtark danah. — — Würdeſt du es thun?
„Jh?!“ fragte er etwas unſicher und dachte an Irmgard, „= ich glaube, das würde außerordentlich na< meinen Stimmungen wechſeln. = -- Aber ver: gleiche mich doch nicht mit deinem — — deinem — —. Er iſt vielleicht fürchterlich konſequent und ernſthaft ?“
Sie lachte leiſe auf, voll Schalkhaftigkeit.
„Nein, das iſt er nun doh nicht. Jung und lieb iſt er, — von allen meinen Bekannten und Freunden der am wenigſten ernſte. — Wir fingen nicht grade mit der Philo- ſophie an, — er hatte feine Ahnung, daß ich mit der was zu thun gehabt hatte. Im Gegenteil, er hielt mich urſprünglich für re<t leichtlebig, — weil ich jo frei zu leben ſchien. =- — Jhr ſeid eben rechte Menſchenkenner !“ fügte ſie mit einer kleinen verächtlichen Grimaſſe hinzu.
„Was ſagte er denn, als es ihm allmählich auf- ging, daß er einen promovierten Doktor vor ſich hatte?“
„Ach, das iſt ihm ja niemals aufgegangen. Davon hat er nicht viel zu ſehen bekommen. = — Aber doch ſagt er jetzt, er habe früher nicht gewußt, daß man mit einer Frau geiſtig ſo ſtark verſchmelzen könne, — und
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hätte er es nur geahnt, ſo würde er mich von allem Anfang an ſo anſpruchsvoll geliebt haben, wie jeßt, — mit ſolhen Anſprüchen an alle meine Zeit und jeden meiner Gedanken. “
Max Werner ſchwieg dazu und dachte ſich im ſtillen mancherlei. Ein paar Minuten ließen ſie, ohne zu reden, das Stimmengewirr der Menſchen um ſich herumſummen ; einer der Diener in Matroſenlivree kam zu ihnen mit ſeinem ſilbernen Tablett voll Obſt und Süßigkeiten, ein paar der Gäſte fingen an, ſie in ihrem Verſte> zu be- merken. Fenia ſchaute mit blinzelnden Augen in den Kerzenglanz, ſie beobachtete niht mehr, ſie träumte. Aber immer noch lag die ſelige Ruhe über ihren Zügen aus- gebreitet.
„Weißt du noch, wie du mir mal auf dem Newskij, vor Paſettis Kunſtverlag, ſagteſt: das Koſtbarſte, was Liebe giebt, das iſt Frieden?“ fragte Max unwillkürlich. Sie ni>te und atmete tief auf.
„3a! Vom erſten Augenbli> an war es ſo. Dank ihm, daß ich Frieden kenne! Ein ſo tiefes Ausruhen und Ge- nügen. Nicht einmal Sehnſucht, — nicht Qual nach mehr, — nicht alle dieſe innern Kämpfe, — wie er ſie jezt durhmacht. I< verſtehe das einfach niht. — — I<h ruhe wie in einer Wiege, weißt du, — die leiſe ge- ſchaukelt wird, — darüber blauer Sommerhimmel, und ringsherum blühende Wieſe, — hochſtehende, üppige Wieſe voll Klee und langen Halmen, ſo wie ſie kurz vor dem Mähen iſt, — — hier in Rußland haben wir ſo wundervolle ſolche Wieſen. — — Oder vielleicht lieg ich auch nur wie eine Kuh im friſchen Wieſengras mitten
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unter den gelben Butterblumen, — ſo friedlich proſaiſch. Nein, ich kann nicht nachdenken. ch bin ſo glüdſelig verdummt. — Es langt grade noc<, um drüben die blöde Unterhaltung mitzumachen,“ fügte ſie hinzu und erhob ſich aus ihrer läſſigen Haltung, weil einige der Gäſte auf ſie zukamen. —
Als Max Werner dieſen Abend heimging, mußte er viel an Fenia denken, und in der Nacht ſchlief er un- ruhig und träumte von ihr. Sie trug einen Kranz von gelben Ranunkeln im Haar und ſaß im Gras. Wie er ſich aber zu ihr ſezen wollte, wehrte ſie ihn ab und ſagte, er ſolle beſſere Haltung vor ihr bewahren, denn ſie ſei die Wieſenherzogin. „A<, Fenitſhka, warum haſt du nur gelbe Ranunkeln auf dem Kopf, — Roſen würden dir viel ſchöner ſtehn,“ bemerkte er zu ihr, auch noch im Traum galant, und wagte niht fi hinzuſetzen. Sie aber ſah ihn mit demſelben ſtrengen Bli an, wie geſtern bei ſeinem Vorſchlag, ihren Freund bei ihrem Onkel einzuführen, und entgegnete mit herzoglicher Hoheit : „Auch die Ranunkeln färbt dieſelbe Sonne.“
Er erwachte durch die Anſtrengung, dies tiefe Wort gehörig zu enträtſeln. Es war ſchon ſpät am Vormittag, und er beſchloß, in die Eremitage zu gehn. Unterwegs jedoch traf es ſich, daß er ſtatt deſſen zu Fenia in ihre Wohnung hinauſſtieg.
Zu ſeinem Bedauern fand er ſie nicht zu Hauſe. An dieſem Morgen war er ein wenig verliebt in Fenia; er wußte nicht, ob ſein Traum hiervon die Urſache, oder die Wirkung ſei.
Langſam und etwas mißmutig ging er den Weg
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nach ſeinem Hotel zurüd. Es jchneite Schwach, in win: zigen, harten Körnchen, die an Hagelgraupen erinnerten und auf dem Sand, womit die Trottoirs- beſtreut waren, weiß und rund liegen blieben wie Perlen. Der Himmel hing tief, tief herab, grau und lichtlos, und unter ſeinem gleichförmigen Sciefergrau ballten und ſtopften fih noch große weiße Wolken gleich Federkiſſen ; es ſah wahrhaftig aus, als habe der Himmel droben ſich gut auswattiert, um ſich vor der Kälte bei den Men- ſchenkindern unten zu ſchüßen.
Unterwegs traf er Fenia. Er ſah ſie auf der an- dern Seite des Trottoirs und ging über den Straßen- damm auf ſie zu; ſie bemerkte es, blieb ſtehn und war- tete auf ihn.
„<h hatte dir einen Beſuch zugedacht,“ ſagte er, während ſie ſich die Hand ſchüttelten, „fand dich aber nicht, und fürchtete ſhon, dih heute niht mehr zu ſehen. Da- her bin ich dem Zufall jeßt doppelt dankbar. “
Sie ſah ihn lächelnd und nachdenklich an.
„Zh bin ihm auch dankbar!“ entgegnete ſie, — „deinen Beſuch hätt ih nämlic< nicht angenommen --. Keinen Beſuch, der heute kommt. — Und nun, wo ich dich unerwartet treffe, merk ich, daß ich mich drüber freue, mit dir zu gehn und zu plaudern. — — So wenig kennen wir uns ſelbſt. “
„Woher kommſt du denn?“ fragte er im Weiter- gehn.
„Von einem zwe>loſen Hin- und Hergehn. Jh ertrug's in der Stube nicht. Ertrag's aber auch draußen nicht. J< habe entſetzliche Sorgen, Max. — — Denke
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dir, — vielleicht kann ich ‚ihn‘ nur noch wenige Male wiederſehen.“
Er blieb ſtehn.
„Wie das, — warum?!”
„Es hat ſich ſo zugeſpißt — all das mit den Heim- lichkeiten. Wir find nicht mehr ſicher, — nirgends mehr. Es geht einfach nicht mehr. Es geht abſolut nicht.“
„— Und gar kein Ausweg? man findet ihn ja doch ſchließlich in ſolchen Fällen.“
Fenia ſchüttelte den Kopf.
„Jm Auslande zu leben wäre einer, — ja. Aber ich bin hier durch meine Stellung gebunden, und habe feine andern Grijtenzmittel. Und im Ausland wär es dasjelbe — in einer Stellung. Es ſcheint, man muß reich ſein dazu. Lehrerinnen ſind, ſcheint es, davon aus- geſchloſſen. “
„Aber deshalb könnt ihr doh niht auseinander- gehn?!“
Fenia lachte dazu unwillkürlich. Jhr ganzer froher Unglaube an irgend ein Auseinandergehn lachte aus ihren Augen. Aber die Augen waren gerötet wie vom Weinen. i
„Wir haben eben die Wahl zwiſchen zwei Unmög- lichfeiten,“ ſagte fie, noch lächelnd, und ging langſam weiter, „— ich war jo tief im Glüd und Frieden, weißt du, daß ich noch ganz dumm bin: ich beareif’s noch gar nicht, daß es Sorgen giebt — im Himmel.“
Sie ſtanden an ihrer Hausthür.
„Höre, Fenia,“ bat er, „laß uns doch noc ein wenig zuſammen bleiben, — kann ich nicht hinein?” —
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Sie hatte die Thür geöffnet, und der Portier mit den Silberlißen kam dienſtbefliſſen herbei, wollte hinter ihr ſchließen, und händigte ihr zugleich zwei inzwiſchen eingelaufene Briefe ein.
Fenia blieb auf der Schwelle ſtehn, beſah die Brief- adreſſen und bemerkte dabei zu Max:
„3<h beabſichtigte eigentlich noh nicht, hinaufzugehn, wir können alſo gern no< ein wenig draußen bleiben, — aber ich erwartete Nachrichten, und deshalb” — ſie warf einen jchalkhaften Seitenblid auf ihn und fügte hinzu : „= Dieſen einen, ſiehſt du, der ohne Marke her- gebracht worden iſt, den muß ich gleich leſen. Es han- delt-fih um die Verabredung einer Stunde zu heute — oder morgen.“
Er ließ ſie leſen, während ſie die Straße lang- ſam entlang ſchritten, und muſterte dabei ungeduldig den Sand und Schnee auf dem Trottoir zu ſeinen Füßen. Heute morgen kam ihm Fenias Auserwählter etwas in die Quere.
Als Fenia aber den Brief eingeſte>t hatte und, wie ihm ſchien, Minuten vergingen, ohne daß ſie ſprach, ſah er ſcharf nach ihr hin.
Der Ausdru> ihres Geſichtes hatte ſich ganz ver- wandelt, — zum Erſchre>en verwandelt hatte er ſich. Sie war erblaßt, um den Mund ein geſpannter, ner- vöſer Zug, ihre Augen blickten mit einer gewiſſen ver- wirrten Anſtrengung grade vor ſich hin.
„Fenia!“ ſagte er halblaut, „= was iſt dir? was iſt denn geſchehen? Steht im Brief irgend etwas Schlimmes ?“
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„JZſt- er tot, "= — == untreu?“ fuhr es ihm durch den Kopf, und er konnte ſeine eignen Gefühle dabei nicht recht deutlich unterſcheiden.
„Nein, — nein!” widerſprach ſie haſtig, „— es iſt nur, — ja, etwas Schlimmes. “
„Kann ih es niht wiſſen? — — Nein, natürlich nicht, wenn du nicht magſt.“ — „Doch, — warum denn niht? — — Es iſt ja,“
— ſie ſto>te, und ſetzte dann leiſe, faſt ſcheu hinzu :
„Er will, daß wir uns heiraten ſollen.“
„Heiraten !“
Er rief es zuerſt ganz konſterniert; gleih darauf bemerkte er aber ſelbſt: „Ja, lieber Gott, warum auch nicht ? Das iſt doch eigentlich ganz natürlich? Haſt du denn nicht ſelber ſchon an dieſes Ende gedacht ?“
„- 34h? -- Nein, -- ih, -- es ſchien ja aus äu- ßern Gründen zunächſt ſo ganz unmöglich, — ih meine: es ging eben noch nicht, — ſo daß man nicht daran denken konnte, — — nicht zu denken brauchte,“ er- widerte ſie, no< ebenſo ſcheu und verwirrt, — bedrückt.
„Nun — und jeßt ?“
„— Er hat irgend eine Anſtellung im Süden er- halten, — was weiß ih, — — ah, ih weiß niht. — — Mir iſt jo furchtbar zu Mut,” ſagte ſie hilflos, und jah aus, als ob- ſie gleich anfangen wollte loszuweinen.
Max Werner bog in eine kurze breite Nebenſtraße ein, wo ſie vor der Menſchenmenge auf dem Newsfkij- proſpekt ſicher waren. Nur ein paar Kinder rutſchten ſpielend und ſchreiend auf einem ſchneefreien Eisſtreifen längs dem Damm umher.
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„Aber, Fenitſchka, auf dem Gut, während der Hochzeit meiner Schweſter, warſt du ja noch ſo vollgeſtopft mit den allergraulichſten Chebetrachtungen !“ ſagte Max Werner beruhigend, „— willſt du denn niht —“
Sie blieb ſtehn und ſah mit ihren großen, klaren, ſo eigentümlich ſeelenoffenen Augen zu ihm auf.
„ſt es dir jemals ſo vorgekommen, =- in dieſer ganzen Zeit, — als ob i< heiraten wollte?“
„Nein, — das wohl nicht,“ gab er zu, „aber e8 mußte ſchließlich —“
„JG konnte es auh gar niht wollen!“ unterbrach ſie ihn, „ſage mir, will es denn etwa einer von euch, — will es ein junger Menſch zum Beiſpiel, der ſeine ganze Jugend drangeſeßt hat, um frei und ſelbſtändig zu wer: den, — der nun grade vor dem Ziel ſteht, — auf der Schwelle, — der das Leben grade um deswillen lieb ge- wonnen hat, — um des Berufslebens willen, um der Verantwortlichkeit willen, um der Unabhängigkeit willen! — Nein! J< kann es mir einfach nicht als Lebensziel vorſtellen, — Heim, Familie, Hausfrau, Kinder, =- es iſt mir fremd, fremd, fremd! Vielleicht nur jekt, — vielleicht nur in dieſer Lebensperiode. Weiß ich's? -- Vielleicht bin ich überhaupt untauglich grade dazu. — — Liebe und Ehe iſt eben nicht dasſelbe.“
Sie ſprach raſch und erregt, ſie vergaß ganz, wo fie war, und lehnte ſich einfach mit dem Rücken gegen eine Hausmauer, vor der ſie gerade ſtanden. Dies war ſicher kein geeigneter Aufenthalt für eine ſolche Unter- haltung; Max Werner fürchtete, ſie könnte mit ihrem Tuchpelz an der weißbeworfenen Hauswand feſtfrieren,
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und außerdem riejelten die kleinen, feinen, runden Schneekörnerchen unabläſſig um ſie nieder. Aber da- bei war er ſelbſt in einiger Spannung und Erregung ; er war, offen geſtanden, bezüglich des Mannes, der da ſoeben Fenia einen Heiratsantrag gemacht hatte, nicht ganz ohne Schadenfreude, — — aber da hinein miſchte ſich ein ganz ſonderbares Gefühl, — faſt ein verblüfftes, beleidigtes, — faſt, als ſei er es, den ſie abgewieſen habe. — — Das war die Verblüffung. über ihre Worte, — Worte .einer Frau, die ganz ſo ſprach, als ſei ſie ein Mann, und als ſei es eine unerhörte Zumutung, einen Mann, ſeinesgleichen, zu heiraten. —
„Das ift mir denn doch noch nicht vorgekommen, Fenitſchka,“ ſagte er, und trat von einem Fuß auf den andern, denn ihn fror ſehr, „— dieje jpißfindige Unter- ſcheidung zwiſchen Liebe und Ehe. — Wenn du deiner Liebe ſicher biſt, dann dürfen dich auch die Schwierig- keiten des Ehelebens nicht abſchre&en, = die wahre Liebe ſetzt fich drüber hinweg, — glaube ich. Und dann, ſiehſt du, ſoll es ja auch grade jo jehön fein, alles mit- einander zu teilen, =- und beſonders, wenn es für im- mer iſt, =- und ſelbſt wenn Krankheit, oder Sorge, oder ſonſtige Unannehmlichkeiten mitunterlaufen, =- nun, fo hat man doch dafür ein wahrhaftes, wirkliches Stück Leben miteinander gelebt, — und grade das will die Liebe, — fie will doch nicht etwa nur den Genuß? O nein, bewahre! ſie hat ſozuſagen die Tendenz zur Ehe.“
Fenia hörte ganz aufmerkſam, mit zur Seite ge- neigtem Köpfchen zu; unendlich lieb ſchaute ſie dabei
aus, mit ihren halbgeöffneten Kußlippen, — wie jemand Lou Andreas- Salomé, Fenitſhka, 6
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ungefähr, der einer gar erſtaunlichen Mär und Kunde lauſcht.
„— Denkſt du das wirklich?” fragte ſie zweifelnd und erwartungsvoll, „— ich meine, denkſt du ſo im tiefſten Ernſt? Haſt du denn jemals dieſe Dinge ſo em- pfunden, wie du da ſagſt, — grade jo?“
„— 39? -- -- Nun, ic ſelbſt grade nicht. — — Mer ich hab es von andern gehört,“ bemerkte er etwas kleinlaut.
Sie büdte enttäuſcht den Kopf.
„Von andern gehört !“ wiederholte ſie.
Sie that ihm leid. Offenbar hatte ſie von ſeinen halb ironiſch gemeinten Worten eine Art von Hilfe in ihren Zwei- feln erwartet, — war er doch ihr Freund! Es drängte ihn über die Maßen, ſie wieder beruhigt und heiter zu ſehen.
„Aber Fenitſchka,“ redete er ihr zu, „was kommt denn auf mich an! Bin ich denn ein Vorbild auf dieſem Gebiet ?! — Nein, -- nicht wahr? Und überhaupt, was ſo ein Mann darüber ſpriht! Jhr Frauen empfindet ſc<ließlih doc< anders, -- beſſer, feiner. — Aus der Ueberzeugung heraus ſprac< ich. Glaube mir, ihr wollt im Grunde doch die Dauer und vollkommne Zuſammen- gehörigkeit, — das weiß ich von der, die mich lieb hat, Fenia. Denn wollte ſie das im Grunde nicht, wollte ſie nicht ſo inbrünſtig das ganze Leben mit mir teilen, ſo wär es ja keine rechte Liebe, ſondern nur eine — eigentlich eine reine Sinnen —“
„Sondern nur eine rein ſinnliche Leidenſchaft, — nur eine ſinnliche,“ ergänzte Fenia mit bedeckter Stimme, ſah ihn an, und wurde plößlich blaß.
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„Ah Unſinn, Fenia, — ih —“
Sie antwortete nicht, ſondern ſtand nur regungslos da, und in ihren Mienen prägte ſich etwas ganz Er- greifendes aus, das ihn verſtummen machte.
Wohl ſchaute ſie ihn no< an, aber ſihtli< ohne ſich deſſen bewußt zu werden, wohin ſie gerade ſchaute; ihre ganze Seele war nach innen gekehrt, -- hielt gleich- ſam den Atem an.
Ihre Augen öffneten ſich weit, eine Art von Ent- ſeen flog durch ſie hindurc<, es war, als jchlüge eine plögliche Erkenntnis, einem Blitze gleich, ihr mitten durch die Seele.
Und langſam ergoß ſich über ihre Wangen, ihre kleinen Ohren, über den Hals, ſoweit das Pelzwerk da- von einen Fle> ſehen ließ, =- eine warme tiefe Röte, — immer flammendere Röte. — — Und ehe Max Wer- ner ſich's verſah, wandte ſie ſich von der Hausmauer fort, an der ſie lehnte, und enteilte ihm plößlich mit ſchnellen Schritten.
„Fenia! Fenitſchka!“ rief er beſtürzt, und griff un- willkürlich nach ihr. Aber er griff ins Leere. Jn we- nigen Sekunden ſchon war ſie um die E>e gebogen, und entſ<wand ihm unter den Menſchen, die auf der Haupt- ſtraße vorüberſtrömten.
Der Eindru> war ein ganz ſeltſamer. Obgleich ſie mit geſenkten Stimmen zu einander geredet, — und mehr noch geſchwiegen, als geredet hatten, war ihm mit ihrem Verſchwinden doch, als ſei mit einemmal eine laute, gewaltige Unterhaltung verſtummt.
Still, ganz totenſtill lag die breite Nebenſtraße, wo
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ſie geſtanden, plökßlich da, wie eine ſchlafende ver- ſc<hneite Welt.
Und ganz verwunderlich klang aus dem tiefen Schnee jeßt wieder das helle Geſchwäß der beiden umherrutſchen- den Kinder auf dem Fahrdamm und tönte hinter Fenitſchka drein.
Marx Werner hatte das Gefühl, daß er Fenitſchka nach dieſer Begegnung nicht gleich wieder aufſuchen dürfe, — daß ſie augenbli>li< keines Menſchen Geſellſchaft brauchen könne. So ließ er den ganzen nächſten Tag verſtreichen, ohne ſie zu ſehen.
Ein Brief von Jrmgard kam am Vormittag; er beantwortete ihn ſofort, und berechnete zugleich das Datum ſeiner Ankunft in München.
Seine Abreiſe aus Rußland war von ihm längſt auf dieſe Tage feſtgeſeßt worden, -aber noch nie hatte es ihn ſo gedrängt, wie heute, Jrmgard wieder in die Arme zu ſchließen. Und Fenia, troßdem er ſich erſt geſtern ein wenig in ſie verliebte, trug die Schuld daran. — Denn plöglich wollte es ihm weit weniger ſelbſtver- ſtändlich erſcheinen als bisher, daß Jrmgard ihn jo ſtark und treu liebe, wie ſie es that, — es drängte ihn da- her, ihr das Geſtändnis ihrer Liebe aufs neue aus den Augen und von den Lippen zu leſen.
Im Grunde wußte er wohl: der Zweifel, der über Fenia gekommen, konnte über Jrmgard niemals kom- men, — ganz zweifellos liebte ſie ihn und ging ganz in dem Wunſch auf, mit ihm für immer das Leben zu teilen, — in jedem Sinn es mit ihm zu teilen. Ja,
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er wußte es, aber es beglückte ihn anders als bisher, und ſtimmte ihn dankbarer, weicher.
Er ſagte ſich, daß er für Irmgard von vornherein glücklicherweiſe mehr bedeute, als für Fenia ein Mann augenblicklich bedeuten konnte. Er bedeutete für ſie zugleich das einzige ſie belebende Geiſteselement inmitten ihrer konventionellen Familienkreiſe, — er hatte mit ihrer Liebe, ihren Sinnen zugleih auch ihre geiſtigen Bedürfniſſe gewe>t und angeregt, ihre geiſtige Sehnſucht auf ihn und jeine Entwidelung bezogen.
Das machte ſeiner Meinung nach einen gewaltigen Unterſchied ! Wenn ein Mann mitunter eine Frau weniger tief und abjolut liebt, als fie ihn, jo mochte es nicht zum wenigſten damit zuſammenhängen, daß fie für ſein ge- ſamtes Geiſtesdaſein meiſtens eine geringere- Bedeutſam- keit beſeſſen hat, als er für ſie. Er erholt ſi< mehr bei ihr, als daß er ihrer außerhalb der Liebe bedarf. — — — So erholte Fenia ſich vielleicht von ihren eignen geiſtigen Kämpfen und Anſtrengungen bei dem Mann ihrer Liebe. Nach Jahren konzentrierteſter Studien, asketiſchen Lebens eine unbewußt vollzogene, ganz naiv hingenom- mene Reaktion —. Erſt der Heiratsantrag rührte ihre friedlich ruhenden Gedanken darüber plößli<h auf, ließ ſie erwachen, — ſich klar werden.
Dem andern mußte die Vorſtellung, daß ſie ihn niht genügend liebe, um ihr ganzes Leben an ihn zu binden, natürlich völlig fern liegen. Man nimmt ja wohl von minderwertigen Frauen an, daß ihre Neigung eventuell der Tiefe und Treue entbehren werde, — hoch: ſtehenden Frauen gegenüber erſcheint es als ein Sakri-
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legium. Und doch, fragte ſih Max Werner, können dafür denn nicht dieſelben Gründe maßgebend ſein, die den Mann ſo leicht dazu verführen, ſeiner Liebe nur einen Teil ſeines Innern zu öffnen, ihr (Grenzen zu ziehen, ſie neben, und nicht über ſeine ſonſtigen Lebens- intereſſen zu ſeen? Die Frau, die ihr Leben ganz ſo einrichtet und in die Hand nimmt wie der Mann, wird natürlich auch in ganz ähnliche Lagen, Konflikte und Ver- ſuchungen kommen wie er, und nur, infolge ihrer langen anders gearteten Frauenvergangenheit, viel ſchwerer daran leiden.
Am Nachmittag traf er den alten Baron Ravenius auf der Straße und erfuhr von ihm, daß Fenia krank ſei, — wenigſtens habe ſie Hausarreſt.
„Wahrſcheinlich hat ſie ſich in ihrem Eifer über- arbeitet !“ fügte der Baron bekümmert und kopfſchüttelnd hinzu.
Max ging ſofort zu ihr. Noch während er die Treppe hinaufſtieg, öffnete ſchon die Wirtin im Kattun- morgenro> die Thür zum erſten Sto>werk und blidte mit einem widerwärtigen Ausdru> ſpähender Neugier heraus, wer da komme. Als ſie ihn erkannte, verän- derte ſich ihre Miene, ſie war etwas enttäuſcht und wurde zugleich wohlwollender.
Er gab ihr ſeine Karte und ließ fragen, ob Fenia ihn empfangen könne. Der Beſcheid kam ſofort zurück, er möge nur eintreten.
Fenias Zimmer war künſtlich verdunkelt. Die Vor- hänge vor dem Fenſter waren niedergelaſſen, und ſie ſelbſt lag, in einem Sclafro> von. feinem weichem Stoff, auf
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ihrer Ottomane ausgeſtre>t, das Haar in zwei hängen- den Flechten und die Hände hoch über dem Kopf ver: ſchränkt.
„Was, Fenitſchka, — du biſt krank?“ fragte er beim Eintreten und kam zu ihr.
Sie ſchüttelte den Kopf.
„Bin nicht krank. Möchte nur dafür gelten. Menſchen ſehen, ausgehn, ausfahren, iſt mir jeßt un- leidlich, = nein, unmöglid. Jh danke dir aber, daß du da biſt.“
Möglich, daß ſie nicht krank war, aber ſie ſah ganz ſo aus. Selbſt in dieſer künſtlichen Dämmerung ſah ſie blaß und erſchöpft aus, und unter ihren Augen zogen ſich tiefe Schatten. „Fenitſchka,“ bemerkte er, indem er einen Stuhl zu ihr heranzog, „mir öffnete vorhin deine Wirtin die Thür, — widerwärtig ſchaute das Frauen- zimmer heraus, — wie das ſchönſte Exemplar von einem Spion. Hit es dir nicht aufgefallen ?“
„Ja, ſie iſt jeht ganz beſonders neugierig und miß- trauiſh geworden. Sie achtet darauf, wer zu mir kommt. — — Wenn jetzt ein Klatſch entſteht, ſo entſteht er von bier aus. J< habe ſelbſt ſchuld dran.“
„Aber dann darfſt du hier doh nicht bleiben! "Den Hals umdrehen werd ich der Kanaille! Seit wann iſt es denn ?“ i
„Sh war unvorſichtig. = — „Er* iſt einigemal hier geweſen,“ entgegnete Fenia apathiſch.
„Das hätteſt du ſchon lieber vermeiden ſollen,“ ſagte er beſorgt, „warum auch grade hier?“
Sie zu>te die Achſeln.
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„Uns auswärts zu treffen, iſt uns ja auch ſchlecht befommen. — — Ad, laß doch! Es liegt ſo gar nichts dran,“ fügte fie freundlich hinzu.
Ihre Stimme fiel ihm auf. So ſanft und lieb klang ſie, daß ſie Rührung in ihm weckte, Aber ein ſo matter Ton klang darin mit, — — und wedte auch Sorge, wie man ſie etwa am Krankenbett von leb- haften Kindern fühlt, wenn ſie plößlich gar zu artig und gut werden. —
Sie ſchwiegen eine Zeitlang.
Endlich ſagte er:
„34 war geſtern nicht bei dir, weil ich nicht wußte, ob du mich ſehen wollteſt. Aber gedacht hab ich an dich ie ee
Sie unterbrach ihn mit einem Lächeln:
„34h auch an dich. Und an die erſte Zeit unſrer Bekanntſchaft = weißt du? Denk nur — mir hat ſogar in der Nacht davon geträumt. “
„Von Paris ?“ |
Sie richtete ſich etwas auf, ftüßte ſich mit der einen Hand auf das Polſter der Ottomane und ſah ihn an. Das Stirnhaar hing ihr ein wenig wirr ins Geſicht.
„Verſtehſt du di< auf Traumdeutung? =- — ah, übrigens Unſinn, — aber ich will dir erzählen. — — Es war in Paris, ja. In dem Nachtcafe, weißt du? Jhr ſaßet alle da am Tiſch, — ganz wie damals. — — Und ich war auch da. Aber ich war nicht bei euch am Tiſch.“
„Sondern?“
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Sie legte fih wieder zurüd, und jchloß die Augen. „Sondern irgendwo da. — — Jrgendwo unter den Griſetten. “ ;
„Jh verſtehe nicht recht, Fenia. Das iſt ja ein ganz dummer Traum.“
„Ni<ht jo dumm, wie du meinſt — —. Aber woher ſollten Träume eigentlich auch klug ſein? Ich glaube, unſre klugen Gedanken wirken nur wenig mit am Traumgewebe. — — Nein, alle die klugen Gedanken, die wir uns ſo allmählich erwerben, alle die aufgeklärten und vernünftigen Anſichten, die träumen wir wohl nur wenig. — — Jm Traum taxieren wir uns anders, — uns und die Dinge, — verworren und wirr vielleicht, aber doch jo ganz naiv.”
„Aber was redeſt du nur eigentlich, Fenia?! — — Du tarierteft dih im Traum —? Nun, und?“
„Nun, und da fand ich offenbar, daß ich mitten unter die Grijetten gehörte.“
Er ſprang unwillkürlich auf.
Ein kurzer Laut des Unwillens entſchlüpfte ihm.
Er wollte gegen ſie aufbrauſen, gegen dieſe Selbſt- erniedrigung, die ihn empörte und für ſie beleidigte, aber er beſann ſich.
„Du biſt krank,“ ſagte er, „du biſt es wirklich, wie könnteſt du ſonſt ſo ganz den Kopf verloren haben. — Fenia, ich erkenne dich gar nicht wieder. Wußteſt du denn nicht, was du thateſt ? —“
„Nein, genau gewußt hab ich es erſt im Augen- blid, als ich mich binden ſollte. Bis dahin verwechſelte ich es wohl -- mit einer vollen, ganzen Liebe.“
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„Iso glaube, du verwechſelſt es jezt — mit etwas zu Geringwertigem. — Denn über die Wirkung wenig: ſtens war doch keine Täuſchung möglich, =- über alles, was dich ſo ſchön und ſelig erſcheinen ließ. J< ſah es doch ſelbſt, Fenia. Und du ſelbſt, ſagteſt du nicht ſo wunderſchön: es gäbe dir Frieden?“
Sie verſchränkte die Arme wieder über dem Kopf, und ſchaute mit einem ſonderbar ſtillen Ausdru> gegen die Dede.
„Frieden !“ wiederholte ſie. — „Sieh, er wußte wohl, daß von der Liebe keineswegs Frieden zu erwarten iſt, — nein, durchaus kein Frieden. — Wie viel Shwanken und Quälen, wie viel Seelenarbeit und Seelenwandlung mag's geben, ehe ein Menſch ſich ſo tief in den andern hineinpflanzt, — ja, ſo tief, daß die beiden nun wirklich aus einer Wurzel weiter wachſen müſſen, wenn ſie ge-
„.. deihen wollen. -- -- So war's beiz. ihm, — und als es nun ſo weit war nach allem Kämpfen, — da wurd
5 es ihm aber auch ſo klar und einfac<, --- ſo ganz klar,
daß wir eins find und einander die einzige Hauptſache im Leben. — — Mit jo guten, leuchtenden Augen ſpricht er davon. — — Wie willſt du's da wohl ändern, daß ih mid — daß ih mih ſchäme.“
Die lezten Worte ſtieß ſie undeutlich heraus, und ſprang von der Ottomane auf.
„— Frieden —? Ja, es war ſo etwas, — ein ſo
träge jeliges Ruhen war es. — Aber ſeitdem ih er- wacht bin, — ſeitdem ich ſo klar weiß, was cs iſt, und erkenne — — nein! i< kann's nicht ertragen!“
jagte fie plößlih wild, „— mich ſelbſt kann ich nicht
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ertragen in dieſem Zuftand von —; fort muß ich, das iſt es! Das Schwerſte, das Notwendigſte —“
„Fort von ihm?“ fragte er beſtürzt, „haſt du daran gedacht?”
„Es ergiebt ſich von ſelbſt, wenn wir uns nicht offiziell binden wollen. So wie die Lage ſich zugeſpitzt hat. Heimlich können wir uns nicht mehr ſehen. Da- durch iſt er zuerſt auf den Entſchluß verfallen, um jeden Preis die Heirat zu ermöglichen.“
„Und er weiß, — weiß er, daß du fort willſt von ihm =?“
Sie ſah ihn verſtändnislos an. Jhre Augen brannten wie die einer Geſtörten.
„Nein. Wiſſen darf er's niht. — — Wie käm ih ſonſt fort —? Das begreif ich jezt. Aber doch wollt ich's ihm jagen, — ich rief ihn dazu her.”
„Und was ſagteſt du ihm?“
„Was ih ihm geſagt habe?! Jh wollte ihm jagen, ihn bitten: geh fort von mir, — geb auf im: mer von mir fort! Aber ich bat ihn nur: bleib bei mir! bleib bei mir!”
Und ſie warf fich in ausbrechendem Schluchzen über die Ottomane und vergrub ihr Geſicht in den Polſtern.
Mar blieb daneben ſtehn, minutenlang, ſchweigend. Er verſuchte dann, ihr gut zuzureden, aber ſie wehrte nur mit der Hand ab, und hörte nicht auf zu weinen. End- lih murmelte ſie:
„Laß mich allein, -- bitte, laß mich ganz allein
Da verließ er leiſe das Zimmer und ging, aufs äußerſte beſorgt und beunruhigt, nach Haus. Den ganzen
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Abend kam ihm Fenia nicht aus dem Sinn, — dieſe ganz neue Fenia, die er gar nicht erkannte. Kein Menſch konnte ihr jezt helfen, und doch ſchien es ihm ganz unmöglich, ſie in ihrer Seelenverfaſſung ſich ſelbſt zu überlaſſen.
Der nächſte Tag war ein Sonntag. Am Morgen ſprach er ſchon gegen zehn Uhr wieder vor. Er fragte die Wirtin, ob Fenia zu ſehen ſei, und erhielt darauf in ihrem ſchlechten Franzöſiſch die kriechend-freundliche Ant- wort: „ja, ſie ſei ſicher zu ſehen, denn ſie erwarte ohne- hin Beſuch. “
In dieſem Augenbli> ſtieß Fenia die Thür ihres Zimmers zur Treppe ſelbſt auf. Als fie ihn erblickte, ſtand ſie wie verſteinert. Sie war im Straßenkleide, blaß, ernſt, faſt kalt im Ausdru>, — völlig anders als geſtern.
„Das iſt ein großes Unglück!“ ſagte ſie, als die Wirtin in ihrer Wohnung verſchwunden war, und ließ ihn zaudernd auf der Schwelle ſtehn, „— ein wahres Unglü iſt es, daß du gekommen biſt.“
„Mein Gott, Fenitſchka! ich will dich doch nicht ſtören! ich komme ein andermal. I< geh alſo wieder.“
„Nein, nein! es iſt unmöglich, daß du fortgehſt,“ verjegte fie, und faßte ihn beim Aermel, als er ſich wen- den wollte, „— verſteh doh! Er kommt gleich, — er muß gleich eintreten =“
„Nun, und?“
„Nun, ich kann ihn nicht empfangen, wenn ich dich, vor den Augen der Wirtin, nicht empfangen konnte.“
Er wollte etwas erwidern, da ging unten eine Thür, jemand ſtieg die erſten Stufen hinauf.
Fenia zog ihn an der Hand in ihr Wohnzimmer.
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Ueber ihr Geficht flog etwas Aufbligendes, das er nicht verſtand, — irgend ein Gedanke kam wie eine Erleuch- tung über ſie.
„Geh hier hinein!“ ſagte ſie, und öffnete zu ſeinem grenzenloſen Erſtaunen die kleine Thür zu ihrem Schlaf- ſtübchen.
„— Hier hinein —?!“
Sie bli>te ihn mit tiefernſten, glänzenden Augen an.
„Biſt du mein Freund ?“
„Das weißt du, Fenia.“
„Dann habe Dank, daß du gekommen biſt. Dann leiſteſt du mir vielleicht in diefem Augenblid den einzigen Dienſt, den ein lieber, — nur ein lieber, naher Freund mir leiſten kann. Bleib dort in der kleinen Stube, bis — bis er wieder fortgegangen iſt. Du darfſt alles hören, — es iſt nichts, was nicht ein dritter hören dürfte. — — Aber wenn du hier wieder durchgehit, — beachte mich nicht.“
Er ſtarrte ſie an —. Etwas ſo Entſchloſſnes ſprach heute aus ihrem Weſen — —; ſie kam ihm vor wie der Fuchs, der ſich die eingeklemmte Pfote ſelbſt abreißt, um ſich zu befreien.
Hatte ſie plötzlich erkannt, daß ſeine Anweſenheit ihr helfen könnte, — etwa dazu helfen, „nur zu ſprechen, was ein dritter hören durfte,“ um nicht wieder in die Worte auszubrechen: „bleib bei mir, bleib bei mir” — —?
Es blieb nicht viel Zeit zum Sichbedenfen. Kaum hatte Mar die Eleine Schlafjtube betreten, und war die Thür hinter ihm zugefallen, als es ſchon an der Vorder- thür klopfte.
ZINN Zul
Er ſah ſich in dem {malen Raum, den das Bett faſt ganz einnahm, flüchtig um, und lehnte ſich ans Fenſter. Dort ſtand zwiſchen rot und blau geſti>ten grauleinenen ruſſiſchen Vorhängen ein Roſenſto> mit einer einzigen, eben aufbrechenden Knoſpe. In der Wande>e daneben brannte das ewige Lämpchen vor dem üblichen Mutter- gottesbild.
Max Werner fühlte ein heftiges Unbehagen. Welch eine ſeltſame Rolle jpielte er doch da in Fenias Leben!
Man vernahm nur undeutlich, was nebenan ge- ſprochen wurde, überdies redeten ſie ruſſiſch miteinander. Troßdem - antwortete Fenia unwillkürlih mit halber Stimme.
Daneben hörte man ein volles, weiches Organ, — „ſeine“ Stimme. Er ſprah und lachte, wie man im Glück lacht und ſpricht.
Nach kurzer Zeit wurde irgend etwas auf dem Gang draußen laut. Es begann jemand vor Fenias Thür jo eigentümlich zu jehlürfen und herumzutreten. Vielleicht war es die Wirtin in ihrer abſcheulichen ſpionierenden Neugier, — vielleicht auch nur ein Fremder.
Jedenfalls fingen ſie drinnen plößlich an deutſch zu ſprechen. Aber nun ließ Fenia ihre Stimme noch mehr ſinken.
„Warum ſprichſt du nur ſo leiſe heute?“ fragte „er“ ſie erſtaunt, „=- deutſch verſteht ja hier keine Seele. — Und weißt du wohl, grade daß du ſo rückſichts- los laut geſprochen haft, — manchmal, bei Gelegenheiten, wo es gefährlich war, — das liebte ich jo an dir. Du wollteſt niht unvorſichtig ſein, — aber du vergaßeſt es
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immer wieder, — deine Stimme wußte von nichts Heim- lichem, — fie klang ſo kindlic< und hell. — — Deine helle Stimme! Jmmer hör ich ſie, wenn ich allein bin. Deine Stimme — das biſt du.“
Nach einer Weile ſagte er:
„Nein, ich will nicht lange bleiben. Nicht, wenn ich nur gewiß bin, -- ganz gewiß, daß du in wenigen Tagen zurükehrſt. It das ganz gewiß?“
„Glaubſt du mir nicht?” fragte Fenia.
Mar Werner wollte nicht zuhören. Es war albern und lächerlich, hier zu ſtehn und das anhören zu müſſen. Er lehnte ſich gegen das Fenſter und blickte hinaus. Die Straße lag in ſonntäglicher Vormittagsruhe da. Von ungezählten Kirchen begannen langſam , eine nach der andern, die Glo>en zu läuten. Die verſchiedenen Got- tesdienſte gingen zu Ende.
Es ſchien, daß drinnen Abſchied genommen wurde. „Er“ ſagte, mit anderm Ton als bisher, ſchwer, gepreßt :
„Ja, nur wenige Tage. — Aber ich weiß nicht, wie mir iſt. = =“ Könnteſt du jemals vergeſſen, was wir uns ſind, Fenia ?“
In dieſem Augenbli> erſt erinnerte Fenia ſich nicht länger jemandes Anweſenheit. Es war, als ſtürze ſie in die Kniee, oder an ſeine Bruſt, — in dieſem Augen- bli> war ſie nur mit ihm allein. —
„Niemals! niemals!“ ſagte ſie weinend, außer ſich, „niemals kann ich es vergeſſen, daß ich dein bin.“
Und mit einem Ausdruck, der Max durch alle Nerven ging, fügte ſie hinzu :
EA „Sb danke dir! ih danke dir!“ — —
Ein Stuhl wurde fortgejhoben. Man vernahm nichts mehr. Nichts als das Geläute der Gloden, das lauter und lauter anjchwoll und mit ſeinen feier: lihen Klängen wie ein Lobgeſang das ganze kleine Zimmer erfüllte, — — und alle Glo>en ſangen und klangen:
„sch danke dir! ich danke dir!“
Sie hatte ſich in dieſer Stunde für immer von ihm getrennt, — getrennt aus einem unerträglichen Zwie- ſpalt heraus, in den ſie mit ſich ſelber geraten war, aber ſie dankte ihm, — ſie riß ſich los, um entſchloſſen in eine ganz andre Exiſtenz zurückzukehren, aber ſie dankte ihm, — und wenn ſie an ihn zurüddachte, vielleicht noch in ihren ſpäteſten Tagen, würde ſie denken wie heute, über allen Zwieſpalt hinaus:
„3<h danke dir! ich danke dir!“
— — «mmm. — —— aum — —. — unas nme gm
Als es nebenan längſt ſtill geworden war, und Max die Thür öffnete und eintrat, ſtand Fenia am Fenſter.
Sie wendete ihm den Rücken zu. Mit den Händen hatte ſie in die Vorhänge hineingefaßt und ihr Geſicht darin verborgen. Er ſah nur die gebeugte Rü>en- linie, und es durchfuhr ihn das Gefühl, als hätte er dies alles ſhon einmal erlebt —.
Aber er hatte nur in ſeiner Phantaſie Fenia ſchon
einmal trauernd und gebeugt geſehen. — Lou Andreas8-Salomt, Fenitſchka. 7
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Stumm ſchritt er dur< das Wohnzimmer, und ging hinweg, wie ſie es gewünſcht hatte, ohne ſie zu beachten oder anzureden.
Zwei Tage ſpäter reiſte er aus Rußland fort, ohne Fenitſchka wiedergeſehen zu haben, Sie wollte es ſo.
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Eine Ausſchweifung.
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Hier in meinem lichten Atelier iſt es endlich zur Ausſprache zwiſchen uns gekommen, und nirgends anders durfte es auch ſein, -- denn von ſämtlichen Männern, die ich gekannt, gehörſt du am engſten und intimſten in alles das hinein, was mich als Künſtlerin angeht: mehr vielleicht noch, wie wenn du ſelbſt ausübender Künſtler wärſt. Wenigſtens kommt es mir immer vor, als übte ich mit Kunſtmitteln das ein wenig aus, was du mit dem ganzen Leben lebſt, in deiner reichen Art, die Dinge voll und ganz zu nehmen und ihnen zu lebendiger Schönheit zu verhelfen. Für ſol< ein volles, ganzes Ding nahmſt du auch mich, und liebteſt darum mich vor allen andern, — ich weiß es wohl. Jn meinen Bildern und Skizzen, denen niemand ſo fein nachgegangen iſt wie du, ſchien dir mein ganzes Jh enthalten zu ſein, und dahinter — ad dahinter lag nur eine alte Jugendſ<hwärmerei, die kaum von der Wirklichkeit berührt worden iſt. Du haft darin ja auch vet. Und doh — und doh —? Warum trennten wir uns dann bis auf weiteres, warum gehſt du jet umher mit zögernder, halb jehon verjagen- der Hoffnung auf unſre Zukunft, — und ich, anſtatt in fröhlicher Arbeit vor meiner Staffelei zu ſtehn, warum ſite ich hier am Tiſch gebückt, tief gebü>t, und ſchreibe
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und ſchreibe, in allen Nerven gebannt vom Rüdbli> in meine Vergangenheit ? Oder warum dann dein Argwohn, und mein Eingeſtändnis, daß ich nicht mehr kann, was ich ſo heiß möchte, — nicht mehr mit voller Kraft und Hingebung lieben kann, grade als ob ich ein ausgegebener, erſhöpfter Menſch wäre?
Handelte es ſih um Ueberwindung von Vorurteilen, um zu vergebenden Leichtſinn und Fehl im üblichen Sinn, — 0 handelte es ſi< do< darum! Du, jo ohne Be: denklichkeiten zweiten Ranges, du, der jegliches verſteht und mitfühlt, würdeft mir dadurch nicht verloren gehn. Aber das iſt es nicht, und dennoch iſt es jo: mich hat eine lange Ausſchweifung zu ernſter und voller Liebe un- fähig gemacht.
Jett, wo ich mir das klar zu machen verſuche, kommt der Gedanke voll Erſtaunen über mich: wie viel weniger unſer Leben von dem abhängt, was wir bewußt erfahren und treiben, als von heimlichen, unkontrollierbaren Ner- veneindrü>en, die mit unſrer individuellen Entwickelung ichlechterdings nichts zu ſchaffen haben. Seit ich über: haupt denken kann, ſeit ich von eignen Wünſchen und Hoffnungen bewegt werde, bin ich der Kunſt entgegen- gegangen, habe ich mich an ihr entzükt, oder um ſie ge- litten, und lange noch ehe ich mich ihr wirklich wid- men durfte, in irgend einem Sinne ſchon im Umkreis der ihr verwandten Senſationen gelebt. Und trotzdem würde jest, wollte ich dir mein Leben erzählen, von der Kunſt kaum die Rede ſein, und kaum würde ſie ärmlichſten Raum finden, rieſengroß aber müßte in den Vordergrund treten, was doch in meinem individuellen Bewußtſein
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kaum exiſtiert, und was mir ſelbſt immer ſc<hattenhaft undeutlich geblieben iſt.
An einem heißen Sommertag, weit hinten an der deutſch-galiziſchen Grenze, wo mein Vater damals in Gar- niſon ſtand, ſaß ich einſt als ganz kleines Mädchen auf dem Arm meiner frühern Amme und ſah zu, wie ſie von ihrem Mann über den Nacken geſchlagen wurde, während ihre Augen in verliebter Demut an ihm hingen. Der kraftvolle gebräunte Nacken, den ſie der Hitze wegen offen trug, behielt einen tiefroten Striemen, doh als ih im Schreden darüber zu weinen anfing, da lachte meine galiziſche Amme mir jo glüdjelig ins Geficht, daß mein Kinderherz meinen mußte, dieſer brutale Schlag gehöre zweifellos zu den beſondern Annehmlichkeiten ihres Lebens. Und vielleicht war es in der That ein wenig der Fall, denn weil ſie ſich, mit der faſt hündiſchen Anhäng- lichkeit mancher ſlaviſchen Weiber, geweigert hatte, unſer Haus zu verlaſſen, nachdem ſie mich neun Monate lang mit ihrer Muttermilch genährt, fürchtete ſie nun immer, ihr Mann möchte einmal- aufhören zu ihr zu kommen und weder Liebe noch Zorn für fie übrig behalten, Jeden: falls prügelte er fie oft, wenn er kam, und niemals tönten ihr die Volfslieder heller von den Lippen, als nach ſol<h einem feſtlichen Wiederſehen.
Viele früheſte Kindheitserinnerungen vorher und nach- her, — ja ſelbſt noh jahrelang nachher, — ſind mir ſpur- los verblichen. Aber etwas von der faſt wolluſtweichen Demut im Ausdrud der Bli>ke und Gebärden meiner Amme in jenem Augenbli> iſt mir ſpäter oft no< im Gedächtnis wieder aufgetaucht, immer zugleich mit dem
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glückſeligen Klang ihres gedämpften Lachens und mit dem Eindru> der: brütenden Sonnenwärme um uns. Wer will abwägen, wie unendlich zufällig, wie rein äußerlich bedingt es vielleicht iſt, wenn mir bei dieſer Erinnerung zum erſtenmal ein wunderlicher Schauer über den Rücken gelaufen ſein mag? Sind es aber nicht tauſendfach Zu- fälle, die unfer verborgenſtes Leben mit heimlicher Gewalt- thätigkeit Durch das prägen, was ſie früh, ganz früh, durch unſre Nerven und durch unſre Träume hindurchzittern laſſen? Oder liegt es vielleicht noch weiter zurü>, und zwitjchert uns, ſchon während wir noch in der Wiege Ihlummern, ein Vögelchen in unſern Schlaf hinein, was wir werden müſſen, und woran wir leiden ſollen? I<h weiß es nicht, — vielleicht iſt es auc< weder eines Zufalls noch eines Wundervögelchens Stimme, die es uns zuraunt, ſondern längſt vergangener Jahrhunderte Gewohnheiten, längſt verſtorbener Frauen Sklavenſelig- keiten raunen und flüſtern dabei in uns ſelber nach: in einer Sprache, die nicht mehr die unſre iſt, und die wir nur in einem Traum, einem Schauer, einem Nerven- zittern noch verſtehn —.
Meine Eltern ſah ich immer nur in wahrhaft muſter- hafter Ehe, — in einer jener Ehen, die gewiß ſelten genug vorkommen, wo das heranwachſende Kind in ſeiner intimen Umgebung faſt nichts wahrnimmt, als wohl- thuende Harmonie ohne Erregungen. Mit dieſer Har- monie verhielt es ſi< aber ſo: mein liebes Mütterchen that alles, was mein Vater wollte, er aber alles, was ich wollte. Seiner urſprünglichen Abſtammung nach vielleicht wendiſchen Blutes, war er von beiden der Tem-
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peramentvollere, Glänzendere, voll von künſtleriſhen, wenn auch vernachläſſigten Anlagen und der unſinnigſten Zärt- lichkeit für das einzige Kind, das auffallend ſeiner eignen Familie mit ihrem dunkeln Ton und ihrer faſt ſüdlichen Bläſſe nachſchlug. Er gab mir mit Enthuſiasmus den erſten Zeichenunterricht und dispenſierte mich von allen bürger- lichen Kleinmädchenbeſchäftigungen. Meine gute Mutter ſchüttelte wohl man<hmal über uns beide den Kopf, doch da ich an Heftigkeit des Temperaments und der Wünſche dem Vater am meiſten glich, ſo liebte ſie mich am hingebendſten grade in dem, worin ich ihr am frem- deſten war, und hieß alles gut. Jh aber ging inzwiſchen umher und diente glücſelig jedem leiſeſten Wink dieſer Eltern, deren Liebe in mir zuſammenlief, und alles nach ihrem Willen aus mir hätte formen können wie aus er- wärmtem Wachs, das dem zarteſten Dru> nahgiebt.
In meinem ſiebzehnten Jahre wurden wir von der galiziſchen Grenze nach Brieg in Scleſien verſezt, und bezogen dort die ſchöne Obriſtenwohnung im Villenviertel unten am Fluß. Von Brieg aus follte ich noch weiter fort, ich ſollte nun endlich unter der Leitung eines tüch- tigen Lehrers der erſehnten Kunſt zugeführt werden. Von dieſem Plan träumten mein Vater und ich auf das ernſt- lichſte, do< kam es ganz anders, weil er zu kränkeln anfing, ſo daß keine Rede davon ſein konnte, ihn zu ver- laſſen. Ich aber, — ich verliebte mich über Hals und Kopf in meinen Vetter Benno Frensdorff.
Von Benno hatte ich ſeit meiner Kindheit viel im Hauſe ſprechen hören, und immer im Tone außergewöhn- licher Ahtung. Er war, früh verwaiſt, mit Hilfe meiner
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Eltern erzogen worden, und fiel ſchon als Knabe durch den unheimlichen Fleiß auf, womit er, immer um be- zahlte Nachhilfeſtunden bemüht, das Gymnaſium abſol- vierte. Dann ſtudierte er Medizin, und befand ſich jetzt als Hilfsarzt in der Kreisirrenanſtalt von Brieg, wo ich ihn zum erſtenmal kennen lernte.
Die vorzüglichen Eigenſchaften, die man an ihm rühmte, hatten mir nur einen ganz vagen Eindru> ge- macht. Aber eine andre ſeiner Eigenſchaften that es mir augenblicklich an: Benno war ſchön. Schöne Menſchen ſind immer mein ganzes Entzücken geweſen, und wenn auch mein künſtleriſher Geſhma> heute etwas andres darunter verſteht als damals, ſo muß ich doch Benno auch heute noch zugeben, daß er in ſeiner jungen Männlich- keit, „mit dem ernſten blonden Kopf und dem hohen Jüng- lingswuchs, wie man ihn nicht oft findet, ganz auffallend gut ausſah. Wenigſtens ſtach er genugſam von den ge- ſc<niegelten Referendaren und Lieutenants ab, die auf der Eisbahn und in den Kaffeekränzchen uns jungen Mäd- <hen den Hof machten, und es gab ihm ſchon etwas Apartes, daß er durchaus keine Zeit fand, mit uns Schlittſchuh zu laufen und Kaffeekränzchen zu beſuchen, ſondern ſchweigſam beiſeite ſtand und durch ſeine Brillen- gläſer jeden daraufhin zu beobachten ſchien, ob er nicht auch in ſein Narrenhaus gehöre.
An Benno bin ich in einem erotiſchen und äſthe- tiſc<en Rauſc< zum Weibe erwacht; meine Neigung zu ihm war ſo zutraulich und leidenſchaftlich zugleich, daß in mir, die ja auch nur Liebe gekannt hatte, nie der ge- ringſte Zweifel an ſeiner Gegenneigung entſtand, obgleich
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Benno mich nicht ſtark beachtete. Er hat mir ſpäter geſagt, eine Werbung um mich ſei ihm bei ſeinen geringen Zukunftsausſichten und bei ſeiner ſcheuen Dank- barkeit gegen meine Eltern ſtets ganz toll und undenk- bar erſchienen. So kam es denn, daß im Grunde ich um ihn warb; mit berauſchter Zuverſichtlichkeit ging ich ihm entgegen, näher, immer näher, und in kurzem war ich ſeine Braut.
Sich ſo zu verlieben, hätte wohl auch einer andern paſſieren können, ſelbſt mit anderm Temperament als meines. Daß dieſe Liebe erwidert wurde und zur Ver- lobung führte, iſt ein unglücklicher Zufall ; hätten wir uns nun raſh heiraten können, fo wäre wohl für mich die Enttäuſhung auf dem Fuße gefolgt, oder aber es würde die Mutterſchaft mich vielleiht in meinem ganzen Weſen ſtark verwandelt haben. Von alledem trat nichts ein, wir konnten no< nicht bald heiraten, und unter den gefährlichen Liebkoſungen des Brautſtandes ſteigerte ſich mein junger Liebesrauſch zu einer Sehnſucht und Gemütsſpannung, die das ganze übrige Leben förm- lich entfärbte.
Um dieſe Zeit ſtarb mein Vater, indem er mit tiefem Vertrauen meiner Mutter und mir Benno zum Hüter und Berater beſtellte. Monate voll ſ<hwerer Trauer folgten ; meine Mutter und ich, die beiden unſelbſtändigen, verwöhnten Frauen, warfen alle unſre Hoffnung auf Benno allein.
Zunächſt wurde die Wohnung im Villenviertel ge- räumt und ein Haus bezogen, das neben der Jrren- anſtalt ſtand, wo Benno ſein Dienſtzimmer hatte. Es
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war ein altmodiſch gebautes Haus, in deſſen Erdgeſchoß außer uns einer der angeſtellten Aerzte wohnte, über uns aber der Rendant der Jrrenanſtalt mit ſeiner Frau und zwei Töchtern. Als wir dorthin umzogen, kam es mir vor wie eine Ueberſiedelung nach einem ganz frem- den Ort, obwohl dieſes Brieger Viertel gar nicht weit vom älteſten Mittelpunkt der Stadt, vom Rathaus und von den Gartenanlagen auf dem ehemaligen Wallgraben, entfernt iſt, und ich oft genug den mächtigſten (Gebäude- komplex, den Brieg beſitzt, zum Himmel hatte aufragen ſehen: die Kreisirrenanſtalt und das Zuchthaus. Aber erſt jeht ſah ich ſie wirklich: das erſte auf zwei Seiten von ſchönem Park umgeben, das andre von einer haus- hohen Mauer umſchloſſen, die einen Kranz ſpißiger Eiſenſtacheln trug, und an deren Fuß Haufen ſ{hneiden- der Glasſcherben lagen. Troß dieſer Verſchiedenheit aber glichen ſie einander im düſtern Geſamteindru>, den ſie machten, beides Gefängniſſe leidender Menſchheit, von denen die ganze Straße einen eigentümlich ſ<wermütigen Anſtrich erhielt.
Unſre Vorderfenſter ſahen gradezu auf das hohe Mauerwerk mit den Eiſenſtacheln, durch die Seitenfenſter des Wohnzimmers aber erbli>te man, über den park- umſtandenen Hof des Jrrenhauſes hinweg, die vergit- terten Scheiben der Abteilung für Tobſüchtige.
Am Abend nach unſerm Einzug, während die alten zierlichen Baro>möbel mit ihren Goldleiſten und ge- ſhweiften Beinen noh ziemlich ratlos umherſtanden und nicht recht wußten, wo in dieſen langen, niedrigen Stuben unterzukommen, erfaßte mich ein Ausbruch wilder Ver-
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zweiflung. Meine arme Mutter war ſo erſchroFen, daß ſie am liebſten gleich wieder fortgezogen wäre. Sie er- wog in aller Geſchwindigkeit ganz im Ernſt ſchon einen ſolhen Plan.
„Denn wir müſſen ja nicht notwendig hier wohnen, — nicht wahr, Benno? wir können es ja ſchließlich auch in einer andern Straße,“ meinte ſie.
Benno hatte fih Furz nad ihr umgewandt, er ant- wortete aber nichts, ſondern ging nervös im Zimmer auf und ab. Erſt als meine Mutter hinausgegangen war, um für das Abendbrot zu ſorgen, hielt er inne, kam auf mich zu und umfaßte mich raſch und heftig.
„Adine !“ flüſterte er heiß an meinem Ohr, „— wenn ich nun hier, grade hier mit allen meinen Zukunfts- ausſihten Fuß faſſe —? Und ih erhoffe das für uns! Wirſt du mich dann au allein hier am Jrrenhauſe wohnen laſſen ?“
I< ſah ihn zaghaft an.
„— Könnte das ſein? wird es — wird's ſo ſein?“
Er nickte nur leiſe.
I< ſc<wieg, und drückte mein Geſicht gegen ſeine Schulter und umſchlang feſter ſeinen Nacken. J< war ſchon beſiegt, als er mich nur in die Arme nahm. Na- türlich blieb ich auch jest ſchon, wo er war, natürlich wollte ich, was er wollte.
Auch für die Zukunft. Aber unſer gemeinſamer Zukunftstraum, der ſich nun hier verwirklichen ſollte, und etwas wie eine unverſtandene Angſt floſſen ſeltſam ineinander über in einem ſchwachen Gruſeln, womit ich mich leidenſ<haftlicher, banger an ſeine Bruſt ſchmiegte.
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Meine Mutter trat herein, und als ſie uns ſo zu- ſammenſtehen ſah, ſeufzte ſie erleichtert auf.
„Nun iſt wohl alles wieder gut?“ bemerkte ſie fra- gend, und ſah Benno an wie einen, der für alles Rat weiß.
Benno ließ mich los und antwortete voll Heiterkeit :
„Bon Rechts wegen und meinen Wünſchen nach müßte Adine in goldenem Königspalaſt wohnen. Aber ſie hätte mich ja nicht lieb, bliebe ſie nicht hier.“
Die nächſten Tage ging ih umher und beobachtete unausgeſeßt ein jedes Ding in meiner neuen Umgebung. Meine tiefſte Aufmerkſamkeit erregte das Zuchthaus uns gegenüber. Bisweilen konnte man zu einer beſtimmten Morgenzeit einige Zuchthäusler ſehen, die gefeſſelt ſchräg über unſere Straße zu irgend welcher Arbeit in einen der"Gefängnishöfe hinübergeführt wurden. Seitdem ich das bemerkt hatte, ſtand ich ſtundenlang mit müßig nie- derhängenden Armen am Fenſter und wartete auf dieſen Anblick.
Benno traf mich dabei an und ſchüttelte unzufrieden den Kopf.
„Du biſt ein kleiner Faulpelz geworden, Adine,“ jagte er, „ich kann nicht begreifen, was dir dran liegt, die Burſchen anzuſehen.“
„Ach, ſieh nur hin,“ verſetzte ich gequält, „ſieh nur, wie ſie vorübergehn, ohne jemals den Bli> zu heben. Jch habe verſucht, ſie zu grüßen. Wir würden ſie doch ſo herzlich gern grüßen, nicht wahr? Aber ſie ſehen es gar nicht, ſie wollen es vielleicht gar nicht ſehen, — — vielleicht haſſen ſie uns im ſtillen? =- — und leben doh ſo dicht bei uns, — ſo dicht, =- bis ſie ſterben.“
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„Du mußt eine vernünftige Beſchäftigung haben,“ antwortete Benno darauf, „du wirſt doch feine krank- hafte und ſentimentale Pflanze werden, Adine? Das kommt nur vom Müßiggang.“
Er hatte mehr recht, als er wußte: Jahre nachher iſt ein Sträflingskopf mein erſter künſtleriſcher Erfolg geweſen. Die Möglichkeit, mich künſtleriſch in ſtrenger Arbeit zu entwikeln, und mich auf dieſem mir einzig natürlichen Wege von allen neuen Eindrü>ken zu ent- laſten, würde mich bald wieder froh gemacht haben.
Aber die Beſchäftigung, die Benno für mich im Sinne hatte, führte mich in die Küche und an die Näh- maſchine. Meiner Mutter leuchtete das vollkommen ein, es war ja auh die nächſtliegende Vorbereitung für mein zukünftiges Leben.
Am Kochherd und bei der Nähmaſchine befreundete ich mich mit der älteſten Tochter des Jrrenhausrendanten, der über uns wohnte, mit Gabriele, einem lang auf- geſchoſſenen, vothaarigen, ſommerſproſſigen Bafiſ<. Sie hatte unendlich viel im Hausſtand und für die kleine Schweſter zu thun; obgleich ſie aber zwei Jahre jünger war als ich, erledigte ſie alles immer außerordentlich raſch und gut. Deswegen bewunderte ih Gabriele, wäh- rend ſie mich, troß einer gewiſſen Liebe, etwas verachtete.
Eines Abends, als wir bei einer Näherei in meiner Stube ſaßen, ſprach ſie es ganz offenherzig aus.
„Es iſt albern, daß du dich ſo mühſt, da du ja viel lieber malen und zeichnen möchteſt,“ ſagte ſie, „ich will dir nur ſagen, daß mir dieſe Arbeiten ganz ebenſo ver- haßt ſind wie dir.“
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„Dir?! Aber Gabriele, dann machſt du es ja grade wie ich!” bemerkte ich voll Sympathie mit dem uner- warteten Leidensgefährten.
Sie ſchüttelte den Kopf.
„34 thu's für ein Verſprechen: daß ich dann ſpäter zum Oberlehrerinnenexamen lernen darf — in Berlin,“ verſebte ſie, und konnte ein Lächeln der Genugthuung nicht zurückhalten. „Manchmal lerne ich jetzt ſhon heim- lich des Nachts dafür vor — oder in Freiſtunden. Siehſt du, das hat einen Sinn! Aber du — du willſt ja nur heiraten.“
„Bin ja verlobt, Gabriele,“ ſagte ich leiſe und ſelig.
„Man ſoll nicht verlobt jein,” meinte Gabriele geringſchäßig, und betrachtete ihre langen rötlichen Hände, „ ein Mann, huh! ich könnte davonlaufen. Warum du nur alles thuſt, was er will?“
„Ih möchte gern ganz ſo werden, wie er will,“ entgegnete ih unruhig, und fühlte plößlich deutlich, daß ich gar nicht ſo war, wie er wollte, und daß Gabriele mir gewaltig imponierte. Sie that ja nur zum Schein Frondienſte, in Wirklichkeit hatte ſie ihr eignes Ziel dabei.
Gabriele bemerkte halblaut und dringend:
„Mal du doh auch heimlich! Zeichne heimlich. Hat er's verboten ?“
„Nein, nein!“ rief ich heftig, „er hat mir ſogar vorgeſchlagen, Stunden zu nehmen. Aber ih —”
„Nun?“ unterbrach Gabriele mich geſpannt.
„— 34h glaube, ich liebe die ganze Kunſt nicht mehr, — nur ihn,“ ſagte ich, faſt zitternd während ich
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es ausſpra<, aber im geheimſten Herzen war es doch nur Furcht, die mich von meiner geliebten Kunſt hinweg- jcheuchte, Furht wie vor der großen Verführung, der nichts widerſteht : ich fühlte, daß ſie mich losreißen würde von allem, was Benno wollte, und was ich alſo ſelbſt wollte, und mich ihm ganz fremd machen würde —.
J< konnte Gabriele niht einmal um ihre ſichere Kampfesfreude gegen ihre ganze Umgebung beneiden, denn ich war ja ſo leidenſchaftlich bereit zu unterliegen, und ſollte ich ſelbſt darüber in tauſend Stücke gehn. Das Jdeal einer kleinen Brieger Hausfrau, das ihr nur läſtig und lächerlich erſchien, und das ſie deshalb nur ſo nebenher, mit halber Kraft, verwirklichte, trug für" mich geheimnisvolle Märtyrer- und Asketenzüge ; ich ging einen Weg der gewaltſamen Selbſtkaſteiung aus lauter hilf- loſer Liebesſehnſucht.
Die Folgen blieben nicht aus. “ Jh wurde blaß und mager, und von immer krankhafterer Unſicherheit und Reizbarkeit. Benno, der ohnehin die Grenzen des Normalen allzu eng ſtete, und bei all ſeinen eingeheimſten Kenntniſſen doh noc< wenig Lebenserfahrung beſaß, ſchien beſorgt, meine Mutter fing an ratlos zu trauern.
Der ärztliche Ausdru>, der zuweilen in Bennos ohne- hin ſo ernſtem Geſicht vorherrſchte, machte mich noch ſcheuer; ich war ja jeht ſeiner Liebe keineswegs mehr ſo naiv ſicher wie einſt: je untauglicher ich mir ſelbſt für alles vorkam, was er mit mir vorhatte, deſto un- fehlbarer und autoritativer kam er mir vor, und ſeine Liebe als etwas nur dur Selbſtüberwindung ſicher zu
Erringendes. Lou Andreas-Salome, Fenitichka. 8
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Durch dieſe gewaltſame Unterordnung unter ihn vermiſchte ſi< in meiner Leidenſchaft das Süßeſte mit dem Schmerzlichſten, faſt mit dem Grauen. Das iſt ja gewiß nicht der Fall, wo ein Weib ſchon an ſich viel untergeordneter iſt als der Mann. Sonſt aber kann es zu einer furchtbaren Würze der Liebe werden, zu einer ſo ungeheuren Aufpeitſhung der Nerven, daß das ſeeliſche Gleichgewicht notwendig verloren gehen muß.
Oft wenn ich abends ſchon zur Ruhe gegangen war, hörte ich an den gedämpften Stimmen, die bis zu mir herübertönten, wie Benno und meine Mutter noch lange im Zwiegeſpräch bei einander blieben. Jch ahnte nicht, was ſie miteinander berieten. Jh erfuhr es erſt, als ge- ſ<ah, was endlich geſchehen mußte: als Benno unſre Verlobung auflöſte.
Seltſamerweiſe habe ich von dieſem entſcheidenden Vorgang keine bis in die Einzelheiten präziſe Erinnerung behalten. Kaum weiß ic) noch, was er mir ſagte, — nur meine eigne Stimme höre ich noch, und wie ich. auf- Ichrie in Schmerz und Entjegen, wie ich niederftürzte vor ihm und die Hände zu ihm aufhob —.
Bon jener Stunde aber ging zwingend eine Macht aus, die in meiner Phantaſie Bennos Bild übertrieb und fälſchte, die ihn hart und grauſam, ſtreng und ſtark bis zur Ueberlebensgröße erſcheinen ließ. Konnte es anders jein? Wär er ſonſt dazu imſtande geweſen, mich troß aller meiner demütigen Bemühungen unwürdig zu befin- den und hinwegzuſtoßen ?
Meine Mutter weinte viel, gab ihm jedoch in allen Stücken recht, und reiſte mit mir ins Ausland, wo id)
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mich erſt erholen, dann aber ganz meinen alten Wün- ſchen gemäß entwickeln ſollte. Als ich von Benno fort- fam, meinte ih, daß er mich zu lauter jämmerlichen Scherben zertreten habe. Lange Zeit litt ich halb be- finnungslos. Dann aber ſiegte das Glü>, meiner Kunſt (eben zu dürfen, und erwies ſich als ſtärker als die alte Jugendleidenſchaft. Einem Traum gleich, den man beim vollen Erwachen nicht mehr feſtzuhalten vermag, ſank ſie ins Schattenhafte hinab.
Meine Mutter zog ſpäter wieder zu Benno nach Brieg, und nur im Sommer ſah ih ſie auf Wochen, oder auch auf Monate bei mir. J< ſelbſt verbrachte etwa ſechs Jahre in tüchtiger Arbeit, bei manchen Entbehrungen und Anſtrengungen, dann richtete ich mir hier in Paris mein kleines Atelier ein, =- und das war eine ſchöne Zeit: eigentlich die erſte ganz ſorgenfreie, ganz erfolg- reihe Zeit. Zum erſtenmal atmete ih auf und nahm das Leben endlich auch wieder von ſeiner heitern Ge- nußjeite.
Da, — vor einem Jahr ungefähr, es war gegen Weihnachten, — entſchloß ich mich plötzlich zu einer kur- zen Heimfahrt.
Meine Mutter hatte ſchon in ihren Briefen dringend darum gebeten, aber den Ausſchlag gab ein Brief von Benno ſelbſt. I< empfing ihn während eines kleinen Einweihungsſhmauſes in meinem Atelier und konnte ihn nur raſch, in Gegenwart von andern, durchleſen. Dennoch machte der Anblick der altvertrauten Handſchrift mit ihren feſtgefügten runden Buchſtaben einen ganz ſeltſam auf- regenden Eindru> auf mich.
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Benno ſchrieb unter dem Vorwand, den Wunſch meiner Mutter auch ſeinerſeits no< zu unterſtüßen. Jn Wirklichkeit trieb ihn jedoch etwas andres zu dieſem Brief: auf Grund von allerlei umlaufenden Gerüchten ſchien er beunruhigt über meine „allzufreie“ Lebens- geſtaltung, wie er ſie nannte, und hielt ſich für ver- pflichtet, mich vor Verleumdungen zu warnen, -- oder auch vor mir ſelbſt.
Ganz klar war es nicht, was von beidem er meinte. Seine Worte enthielten viele philiſtröſe Bedenklichkeiten, über die ich lächeln mußte, auch viel Unkenntnis des Provinzlers und Fachmenſchen hinſichtlich des Lebens in Weltſtädten und unter Künſtlern. Ja, das wußte ich ja nun längſt: Benno verkörperte nicht gerade den Begriff eines unfehlbaren Jdealhelden, ſondern mochte das Pracht- exemplar eines eingefleiſchten Pedanten und Moraliſten ſein. Ungefähr das Gegenteil von all dem, was jett meine leicht gefeſſelte Phantaſie entzüken und verführen konnte. Aber daß er ſich erdreiſtete, ſo zu ſchreiben, daß er ſich für verpflichtet hielt, ſo zu kontrollieren, was ich thun durfte und nicht thun durfte, — er, der mich ja nicht einmal geliebt, =- nein, geliebt hatte er mich nicht, ſondern fortgeſtoßen —.
Sch konnte über eine unerklärlihe Erregung nicht Herr werden, während ich unter meinen Gäſten umher- ging, und lachte und ſcherzte.
In dieſem Augenbli>k fiel mein Bli> auf eine auf- geſ<hlagene Mappe, worin ich einige wertvolle Kunſt- blätter aufbewahrte und die eben von einer jungen Malerin beſehen wurde. Obenauf lag die bekannte Radierung
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Klingers „Die Zeit den Ruhm vernichtend“. Wie manches Mal ſchon hatte ih den gepanzerten Jüngling an- geſchaut, der, eherne Allmacht im Antlitz, dem vor ihm niedergeworfenen Weibe erbarmungslos mit dem Fuß in die Lende tritt — —.
Plöglih wedte er irgend eine Jdeenaſſociation in mir, plöglich rührte er an irgend etwas, — und eine lang, lang vergeſſene, eine tote Senſation meines eignen Lebens regte ſich dunkel —.
I<h kann mit Worten nicht deutlich ſchildern, wie es war. I< glaube nicht, daß ich dabei an eine be- ſtimmte Situation gedacht habe, zum Beiſpiel an Bennos brutale Löſung unſrer Beziehungen, oder daran, daß ich mich damals von ihm „zertreten“ fühlte, oder überhaupt an ſeine Perſon, — aber doh hing es mit ihm zuſam- men, als mir ein Schauer über den Rüden ging, — ein Schauer von jo lähmend intenſiver Erſchütterung, daß ich unwillkürlich vor dem Bilde die Augen ſ<loß.
I<h nahm nur noch mechanisch an der Unterhaltung teil, innerlich blieb ich tief benommen, denn mir war, als ſtarrte ich durch meine ganze Umgebung hindurch auf etwas, das fich nur lange verborgen gehalten hatte, aber do< immer dageweſen ſein mußte, gleich ſchattenhaftem Hintergrund, — oder als ſänke mein ganzes glückliches gegenwärtiges Leben langſam zu meinen Füßen nieder, wie ein dünner blumengeſtiter Schleier, und dahinter ſtände hoch aufgerichtet das Wirkliche, Weſenhafte, — — ja was? etwas wie die Silhouette eines gepanzerten Mannes? oder Benno ſelbſt, der mi< in den Armen hielt und mich den erſten Liebesrauſc<h lehrte, und das
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erſte Grauen vor der Abhängigkeit der Liebe? — — oder lag es nicht vielleiht weit, weit zurü> in jener fernſten Kindheit, wo ih no< auf dem Arm meiner gali- ziſhen Amme ſaß, und die Sommerſonne heiß um uns brütete, und wo von der erhobenen harten Hand des Mannes ein feuerroter Striemen auf dem demutsvoll geneigten Frauenna>en blieb —? — —
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Einige Tage ſpäter befand ich mich auf der Reiſe na< Brieg. Während der langen Eiſenbahnfahrt er- zählte ich es mir ſelber wohl hundertmal, wie wunder- ih eng und klein mir alles in der Heimat vorkommen werde, aber zugleich freute ich mich all dieſes Engen und Kleinen, als des heimatlich Vertrauten, was ich nun wiederſehen ſollte; es durfte ſich nicht weiterentwickelt haben, ſondern mußte, um zu wirken, genau ſo geblieben ſein, wie es war, grade wie eine alte Kinderfibel, die- ohne ihre naiven Lehren und Vershen auch nicht mehr ein Erinnerungsbuch wäre.
Es reute mich nicht mehr, Paris verlaſſen zu haben, troßdem ich grade jeht dort den Winter hatte genießen wollen, — und doh lag in der Stimmung, worin ih dieſe Reiſe unternahm, mir unbewußt, ein tieferer Leicht- ſinn, der von dunkeln Senſationen träumte, als in allen Genüſſen, zu denen ich mich dort hätte verleiten laſſen können.
In Brieg langte ih am Abend nah neun Uhr an. Den Tag meines Eintreffens hatte ich abſichtlich nicht gemeldet, ich ließ mein Gepä> am Bahnhof und ging langſam über den Wallgraben unſrer Steinſtraße zu.
Es ſchneite. Ein mächtiger Wind, von Norden
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daherfahrend, fegte über die Oderniederungen und die ſchleſiſche Ebene hin, das kleine Brieg lag förmlich ein- geſargt im tiefen weißen Winterſchnee. Bei dieſem Wetter waren die winkligen Gaſſen troß der Weihnachts- zeit noch ſtiller, no< menſchenleerer als ſonſt, und in den Häuſern brannten die Lampen hinter feſt zugezogenen Vorhängen.
Man konnte in dem von Schneefloden umtanzten Laternenjchein nicht gerade viel erkennen, aber das ſah ich doch mit lebhaftem Bedauern, bis zu welchem Grade die alte charafteriſtiſhe Stadtphyſiognomie ſich im Lauf der Jahre verjüngt zu haben ſchien. Schon vermißte ih an den jchmalen alten Häuſern hier und da das köſtlichſte Giebelwerk, und überall hatte die ſchlechte Glätte billiger Moderniſierung begonnen, die verfallende Schön- heit zu erſezen. Auch Brieg ging alſo vorwärts! es war niht mehr ganz das alte, vertraute Städtchen, auf deſſen winklige Enge ich mich gefreut hatte. Der Fort- ſchritt des Lebens mit ſeinen praktiſchen Anforderungen, der häufiger das Banale nüßlich findet als das Seltene, hatte auch hier manches Schöne als Hindernis aus dem Wege geräumt.
Als ich bei unfern großen, einförmigen Anſtalts- gebäuden anlangte, ſah ich ganz nah am Eingang unſers Hauſes einen Mann ſtehn, im weiten Mantel und eine Fellmüße auf dem Kopfe.
Er ſtand ganz regungslos-da, und bli>te mir entgegen, während ich mich am Parkgitter des Jrrenhauſes entlang ihm mehr und mehr näherte. Der Laternenſchein fiel ihm in den Rücken, ſo daß ſeine Züge im Dunkeln
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blieben, aber ich wußte doch ſofort, daß es Benno war. Mich ergriff eine kindiſche Freude, ſo groß, wie ich ſie nie für möglich gehalten hätte, zugleich mit dem Ver- langen ſtehn zu bleiben.
Aber das erlaubte der Sturm nicht; er blies mich von hinten an, als wehe er mich ihm einfach entgegen. Ih konnte merken, wie an meinem Reiſehut der zurüd- genommene Schleier zerrte und flog, gleich einem un- geduldig aufflatternden gefeſſelten Vogel.
Und jebt kam Benno mir langſam entgegen.
„Dina!“ rief er mit unterdrückter Stimme, noch eh ich bei. ihm war.
„Da biſt du ja!“ ſagte ich froh, ließ achtlos meine kleine Reiſetaſche auf den Schneeboden gleiten und ſtreckte ihm beide Hände entgegen, „— haſt du mich denn er: kannt ?“
„Adine! ſo unerwartet und unangemeldet, — von niemand empfangen!“ äußerte er wie in tiefem Stau- nen, und dann: „Erkannt -- ja, erkannt, no< eh ich wußte, daß du es ſein- könnteſt. An deinem Gang. Nur grade am Gang. Dies ſorglos wiegende Schlen- dern, — nur du gehſt ſo, — es ſieht aus, als ob es auf der Welt nur lauter geebnete Wege gäbe, oder als ſchritte ein unſichtbares Weſen vor dir her, das ſie dir ebnet.e. — — Und du Ffommjt im Schnee — — zu Fuß ?“
„Ja freilich, zu Fuß, von Stein zu Stein, über das bekannte alte Pflaſter. Es war ja noch früh. Schön war's. Der Schnee, der fiel ſo diht; — das alte Brieg! wie es ausfah im Schneeſturm !“
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Dabei blies uns der Wind immerzu die breiten Flo>en ins Geſicht, während wir daſtanden und ſprachen, wie wenn ich bereits zu Hauſe wäre, wie wenn ich dazu nicht erſt einzutreten brauchte.
Benno hob meine Reiſetaſche vom Boden auf und bemerkte:
„Deine Mutter, Tante Liſette, wird ganz außer ſich vor Freude ſein. Sie konnte es kaum noch erwarten.“
„34h gehe leiſe zu ihr hinein, — gieb mir den
Schlüſſel,“ ſagte ich, und trat neben ihm ans Haus, „= oder kommſt du mit ?“
Er ſchüttelte den Kopf und wies nach der Jrren- anſtalt hinüber.
„Ib muß noch dorthin, — ſtets um dieſe Stunde no< einmal inſpizieren =“. Alſo auf morgen. Schlaf gut daheim.“ ;
I< gab ihm beim Eintreten noch einmal die Hand.
„Auf morgen!” wiederholte ich heiter, „da ſeh ich dich alſo eigentlich wieder. Denn heut haben wir uns
- ja no< keineswegs wiedergeſehen. Zwei Stimmen im Dunkeln! Zwei Stimmen, die dem Wiederſehen voraus- gelaufen ſind. — — Und die nun aufhören müſſen zu ihwagen.” ur
„Gute Nacht, Adine. Nimm die Hand fort, du klemmſt dich,“ ſagte er beim Schließen der Thür. Das klang ſo nüchtern und ängſtlih, daß ich unwillkürlich noh einmal zwei Finger in die Thürfpalte jtedte. ch rief hinaus:
„Ih muß dir vis ſagen: es iſt ſchön, daß wir uns getroffen haben — im Schneegeſtöber am
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Hauſe. Es iſt ja nur ein Zufall, aber grade darum iſt's ſchön. “
Die Thür fiel ins Schloß. Einen Augenbli> lang ſchien Benno draußen noh ſtill zu ſtehn, wie wenn er lauſchte, =- dann kniſterte der Schnee unter den lang- ſam ſich entfernenden Schritten.
Auch ich, drinnen im ſ{<wa< erhellten Hausflur, ſtand no< und horhte, — ich hor<te noh auf die bei- den verklungenen Stimmen im Dunkeln, als ob ſie mir ein langes Märchen erzählten, und eigentlich ein neues Märchen, = meine frohe, faſt- übermütige Stimme, die weit heller als die ſeine, und dann ſeine gedämpfte, zögernde Stimme, aus der ſo vieles — ſo ſeltſam vieles unter den alltäglichen Worten hervorſprach, und die Worte förmlich leer und ſinnlos machte durch dieſen Unterklang —.
Am nächſten Tage wurde ih durch einen lang- gezogenen ſchrillen Glo>kenton gewe>t, der aus einem der Arbeitshöfe des Zuchthauſes herüberſchallte.
Meine Mutter, im großen Ehebett an der gegen- überliegenden Längswand, ſchlief no<, oder that ſo, um mich nicht zu ſtören. Durch das Fenſter ſchimmerte hell- „grau das Morgenlicht über die ausgeblichenen Cretonne- vorhänge mit ihren luſtigen grünen Blumen und Vögeln, und jedes einzelne der alten Möbelſtücke ſah mich vertraut und grüßend an.
I< dehnte mich voll Behagen in meinen Kiſſen. In dieſer ſüßen Jndolenz der Stimmung war es herrlich, ſich hier ein wenig pflegen und verziehen zu laſſen. Bald
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genug kam ich ja wieder in mein eignes Leben draußen zurü>, in mein eignes Schaffen und Genießen.
Mein Bli> fiel auf das liebe faltige Geſicht im weißen Nachthäubhen, das über der verblaßten grün- ſeidenen Steppdecke herausſchaute. Ohne dieſe gute Mutter mit ihren bereitwilligen Liebesopfern hätt ich mir nie meine freie, glüliche Künſtlerexiſtenz erringen können. Damit mir das gelingen möchte, ſaß ſie nun hier ſo ge- duldig und einſam ohne Tochter, und mühte ſich heim- (ih damit ab, ſich für Malerei zu intereſſieren, was doch ſo ganz hoffnungslos war. Der Offizierskreis in Brieg, ihr einſtiger alter Geſellſchaftskreis, äußerte ſich ziemlich tädelnd über dieſe fernlebende Tochter, und ich wußte wohl, daß meine Mutter mich dann verteidigte wie eine Löwin ihr Junges, und daß die Leute ſich des Todes ver- wunderten, bis zu welhen modernen Anſchauungen ſie ſich dabei zuweilen verſtieg. Aber in Wirklichkeit war fie weder eine Löwin no< ein moderner Bahnbrecher, ſondern ganz einfach eine einſame alte Frau, deren Lebensauffaſſung himmelweit von der ihres Kindes ent- fernt war —.
I< glitt geräuſchlos aus dem Bett, kam auf nackten Sohlen zur Halbſchlummernden und umhalſte ſie ſtürmiſch.
„Mama, meine liebe Mama! wie bin ich frob, bei dir zu ſein, und wie dank ich dir für alle dieſe ſchönen — ſchönen Jahre! Fett auf einmal fällt es mir aufs
Herz, wie viel du mir geſchenkt haſt, =- immerfort ge- ſchenkt, und nichts dafür bekommen, du liebſte wller Müt- ter du!“
Meine Mutter fireichelte mich beſchwichtigen Über
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den bloßen Arm, und öffnete ihre blaſſen blauen Augen mit einem Ausdru> voll zärtlihen Glücks.
„Ih wurde ſchon ganz müde vom Liegenbleiben, du Langſchläferin, “ ſagte fie, fich ermunternd, „ich glaube wirklich, mir ſind die Glieder eingeſchlafen. Jetzt laß mich raſch in die Kleider kommen, Kind.“
„Wo ſte>t denn eigentlih Benno am Morgen?“ fragte ich, und fuhr in die Strümpfe.
„Jh habe ihn nebenan im Wohnzimmer gehört, ehe du wach wurdeſt. Er wollte dich wohl ſchon begrüßen. Jebt aber könnteſt du zu ihm gehn, während er ſeinen zweiten Thee bei ſi< im Zimmer nimmt, — das iſt bald. Es wäre freundlich von dir, — du mußt gut gegen ihn ſein, hörſt du? Er iſt ein ſo vortrefflicher Menſch, Adine. Du mußt dich nicht dran ſtoßen, wenn er dir einmal ein wenig ſchroff vorkommt.“
„Dran ſtoßen? a< nein, Mawa, im Gegenteil. Das gehört ja ſo unabänderlich zu ihm. Ohne das würde es gar kein Wiederſehen ſein.“
„Du biſt es nicht gewöhnt. Biſt verwöhnt, mein Kind.“
„Eben darum, Mama,“ bemerkte ich, und kam vor den Spiegel, um mein Haar aufzuflechten. Unmillfürlich riß ic< an den dunkeln Strähnen, die ſich eigenwillig unter dem Kamm locten, denn ich hatte, was ich eigent- lih nie habe: Eile.
Die Mutter ſaß halb angekleidet, mit im Schoß gefalteten Händen, daneben und betrachtete mich mit be- ſorgter Zärtlichkeit im Geſicht.
„— War e8 jhön, — der Einweihungsfhmaus in deinem Atelier?” fragte fie zerſtreut.
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„Ja, Ihön — und luſtig! Später erzähl ich bir —”
„Aber lieber nur mir allein, Adine, denn Benno —“
„Nun, was iſt mit Benno?“
„Ja, ſtell dir vor, er macht ſich ſo leicht Gedanken deinetwegen, — weil du ſo frei für dich lebſt, und weil du ſo viel mit dem Tomaſi biſt, der Atelier an Atelier mit dir wohnt, — und überhaupt —“
„So. Thut Benno das?“ bemerkte ih, und fühlte, wie eine Blutwelle mir ins Geſicht ſchoß.
„Ja. Aber warum erröteſt du denn darüber? Du biſt ja ganz rot geworden, =- wirklich, Adine. Was iſt es mit dem Tomaſi?“ fragte die Mutter ängſtlich.
„Aber nichts! Du kennſt ihn ja. Wir ſind eben Kollegen.“
„Nein, ſage mir nur eins: du glaubſt doc< nicht, daß du dich in jemand verliebt haben könnteſt in dieſer Zeit?“
„Das kann ich wirklich nicht ſo genau wiſſen, Mana.” E
„Aber Jeſus, Kind! ſo etwas weiß man doh! — — Nun, übrigens, dann iſt es auch nichts,“ ſagte die Mutter beruhigt, und griff nach ihrem Kleide.
I< ließ den Kamm ſinken und betrachtete im Spiegel nachdenklich mein eignes Bild. Mir fuhr der Gedanke durch den Kopf, daß ich Benno auf ſeinen eigentüm- lichen Brief ziemlich wahrheitsgemäß hätte antworten können: „wenn die Gerüchte unrecht haben, und du mit deinen geheimen Zweifeln auch, ſo iſt das nur dein eignes Verdienſt. Du haſt mich vielleicht - auf lange Zeit für mancherlei untauglich gemacht durch den allzu
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ſtark gewürzten Wein, den ich bei dir getrunken habe. Dagegen fällt jeder andre Rauſch ab.“
Laut ſagte ich:
„34h bin übrigens ganz unſchuldig dran, daß ich mich nicht einmal gehörig verliebe. Cs iſt ſonderbar genug.“
„Das kommt, weil du malſt, mein Kind,“ be- merkte die Mutter ſo reſigniert, daß ich anfing zu lachen.
„Nun ja, wenn du nicht malteſt, ſo würdeſt du wohl verheiratet ſein, — und ich würde einen kleinen Enkel haben!“ fügte ſie etwas verdrießlich hinzu.
Ih nahm ſie beim Kopf und küßte ſie.
„A<h, beim Malen iſt man eigentlich immer etwas verliebt. — =“ Man malt immer irgend etwas Ver- liebtes aus fich heraus, jcheint mir. — — Aber all das iſt ſo fein und flüchtig und wunderlich, und heiraten läßt es ſich niht. Wie ſc<aff ich dir alſo einen kleinen Enkel ?“
Meine Mutter hatte drummend ihren Kopf frei- gemacht, ſie ſeufzte nur, - und ſah ſ{hweigend nach dem Kaffeetiſch. In ihrem heimlichen Innern war ſie ſo froh, daß wir wieder zuſammen daſaßen und unſern Morgen- kaffee tranken, daß ihr kein Unſinn, den ich ſprach, etwas anhaben konnte. Manchmal mochte ſie allerdings ein wenig verwirrt werden über das viele, was ich ihr ſchon vor- geredet hatte, und was von ihrer Mutterſeele ganz fried- lich neben ihren eignen Anſichten und Auffaſſungen be- herbergt und verarbeitet wurde. Mutterboden mag wohl ein fruchtbarer Boden ſein, worauf die verſchiedenſten Dinge durcheinander wachſen und gedeihen können, aber
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Mühe mocht es ihr wohl bisweilen machen, ſich in dieſem zärtlihen Krautgarten zurechtzufinden, über dem, alles ſegnend, eine ſo große Sonne der Liebe ſchien --.
Nachdem ich mein Frühſtü> beendet hatte, ging ich ſofort zu Benno hinüber. Seine Zimmer waren von denen meiner Mutter durch den weiten, ganz primitiv mit roten Ziegelſteinen ausgelegten Hausflur getrennt, und wurden früher von einem andern der Hilfsärzte bewohnt. Seit längerer Zeit bekleidete Benno eine ſehr angeſehene Stellung an der Jrrenanſtalt, als eine Art von Bevoll- mächtigtem des Direktors, der alt und kränklich war, und ihn zu ſeinem Nachfolger vorgeſchlagen hatte. Die Briefe meiner Mutter erzählten mir ſtets Wunderdinge von Bennos Tüchtigkeit und fieberhaftem Berufsfleiß.
So pochte leife an die Thür feines Studierzimmers, doc niemand antwortete darauf. ch öffnete ſie und bli>te hinein. Niemand war anweſend.
Vor dem Kaminofen, worin ein helles Feuer brannte, ſtand zwiſchen zwei Seſſeln ein Metalltiſchhen, worauf alles zum Theetrinken vorbereitet war. Ein blankes Keſſelchen dampfte über einer Spiritusmaſchine. Jeden- falls war Benno ſchon hier geweſen und wieder abgerufen worden.
I< ſetzte mich in einen der Seſſel und ſchaute mich um. Sehr viel behaglicher ſah es hier aus als in dem häßlichen, kahlen Dienſtzimmer, das Benno ehemals im Jrrenhauſe innegehabt, und das ich immer nur mit Grau- ſen beſucht hatte, denn jedes Geräuſch dort und jeder An- blick entjegten mich. Und dennoch that es mir jetzt faſt leid, daß ich ihn hier wiederſehen ſollte, und nicht in dem
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Rahmen, der dort zu ihm gehörte. Jh behandelte ihn in dieſer pietätvollen Regung unwillkürlich ganz als Bild --.
Da ging die gegenüberliegende Thür auf, und Benno trat aus ſeinem Wartezimmer herein.
„Grüß dich Gott!“ ſagte er mit ſeiner verhaltenen Stimme und kam, faſt etwas ungeſchi>t, mit ausgeſtre>ter Hand auf mich zu. Als ich meine Hand hineinlegte, hielt
‘er ſie einige Sekunden lang feſt und hinderte mich da- durch, mich aus meiner hälbruhenden Lage aufzurichten.
„Bleib ſien! grade ſo, wie du geſeſſen haſt, aber den Kopf hebe, und gegen das Licht; ich muß dich doch deutlich wiederſehen,“ ſagte er wie entſchuldigend.
I<h fand keine Entgegnung und gehor<te nur, den Kopf zurüclehnend und den Blid zu ihm hebend, wäh- rend ich fühlte, daß ich unter dem feinen errötete. Wie gefund und beil und glüdlich du ausjchauft, — =- und wie ſchön!“ ſagte er treuherzig. Aber zu- gleich wurde er befangen und trat etwas zurück.
Ich überflog ſeine ganze Geſtalt und ſein Geſicht. Das Geſicht erſchien mir zu ſehr gealtert in dieſen ſechs Jahren. Die unausgeſeßte, nervenaufreibende Thätigkeit hatte verfrühte Falten in ſeine Stirn gezogen und das weiche aſhblonde Haar an den Schläfen ein wenig ge- lihtet. Ob er wohl noch die intereſſanten, furhterwe>en- den Jrrenarztaugen hat? dachte ih und ſuchte ſeinen Blik. Aber auf den Gläſern der Brille blißte und glißerte das Morgenlicht, und mir kam der Gedanke, wie viel öfter ich überhaupt dieſes alles verde>ende Brillen- funkeln geſehen hätte, als den dahinter vermuteten Augen- ausdru>.
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Das Waſſer im Keſſelchen zwiſchen uns brodelte heftig, und um das Schweigen zu brechen, bemerkte ich heiter:
„Ih bin zu deinem Frühſtü& hergekommen, wie du ſiehſt. Wirſt du mir auch zu trinken geben?“
Er deutete auf eine zweite Taſſe, die bereit ſtand, und äußerte zögernd :
„Ib hoffte, du würdeſt kommen. = — Willſt du niht, — — wenn es dir nicht läſtig iſt, = — willſt du mir nicht die Freude machen, uns den Thee zu bereiten ?“
I<h erhob mich und griff nach dem Theetopf. Aber während ich mit dem Geſchirr hantierte, trat wieder das Schweigen ein, und ih fühlte mit Verlegenheit, wie Benno, der ſtumm daſaß und rauchte, den Bli> nicht von meinen Händen ließ.
Es war etwas ſo ganz andres, ſich im vollen, nüch- ternen Tageslicht wiederzuſehen, als am Abend vorher in der Schneenadt. Man jcheut fih unwillkürlich vor all den leije mitflüfternden Erinnerungen, die ſchwer ſind von alten Träumen, und die ſich in der hellen Wirk: lichfeit des Tages nicht zurechtfinden können, ſondern allem unverſehens phantaſtiſche Lichter aufjegen, — blajje, myſtiſche Lichtlein —.
„Es geht nicht an, daß wir hier ſtumm daſitzen,“ dachte ich unruhig und ſagte Schließlich hoffnungslos, nur um irgend ein lautes Wort zu finden, ſcherzend :
„Du willſt wohl aufpaſſen, ob ich bei meinem Farben- Elecfjerberuf noch zur geringſten weiblichen, häuslichen Arbeit tauglich geblieben bin.“
„A<h nein,“ verſetzte er ſo ernſthaft erſtaunt, daß man ſeiner Stimme anhörte, von wie weit er eben
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herkam, „— du biſt ja, — du haſt ja andres zu thun gehabt. Jedenfalls Intereſſanteres. Beſonders Paris iſt ja die große Stadt aller Genüſſe.“
„Das iſt ſie gewiß, aber die große Stadt der Arbeit ‘iſt ſie auch, des raſtloſen Weiterarbeitens,“ verſetzte ich, und ſc<ob ihm ſein Glas Thee zu.
Er rührte mit dem Löffel darin herum, dann fragte er unvermittelt :
„— Der Tomaſi, — wie iſt denn der?“
Ih konnte ein Lächeln nicht unterdrü>en über die unbeholfene Art, wie der Pedant und Moraliſt aus ihm berausrüdte.
„Von meinen Kollegen iſt er mir der liebſte Genoſſe,“ gab ich zu, „ich danke ihm viel Anregung und Freund- ſchaft. Als ich mir den linken Arm verſtaucht hatte und der Ausſtellung wegen jo eilen mußte, um doch noch fertig zu werden, da hat mir der Tomaſi die beſten hellen Morgenſtunden geopfert, und mir den Arm untergeſchoben und mir die Palette gehalten. Das kann nämlich nur ein ſehr lieber Freund thün.“
„Den Arm ſo ausdauernd unterſchieben, — das glaub ich,“ meinte Benno, und rauchte ſo ſtark und un-- ausgeſeßt, daß eine Wolke um ihn ſtand.
Ih lachte, ganz lebhaft geworden.
„Nein, aber die Palette halten,“ verbeſſerte ich, „denn der linke Arm mit der Palette arbeitet mit, mußt du wiſſen, er muß lebendig zu einem ſelbſt gehören.“
Benno ſtieß gewaltſam die Aſche, die ſich kaum noch an ſeiner Zigarre angeſeßt hatte, am Glasteller ab.
„Lebendig zu einem ſelbſt. So kann natürlich nur
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ein Künſtler zu dir gehören,“ bemerkte er, und ſtand un- motiviert auf, ohne mich anzuſehen.
Dabei ſah ich plötzlich das Finſtre, Gequälte in ſeinem Geſicht. Mitten aus der Plauderei heraus, wo- bei ich für den Augenblid gar nicht mehr an ihn ge- dacht hatte, jah ich ihn plößlich jo, wie ihm wirklich zu Mute war: in mühſam verhaltener Erregung, — in zorniger Eiferfuht —. Daher alſo ſein Brief! Das war nicht pedantiſche Moraliſterei geweſen, =- nein, =- Liebe —.
Es kam ganz unerwartet über mich, ein Blutſtrom, der raſh und heiß zum Herzen quillt, und ein Erſchreen. Ja, eigentlich ein nachträgliches Erſchre>en: denn wenn ich das geahnt hätte in der erſten Zeit unſrer Tren- nung, — geahnt, daß auch er leide, und daß er mic liebe, — ich wäre ja beſinnungslos zurükgeſtürzt zu ihm.
Jetzt freilich konnte ich das nicht mehr wollen. Aber auch er ſollte es nicht wollen. Nein, auc er ſoll es nicht, dachte ich, und mein Herz ſchlug zum Zerſpringen. Denn ihm, ſeinem Willen, dieſem harten, engen, bewußten Willen, bin ich ſchon einmal erlegen.
Die Erinnerung daran durchrieſelte mich heiß und beinah lähmend.
Benno blickte mich ſtaunend und ungläubig an. In meinem Mienenſpiel mochte ſich etwas von dem verraten, was in mir vorging. Eine Möglichkeit mochte in ihm aufdämmern, mich wieder zu faſſen. Wenigſtens ſchien es mir ſo, — und da ſchien es mir gradezu, als käme er mit einer Rieſenkeule bewaffnet auf mich zu, um mich niederzuſtre>en.
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„— Benno — !“ ſagte ich ſchwach, erſhro>en, wie jemand, der ſich wehren ſoll, und nicht kann.
Der ſ<wache Ausruf durchzitterte ihn förmlich. Mein Gebaren mußte ihn in eine Zeit zurü>verſeßen, wo mir dieſes furc<htſame Geſicht und dieſe furchtſame Stimme ihm gegenüber natürlich waren. Unwillfürlich, wortlos, faſt ohne zu atmen, beugte er ſich über mich —.
Da ſtreckte ich angſtvoll meine Hand gegen ihn aus, ſie mit einer unſichern Bewegung zwiſchen ſeine und meine Augen ſchiebend, als müßte ſie ihm. meinen Blik verdecken und mich ſeinem Bli> entziehen, wie einer un- kontrollierbaren Macht, die noh einmal mich mir ſelber rauben könnte.
„— Nein — nein! — nicht ! zu ſpät !“ murmelte ich.
Er richtete ſich auf und legte die Hand über die Augen.
Ohne ein Wort der Erwiderung verließ er das Zimmer.
I< ſtarrte ihm nad. Z< weiß nicht, wie lange ih da noch fißen blieb, in feinem Zimmer, in ſeinem Seſſel.
I< war ja heimgekommen, um Reminiscenzen zu feiern. Um in ein paar alte Erinnerungen niederzu- tauchen. Jh wollte mich ſogar an all dem freuen, was an ihnen meinem jetzigen Geſhma> widerſtand, — denn all das gehörte ja zu ihnen, und auf mein wirkliches Leben hatte es keinen Einfluß.
Dies da aber war keine Erinnerungsgewalt geweſen. Nein, dies da war eine Lebensgewalt, eine Wirklichkeits- gewalt, die mich ſelber bedrohte. Konnte ich nicht fort?
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konnte ich denn nicht fliehen? kannte i< denn nicht die Folgen, den Zuſammenbruch von allem, ja von allem, was meinem Weſen und meinem Leben Wert gab?
Ja, das alles wußte ih. Jh wußte auh, daß ſich mein Leben niemals wahrhaft mit Benno verknüpfen ließ, =- und daß es keine Liebe zu ihm war, die mich hielt.
Keine Liebe, — etwas Dunkleres, Triebhafteres, Unheimlicheres — —.
Wie ein Bliß, — Warnung und Symbol zugleih, — glitt an meiner Seele das Bild der Klingerſchen Radie- rung vorüber —.
Nein, — ih konnte nicht fort.
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Am Nachmittag beſann ich mich darauf, daß ih ſeit meiner Ankunft Gabriele noch nicht begrüßt hatte, und ſtieg die Treppe zur Rendantenwohnung hinauf.
Faſt gleichzeitig betrat Gabriele von der Straße her den Hausflur unten, am Arm ein großmaſchiges Markt- neß, aus dem ſich allerlei Gemüſeſorten hervordrängten. Sie lief raſh ein paar Stufen aufwärts, ehe ſie mich aber oben ſtehn ſehen konnte, wurde ihre Aufmerkſam- keit durch Benno abgezogen, der grade über den Flur ſchritt, um aus ſeinen Wohnräumen zu meiner Mutter hinüberzugehn.
Gabriele beugte ſich über die Treppenbrüſtung.
„Guten Abend, Herr Doktor!“ rief ſie ihn an, „ich bin ganz böſe auf Sie. Geſtern und vorgeſtern nacht brannte ja wieder ſo ſpät Licht in Jhrer Studierſtube. Jh kann den Schein ſehr gut von oben bemerken! Sie arbeiten aber wirklich zu ſpät.“
„Sb muß wohl, Fräulein Gabriele,“ antwortete Benno, „übrigens geben Sie mir gewiß an Fleiß nichts nah. Aber ich verſprehe Ihnen, heut abend früher auszulöſhen und mich brav ſchlafen zu legen.“
Das iſt ja ein drolliges Verſprechen ! dachte ich, inner-
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lich beluſtigt, als Gabriele aufjehaute, mich bemerkte und mir nun eilig die Treppe nachſprang.
„Gott, wie lieb von dir, zu kommen!“ rief ſie atem- los und umarmte mich mit der alten Mädchenherzlichkeit, „i< wäre ſchon ſelbſt bei dir geweſen, mochte euch nur nicht gleich ſtören.“
„Wie hübſch du geworden biſt!“ ſagte ich und betrachtete ſie voller Freude. Gabriele glich gar nicht mehr dem langen, rothaarigen Backfiſch von ehedem ; ihr rötliches, ſehr feines und krauſes Haar umſprühte förm- lich leuchtend ein Geſiht von den zarteſten weißroten Farben, und von den Sommerſproſſen ſchienen nur ein paar ganz pikant wirkende Tupfe über der Naſenwurzel übrig zu ſein. Größer als ih, auch von derberm Knochen- bau, “bot ſie ein Bild blühender Kraft.
Sie hatte die Thür aufgeſchloſſen und führte mich in das wohlbekannte Eßzimmer mit der karrierten Wachs- tuchdede auf dem langen Tiſh und dem Nähtiſh am Fenſter. An dieſem Fenſter, das von der ſtarken Zimmer- wärme leicht beſchlagen war, lehnte ihre jüngere Schwe- ſter Mathilde, Mutchen genannt, zwiſchen den weißen Mullvorhängen und malte mit dem Zeigefinger myſtiſche Buchſtaben auf die Scheibe.
„Mit dem bißchen Ordnen der Tiſchwäſche hätteſt du auch fertig werden können, ſcheint mir ,/“ bemerkte Gabriele verdrießlich, und warf einen Bli> über die Stöße von Servietten, die neben einem halbgeleerten Wäſchekorb auf den Stühlen umherlagen, „es giebt ohne- hin vor Weihnachten noch viel zu thun.“ -
Mutchen fuhr bei unſerm Eintritt ein wenig zu-
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ſammen und drehte ſich jo geihwind herum, daß der furze Mozartzopf in ihrem Naden mitflog. Sie war eine ganz allerliebjte kleine Perſon von etwa achtzehn Jahren, und der heiterſte Uebermut blißte aus ihren hübſchen Augen. Als ich ſie herzlich begrüßte und ſie fragte, ob ſie ſich meiner auch noch erinnere, da ſah ſie mich mit großen, liſtigen Augen an und atmete tief auf.
„O ja!“ ſagte ſie, „aber damals waren Sie an- ders —. D, jo wie Sie, — ja, jo möchte ich ausſehen !“
„Aber warum denn, Mutchen? was iſt denn mit mir?” fragte ich verwundert über dieſen Ton.
Sie flog auf mich zu, küßte mich und flüſterte lachend :
„Zh meine nur, weil Sie ſo ausſehen, daß jeder- mann — jeder Mann — Sie gern haben muß.“
„Wirſt du aufhören, mit ſolchen Dingen zu tän- deln!“ rief Gabriele aufgebracht, die“ eben ihre Sachen abgelegt und nur die lezten Worte recht gehört hatte, „du biſt das unnüßeſte Geſchöpf auf der Welt. Es iſt nicht das geringſte Vernünftige mit ihr aufzuſtellen,“ fügte ſie unwillig, zu mir gewandt, hinzu , während Mutcen trällernd entfloh.
„34h kann mir denken, daß ſie dir auch jetzt noh zu thun giebt,“ ſagte ih, „überhaupt hab ich dich innig nach dem Tode eurer Mutter bedauert. Denn nun biſt du natürlich hier gebundener als je. Und du hatteſt doch ganz andre Pläne.“
„Zh habe ſie noh -- für einen gewiſſen Fall, wenn. der eintritt,“ antwortete Gabriele und ſetzte ſich zu mir, „aber es iſt mir einſtweilen recht, hier zu ſein und den
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Hausſtand weiterzuführen. Das kann ich dir nicht er- klären. Doch ſei gewiß, gegen meinen Willen thät ich's nicht. “
I<h ſchaute ſie nicht ganz ohne die alte unwillkür- liche Bewunderung an, wie ſie das ſo feſt und ruhig aus- ſprach.
„Das glaub ich von dir,“ erwiderte ih, „mir wärs unmöglich, etwas ſo gegen meine intimſte Umgebung durchzuſetzen. “
„Dir —?!“ Gabriele lahte; „du haſt ja grade dein Ziel gegen deine ganze Umgebung durchgeſetzt.“
„Durchgeſetzt ? — nein, nichts. Alles nur geſchenkt bekommen,“ bemerkte i< leiſe.
Sie zudte die Achſeln.
"Du bekommſt es eben geſchenkt, — wir andern müſſen es erobern. — — Aber nur eine thörichte Heirat hätte dich aus dem Geleiſe werfen können.“
„Das könnte auch dir noh paſſieren, Gabriele.“
Sie wurde ſehr rot und entgegnete heftig:
„Du meinſt doh niht etwa, daß die Brieger Herren dafür in Betracht kämen? Die ſind heute noch genau ſo jchlimm, wie fie damals waren.“
„Wie denn: ſchlimm?“ fragte ich.
„Noch ebenſo anmaßend und dünkelhaſt und zurü- geblieben in ihren Anſchauungen, angefangen vom klein- ſten Beamten bis hinauf in die Offizierskreiſe. Nur die Form iſt je nach ihrem Stande verſchieden, das Weſen
Fiſt dasſelbe. Glaubſt du, auch nur einer von ihnen ahnte etwas davon, daß wir doch nicht mehr denken wie unſre Mütter und Großmütter? Daß wir nicht mehr lauter
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Käthchen ſind, die wimmern: „mein hoher Herr! ſondern daß wir unſer eigner Herr geworden ſind? — kurz, daß wir mit den alten knechtiſc<hen Vorſtellungen aufräu- wen —;*
„Ach, thun wir das wirklich?“ fragte ich ganz er: ſtaunt, „nein, denke nur! wer thut denn das eigentlich?“
„Das weißt du nicht? Adine, du ſcherzeſt wohl! Du, die ſo weit herumgekommen iſt, du, die ſich ſo frei entwi>elt hat, — ja, was haſt du denn die ganze Zeit gethan ?!“
„Sch? ich habe ja gemalt!” jagte ich ganz betreten.
„Nun ja, gemalt! Aber während man malt, denkt man doch an etwas! Haſt du denn dabei nie über Liebe und Ehe nachgedacht, und wie die ſich zu unſern perſönlichen Rechten verhält? Das ijt jehr unrecht von dir. Und dir lag das doch nah genug: denn eigentlich iſt do< deine Verlobung daran geſcheitert. Nur daran: denn wenn irgend ein Mann dazu imſtande geweſen iſt, ſich in dieſem Punkt vernünftig erziehen zu laſſen, ſo iſt es jedenfalls Doktor Frensdorff. “
I< ſchüttelte verwundert den Kopf.
„Darin irrſt du dich, Gabriele. Seine zauberhafteſte Wirkung war ſeine Tyrannei. Und ſo iſt es wohl meiſtens. “
Gabriele warf einen forſchenden Blik auf mich.
„Du redeſt wie deine eigne Urgroßmutter!“ be- merkte ſie kurz.
„Unſre armen Urgroßmütter!“ ſagte ih lächelnd, „die wußten freilich rein gar nichts von ſolchen Neuerungen Die einzige Form ihrer Liebe war wohl Unterordnung, — in dies Gefäß ſc<hütteten ſie alle ihre Zärtlichkeit.
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Sollte nicht auch in uns was davon übrig ſein? was machen wir dann mit ſolchem ererbten koſtbaren alten Gefäß?“
„Wir ſtellen es meinetwegen in den Nippesſchrank zu andern Kurioſitäten, wenn es nicht ſchon ſo löcherig iſt, daß wir es hinauswerfen müſſen,“ antwortete Ga- briele und ſtand unruhig auf, „ich haſſe alten Plunder! er paßt doch nicht zu den Anforderungen des praktiſchen Lebens. “
„Vielleicht nicht. Aber er kann den praktiſchen Ge- rätjchaften ſo unendlich überlegen jein durch ſeine Schön- heit,“ bemerkte ich, ſtand aber gleichfalls auf, um nicht all das zu ſagen, was mir auf dem Herzen lag. „Wir reden darüber heute nicht zu Ende, Gabriele, aber ganz außerordentlich fortgeſchritten ſeid ihr ja hier in Brieg!“
Gabriele kämpfte mit etwas, was ihr nicht über die Zunge wollte. Sie äußerte nur noh zögernd:
„Du biſt eben eine Künſtlerin, Adine. J< ſage ja nicht, daß du mit Gefühlen ſpielen würdeſt, aber ihre Tauglichkeit fürs Leben iſt dir doch nicht alles, — wenn ſie dich irgendwie künſtleriſch anregen. Aber = — du kannſt damit leiht Menſchen unglücklich machen.“
Sie errötete, ihre Stimme wurde unſicher, und ſie ging ſhnell zu alltäglihern Geſprächsſtoffen über. Wäh- rend wir weiter plauderten, mied ſie meinen Bli>, und ich den ihren. Aber ich that es ohne die geringſte Ahnung von dem, was ſich in ihrem Herzen an Befürch- tungen regte: ſie jedoch begriff aus meinem Schweigen alles. —
Ich verſpätete mich bei Gabriele ſo ſehr, daß bei uns.
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meine Mutter und Benno ſchon mit dem Abendbrot auf mich warteten, als ich herunterkam.
„Das thut mir leid; ich wußte nicht, daß ihr ſo genau die Minute einhalten müßt,“ bemerkte ich etwas erſchrofen und nahm eilig meinen Play am Tiſch ein, „wie du ſiehſt, bin ih no< immer unpünktlih, Benno.“
„Es iſt nur an mir, mich zu entſchuldigen,“ verſetzte er, ohne mich anzuſehen, „denn es iſt ſehr läſtig, daß man um meinetwillen ſo genau ſein muß. Das iſt eben der Sklavendienſt. Sklaverei von früh bis ſpät, und keine Möglichkeit, einmal frei und menſchenwürdig auf- zuatmen. *
Meine Mutter blidte mit Befriedigung vom einen zum andern, jeelenfrob, daß ihre beiden „Kinder“ ſich in Liebenswürdigfeiten überboten. Sie hatte im ſtillen davor gezittert, daß wir uns am Ende ſchlecht vertragen würden.
I< ſah unverwandt Benno zu, wie er zerſtreut und haſtig aß, was er grade auf dem Teller hatte. End- lich konnt ich mich nicht enthalten zu bemerken:
„Wie ſeltſam, daß du ſo von deinem Beruf ſprichſt, Benno. Grade als ob er dich zum Sklaven, und nicht zum Herrn machte. Oder als ob du ebenſogut einen ganz andern Beruf haben könnteſt, oder auch gar keinen Beruf, oder —“
„— Und warum ſcheint es dir denn ſo ganz un- denkbar, daß ich einen andern Beruf ausfüllen könnte,“ unterbrach mich Benno nervös.
„Warum? Das weiß ich niht. I< kann es mir einfach nicht anders vorſtellen, als daß du Jrrenarzt in
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Brieg, — oder ſonſtwo — biſt. J< meine, das iſt kein Zufall, ſondern ein Beweis, wie dein Beruf mit dir ver- ſchmolzen iſt.“
Er erwiderte gereizt :
„Es iſt vielmehr ein Beweis, wie ſehr ein Menſch bei ſtrenger, einſeitiger Berufsarbeit verſtümmelt, in ſei- ner vollen Entwidelung verkürzt wird. Deshalb nehmt ihr ſo ohne- weitres den Berufsmenſchen in uns ſchon für den ganzen Menſchen. “
„Verjtümmelt, verkürzt?” wiederholte ich ſtaunend, „aber Benno, entwidelt ihr eu< denn niht dabei ſo ſehr, daß ſchon die Frauenzimmer es euch neidiſch nach- thun wollen? Schließlich wählt ihr ja den Beruf.“
„Um in ihm irgend ein paar Fähigkeiten und Fertig- feiten- auszubilden, — ja,“ fiel er ein, „um mehr als das zu thun, dazu gehört Zeit und Geld, alſo iſt es nur für die wenigſten. Was meinſt du wohl, was von unſerm ganzen nicht beruflichen Innenleben zur Ent- widelung fommt, wenn man in ſolchem Zeitmangel lebt, wie etwa ich gelebt habe? Mir kommt es vor, ſo lange ich zurückdenken kann, ſchon von der Schulbank her, als hätte ich niemals Zeit gehabt, und als wären daraus die ſchlimmſten Fehlgriffe entſtanden, die ich je begangen habe.“
Ih ſchwieg. J< wußte ja von ſeiner überbürdeten Studienzeit, ſeiner raſtloſen Arbeit bei geringſten Mit- teln, faſt ohne Muße, und ich gab ihm recht. Aber daß es Benno war, der ſo ſprach, konnte ich nicht begreifen. Wann hätte er ſich je mit Mängeln feiner Entwidelung herumgeſchlagen? Wann ſich je in ſeiner ſelbſtbewußten Sicherheit beirren laſſen ?
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Meine Mutter fragte dazwiſchen :
„Wie iſt es denn morgen mittag, Benno? ißt du zu Hauſe 2“
„Wahrſcheinlih niht. Es iſt weit über Land, wo ih bin muß. Wir bringen den Kranken wohl gleich mit,“ entgegnete er zerſtreut, beendete etwas haſtig ſein Abendeſſen und ſtand auf.
„Du entſchuldigt wohl, es wartet jemand auf mich,“ bemerkte er zur Mutter, und dann, ſ{hon bei der Thür, wandte er fich noch einmal zu mir und ſagte zögernd:
„34h wollte dich noh fragen, ob du nicht — id) wollte dich bitten, morgen vormittag, — natürlich falls du nichts andres vorhaſt, — ob du mir nicht wieder etwas Geſellſchaft leiſten willſt. So wie heute. Es iſt meine liebſte Stunde.“
Dabei ſah er eilig und beſchäftigt aus und ſah nie- mand an, während er redete.
„Gewiß! ich will kommen,“ ſagte ich ein wenig leiſe. Dabei ſc<lug auch ich die Augen nicht auf. Meine Glieder wurden mir bleifehwer. I< ſtüßte die Arme auf den Tiſch und 'den Kopf darauf. „Wenn ich doch aus dem Hauſe ginge und den Nachtzug nac< Paris nähme!“ dachte ich.
Meine Mutter hatte von Benno wieder auf mich gebli>t ; ihre Augen leuchteten, und wer kann wiſſen, welc<he Hoffnungen in ihr aufftiegen und welche Mutter- wünſche, während ſie umherging und das Dienſtmädchen beaufſichtigte, das den Tiſch abräumte. Dieſes war eine arme entlaſſene Inſaſſin des Jrrenhauſes, wie meiſtens unſer Geſinde.
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Nach einer Weile ſchien in einer Droſc<hke Beſuch vorzufahren. Meine Mutter trat in den Flur hinaus und kam bald darauf mit einer kleingewachſenen jungen Dame zurück, die an einem Krücſto> ging.
„Die Baroneſſe Daniela hatte gehofft, Benno an- zutreffen,“ bemerkte die Mutter, indem ſie uns mitein- ander bekannt machte, „ich habe ſie gebeten, bei uns ein wenig zu warten, weil Benno nur vorübergehend in Anſpruch genommen iſt.“
„I< wollte Herrn Doktor Frensdorff nur einen Augen- bli ſprechen, “ ſagte die Baroneſſe mit einer höchſt wohl- lautenden ſanften Stimme zu mir, „nur um zu hören, ob ich morgen kommen darf. Denn ich kann nicht immer von Hauſe fortfommen. — Aber vielleicht wiſſen Sie überhaupt gar nicht, daß ich ſeine Schülerin bin?“
„Nein! Davon wußte ich allerdings nichts,“ ver- jegte ich, fie ins Wohnzimmer geleitend, wobei ich jehen konnte, wie ſtark ſie in den Schultern und Hüften ver- wachſen war, „— aber unmöglich ſtudieren Sie Medizin ?“
Die Baroneſſe Daniela mußte bei dieſer Zumutung lachen, und ihr blaſſes, ſhmales, merkwürdig altbli>endes Geſicht verjüngte und verſchönte ſich dabei. „Nein, nein!“ wehrte ſie ab, und ſetzte ſich mühſelig hin, „richtig ſtu- dieren kann ich ja überhaupt nicht. Aber Herr Doktor Frensdorff treibt viel Schönes mit mir, Litteratur, Ge- ſchichte, ſogar etwas Philoſophie.“
„Was Tauſend! Benno thut das?“ unterbrach ich ſie überraſcht, „aber wann kommt er denn dazu?”
„3a, er thut es aus Güte für mich. J< bin näm- ich ſeine Patientin geweſen. Eh ich zu ihm kam, war
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ich ganz entſetzlich unglülich. Er aber hat mich gelehrt, glücklich zu werden.“
„Indem er Ihnen ſolche Studien erſchloß 2?“
Sie ſchüttelte den blonden Kopf.
„Nein. Indem er mich darüber aufklärte, daß das, woran ich kranke, unheilbar iſt, und daß ich mich damit abfinden muß. Unheilbar verwachſen bin ich, — nein, werden Sie nicht verlegen für mich!“ fügte ſie ſehr lieb im Ton hinzu, und legte ihr kleines blaugeädertes Händ- chen auf meine Hand, „Sie ſehen ja, ich kann ſo ganz ruhig davon ſprechen.“
Und als ich ihre Hand umfaßt hielt, und ſie die ſtumme Anteilnahme, das große lebhafte Intereſſe in mei- nen Augen leſen mochte, da fuhr ſie vertrauensvoll fort:
„Mich haben die Menſchen ſo ſehr damit gepeinigt, daß ſie mir aus lauter Mitleid vorredeten, ich würde mich bis zum erwachſenen Alter grade wachſen und wer- den wie andre auch. Aber je älter ich wurde, — ich bin jeßt neunzehn, — deſto beſſer begriff ih, daß fie mich betrogen, und wagte doh nicht, es irgendwen merken zu laſſen oder mich gegen irgendwen auszuſprechen. Denn bemitleidet leben zu müſſen, das iſt doch wie Tod, nicht wahr? Ueber dieſem innern Zwang und exſti>ten Kum- mer wurde ih zuleßt ſhwermütig. Und nun wurde Herr Doktor Frensdorff ins Haus gerufen. Er brauchte nicht lange, um die Sachlage zu durchſchauen! Er fing damit an, mich die Wahrheit ertragen zu lehren. Ach, er hat es nicht leicht gehabt, das können Sie glauben! Jh habe bei ihm geweint und geſchrieen, und ſchließlich lernte
ich bei ihm wieder lachen.“ Lou Andreas-Salome, Fenitjichta. 10
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In mir wurde alles Wärme und Zärtlichkeit, als ich ſo dem feinen, ſympathiſchen Stimm<hen zubörte. Das beſeelte Geſicht da vor mir, mit ſeinem Ausdru> von Mut, Glück und Leiden, wirkte ſo ſtark auf meine durch alle Eindrücke leicht erregten Sinne, daß ich die kleine Verwachſene am liebſten an mich gezogen und geküßt hätte.
Auch gemalt und für mich behalten hätte ich gern | dies intereſſante kleine Geſiht. Darüber achtete ich nur no< zerſtreut auf ihre Worte.
Um es nicht merken zu laſſen, ſagte ich:
„3< kann mir ſehr gut denken, daß in dieſer kleinen Provinzialſtadt mit ihrem Mangel an geiſtigen Intereſſen Benno Ihnen durch ſein Eingehn auf alles ein wahrer Halt und Troſt iſt. Aber wahrſcheinlich ſind Sie es ihm nicht minder.“ ;
„Nein, ich bin ihm wohl nichts,“ ſagte ſie ſehr ernſt- haft,. „oder richtiger: ich wäre ihm wohl nichts, wenn ich nicht ein Krüppel wäre, der ihn braucht und ihm leid thut. Aber das iſt ja grade das Herrlihe und Merk- würdige: daß es ſo glücklich macht, ſich ihm gegenüber klein und gering vorzukommen und nur ſein Mitleid zu verdienen. Daß er ſich zu mir herabbeugen muß, und daß ich alles nur durch ihn habe, — das hab ich eben vor all den glücklichen, geſunden, anſehnlichern Menſchen voraus, nicht wahr? Dafür gönn ich ihnen gern ihre Schönheit und Kraft, und bin zufrieden mit meinem Ge- bre<hen und meiner Schwäche. — Aber ich weiß gar nicht, warum ich Ihnen das alles erzähle,“ fügte fie lächelnd hinzu, „Sie ſehen ſo gut aus: vielleicht lachen Sie nicht darüber.“
Se.
„Mein, ich lache nicht darüber,” ſagte ich aufs tieffte ergriffen und jchloß die Kleine Schwärmerjeele in die Arme, wie ein Schweiterchen, das ich bie auf den Grund ihrer jeligen thörichten Romantik verſtand. Ob fie wohl eine Ahnung davon hat, daß ſie ihn liebt? dachte ich mit furchtfamem Herzen.
Da fuhr ſie plößlich in meinen Armen zuſammen, ſo ſehr, daß ihr ganzer armer kleiner Körper erzitterte.
„Was iſt —?“ fragte ih erſhro>en und ſtand auf.
Sie lauſchte.
„— 6 ift jein Schritt!” ſagte’ ſie leiſe:
Als ich am nächſten Vormittag zu Benno hinüber- ging, war er ſchon da, aber ein Angeſtellter des Jrren- hauſes war noh bei ihm und ſtand wartend neben dem Schreibtiſh, an dem Benno ſaß und einige Papiere ordnete.
Sch zündete den Spiritus unter dem Theekeſſelhen an, und jegte mich auf eine breite mit Leder überzogene Ottomane an der Hinterwand des Zimmers. Auf einem dicht heran geſchobenen niedrigen Tiſch lagen durch- einander allerlei Bücher und broſchierte Schriften. Nach dem geſtrigen Geſpräch mit der kleinen Baroneſſe wun- derte ich mich nicht mehr, zwiſchen der Fachlitteratur die verſchiedenſten andern Geiſteswerke zu finden, von denen ich früher nie geglaubt hätte, daß ſie ſich bis zu Benno verirren würden.
Zweifellos war dieſe Bereicherung und Vermehrung ſeiner Intereſſen ein vorteilhafter Wechſel ; nur zu ſeiner ganzen Eigenart, von der Schroffheiten und Engen mir völlig unabtrennbar ſchienen, wollte er nicht recht ſtimmen.
Nachdenklich langte ich einen abgegriffenen klein- gedruckten Band hervor, der zu einer ältern Schillerausgabe gehörte; offenbar durchſtöberte Befkno den alten Familien-
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ſhrank im Wohnzimmer, um ſich litterariſch zu bilden, und war jeßt alſo bei Schiller angelangt.
Dieſe Bemerkung kam mir ohne allen Hohn, — ich freute mich drüber, daß er im Grunde doch noch ganz derſelbe blieb, — Pedant und unmodern.
„Wallenſteins Tod.“ Mitten im Band fkniſterte ein breites tro>enes Epheublatt und ließ das Buch ſich dort von ſelbſt öffnen. Ein langer feiner Bleiſtiftſtrich den berühmten Monolog an Max entlang:
Die Blume iſt hinweg aus meinem Leben, Und kalt und farblos ſeh' ich's vor mir liegen. Denn er ſtand neben mir, wie meine Jugend, Er machte mir das Wirkliche zum Traum,
Um die gemeine Deutlichkeit der Dinge
Den goldnen Duft der Morgenröte webend -- Im Feuer ſeines liebenden Gefühls
Erhoben ſich, mir ſelber zum Erſtaunen,
Des Lebens flach alltägliche Geſtalten.
— Was ich mir ferner auch erfireben mag, Das Schöne ift doch weg, das kommt nicht wieder.
— — Ih las e& ganz arglos; mir fiel nicht ein, daß jemand hier „ſie“ für „er“ geleſen haben könnte. Aber auch zu mir ſprach es wie ein Liebesgedicht —.
Benno war aufgeſtanden, er hatte den Mann ab- gefertigt und wandte ſich mir zu.
„Ach laß das,“ bemerkte er mit einem Anflug von Verlegenheit, als er mich mit dem Buch in der Hand ſien ſah, „hier giebt es nichts, was dich intereſſieren könnte. Wir redeten ja ſchon geſtern davon, daß man in allem unwiſſend und ein Stümper bleibt, was nicht zum Beruf gehört. F< kann nur wieder jagen: leider!
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Denn auh in meinem Beruf wäre der Tüchtigſte, wer zugleih Welt und Leben mit umfaſſen könnte.“
Ih legte das Buch aus der Hand, beſorgte den Thee und entgegnete zögernd :
„Früher dachteſt du do< ganz anders darüber, Benno. Du urteilteſt über alles als Mediziner ab und ließeſt keinen Einwand gelten. Wodurch iſt denn das nur ſo gekommen ?“
Er war an das Fenſter getreten und bli>te auf die verſchneite Straße hinaus, die von den gegenüberliegen- den Gefängniſſen verdunkelt wurde.
„Dadurch, daß ich dich verlor!“ ſagte er halblaut.
Ih wagte nichts zu erwidern. Jh verharrte regungslos. Aber ich dachte bei mir: „Das war ja durch: aus dein eigner Wille, dieſer Verluſt.“
Ohne ſich vom Fenſter abzuwenden und ohne nach mir hinzuſehen, fuhr er mit halber Stimme fort:
„3a, dadurch allein. Sonſt wär ich wohl lebens- lang ſo geblieben wie damals: für meine eigne Perſon ge- wiß nicht anmaßend, ſondern voll Beſcheidenheit, aber voll Ueberſhäßung und Dünkel hinſichtlich meiner un- fehlbaren Weisheit, als Fachmenjch. Aber da erkannte ich allmählich, wodurch ich dich verloren hatte: durch den Mangel an Einſicht in das, was dir not that, durch Mißverſtehen alles deſſen, was kraftvoll und geſund in dir war, und nur deshalb krankhaft erſchien, weil man deine Entwickelung unterband, weil man dich nicht in den Stand ſetzte, es künſtleriſc< aus dir herauszugeben —“
„ Das war gut ſo,“ unterbrach ich ihn mit An- ftrengung, „— die Zukunft hat es bewieſen. Sie hat
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bewieſen, wo meine Tüchtigkeit . liegt. — — Nicht da, wo wir ſie ſuchten —.“
„Scheinbar: ja,“ verſetzte er faſt heftig in unter- drü>tem, gequältem Ton, „ſcheinbar hatt ih ja recht, aber warum? Nur, einzig und allein nur, weil wir von vornherein einen entjeglichen Fehler gemacht haben. I< meine in deinem Verhalten zu mir. Anſtatt dich durch die Grenzen und Schranken meiner Unerfahrenheit ein- zuengen, hätt ich mich durch dein reicheres Weſen hinaus- leiten laſſen ſollen aus ihnen, — grade wie es mir ja durc< dich während unſrer Trennung geſchehen iſt.“
„Nein, o Benno, nein!“ fiel ich ein, „dann wärſt du ja gar nicht du ſelbſt geweſen.“
„Jh ſpreche dich ja bei dieſem ‘begangenen Fehler durchaus nicht von Mitſchuld frei!“ ſagte er eindring- lih, „nein, wie ſehr, wie ſehr warſt du ſelbſt ſchuld daran! Schuld dur deine Folgſamkeit und Fügſamkeit, ſchuld durch deine leidenſchaftliche Selbſtunterwerfung und den fritifloſen Glauben an meine thörihte Unfehlbarkeit. Hätteſt du mich nur nicht über dich geſtellt, ſondern neben dich, — ad, Lieber noch unter dich, als jo hoh hinauf.“
„Dann hätt ich dich nicht geliebt,“ ſagte ich leiſe.
„Ach Kind,“ verſeßte er mit gedämpfter Stimme und, wendete ſich vom Fenſter fort, „=- warum liebt ich dich denn? mir ſelbſt unbewußt doch um deswillen, worin du thatſächlich über mir ſtandeſt, etwas Selteneres, Feineres, Glanzvolleres warſt als ih. J< kam aus der Dürftigkeit, aus der Dunkelheit zu dir wie ins Licht. — — Sieh,“ warum ſoll das auch nicht ſein? Es ſind
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ja grade ſolche Frauen, die uns vor der Seelenöde ret- ten, die unſre Berufsmonotonie ergänzen —. Fm Beruf, da mögen wir ja die Ueberlegenen ſein, mögen beſtim- men, befehlen, unterweiſen, was uns unterſtellt iſt, -- aber der Frau gegenüber, die wir lieben: glaube mir, da fällt dieſer ſhle<te Ehrgeiz fort. Da werden wir wieder gut und einfach und Kinder, und wollen uns gern beſchenfen, uns gern die ſchönſten Träume erzählen laſſen, — mit unſerm Kopf in eurem Schoß.“ I< hatte mich in dem Seſſel niedergelaſſen, die - Arme aufgeſtüßt und das Geſicht in den Handflächen ver- graben. Er ſollte mir niht in das Geſicht ſehen, das nichts zu verſchweigen verſtand. Er ſollte nicht ſehen, wie ſeine Worte auf mich wirkten — gleich einem feinen, langen, ſchmerzenden Stich durc< alle Nerven.
Eine ſtaunende und enttäuſchte Traurigkeit legte ſich über mich, als er ſo von ſeiner Liebe ſprah, — eine Traurigkeit, als gölte dieſe Liebe gar niht mir, ſondern als liebte er ſozuſagen an mir vorbei ins Leere hinein.
Als ich no< immer ſc<wieg, kam Benno näher, jeßte fi) mir gegenüber an das Kaminfeuer und ſagte nach einer Pauſe:
„Siehſt du, von dieſen innern Umwälzungen iſt auch meine äußere Exiſtenz beeinflußt worden. Du mußt nicht denken, daß ich ewig hier bleiben will. J< will nicht den Direktorpoſten hier, und habe Ausſichten in einer größern Stadt — —. Nun, davon ein andres Mal. I< wollte dir nur jagen, weshalb ich hier. ſo un- ſinnig viel gearbeitet habe, — du dachteſt wohl, weil
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ich ganz aufgegangen wäre hier im Winkel. Aber das iſt nicht ſo. Mit einem Ziel vor Augen, einem einzigen Ziel, hab ich wie verrückt gearbeitet =- und auch ge: ſpart und gegeizt, — der reine Hamſter =.“ Er bückte den Kopf gegen das Feuer und lächelte ein wenig: es ſah beinah kindlich froh aus.
I< hatte die Hände ſinken laſſen und ſchaute auf ihn, und eine unausſprechliche Weichheit kam über mich. Ih jah den blonden Kopf mit dem gelichteten Haar an den Schläfen, dem nervöſen Zug um den Mund, und mit dem etwas angeſtrengten, geſpannten Ausdrud, der faſt nie mehr von ſeinem Geſichte wih. Und ich ſah vor mir die Oede, durch die er gewandert war, die Summe von Arbeit und Einſamkeit, die hinter ihm lag. Wie ein neuer, zuvor nie in ſeiner Wirklichkeit von mir geſchauter Menſch kam er mir vor; der „ge: panzerte“ Mann meiner Bacfiſchromantik legte ſeine Rüſtung ab, und dahinter ſtand ein kindguter , liebe- bedürftiger Menſch, der keinen, — nein keinen, mit har- tem Fuß niederzutreten vermöchte.
„Um den Hals fallen ſollte man ihm, und ihm alles Liebe anthun!“ dachte ich weich und erſchüttert. Aber in meinem Herzen blieb dennoch dieſelbe große Traurig- keit und Enttäuſchung, wie wenn er mir etwas Bitteres zu leide gethan hätte.
Er ſtand in ſeiner Unruhe wieder auf und ſagte be- fangen :
„Was es mich damals gekoſtet hat, — nur deine Mutter weiß es, was es mich gekoſtet hat, dich fort- zulaſſen. Du durfteſt es ja nicht wiſſen. Und um deinet-
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willen mußte es ſein. I< ſchuldete deinen Eltern fo viel, — ich hätte ja auch nie um dich zu werben ge- wagt, — i< konnte dih niht kranken und verkümmern laſſen. Jett, = jezt würd es anders ſein, Adine. “
„— Benno —!“ ſagte ich leiſe, verwirrt, wie geſtern, und auch in abwehrender Furcht wie geſtern, vor den Worten, die nun kommen mußten. Aber es war doch nicht dieſelbe Furcht, und nichts erzitterte in mir dabei in lähmendem Unterliegen, und nichts durchſchauerte mich, wie geſtern. Jh dachte in dieſem Augenbli> überhaupt nicht an mich, ſondern nur allein an ihn, und alles, was ich fürchtete, war, ihn leiden zu ſehen, ihm weh thun zu müſſen.
Nie, noch nie bin ih ihm menſ<hli<, in menſch- licher. Anteilnahme, mitempfindend ſo nahe geweſen, -- nie aber auch war ich gleichzeitig ſo fern von ihm, ſo weit, weit fort, — als Weib.
„Ja, vielleicht haſt du recht!“ ſagte ich atemlos, überſtürzt, und richtete mich auf, „— vielleicht hätten wir von allem Anfang an anders miteinander ver- ſchmelzen können, ohne Kampf, ohne Hemmnis, auch ohne Unterordnung oder Ueberordnung des einen oder des an- dern! Einfach in der Freude und im Rauſch unſrer friſchen Jugend. Ja vielleicht! Vielleicht giebt es eine ſolche Liebe, und iſt ſie möglich und iſt ſie ſchön,“ =- ich ſto>te, und ein Schmerz, den ich ſelbſt nicht begriff, machte mir die Bruſt eng; ich fügte mühſam hinzu: „— aber das iſt verſcherzt, das iſt für mich zu ſpät —“
„Nein, -- nicht! bitte, ſage nichts!“ bat er haſtig und durch meinen plöglichen Ausbruch erjchredt, „— du
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ſollſt gar nicht ſo übereilt =- du ſollſt dir Zeit laſſen, — prüfen —; nur mir von der Seele jprechen mußt ich es gegen dich —“
Er brach ab, weil im anſtoßenden Wartezimmer eine Thür knarrte; ein leichtes Geräuſch, wie von einem Stod, der den Boden berührte, wurde hörbar.
Benno bli>te unruhig auf die kleine Standuhr auf dem Kaminſims.
„Unmöglich kommt ſie ſo früh,“ murmelte er ver- wirrt , „ih habe ihr doch geſtern abend die Stunde genannt.“
Doch-ſchon pochte es leiſe, und er öffnete die Thür ins Wartezimmer. Vor ihm, ganz hell vor Freude, Er- wartung und Ungeduld, ſtand die kleine Baroneſſe.
Sie begrüßte mich wie eine alte Bekannte, ohne irgend etwas von der Benommenheit zu merken, worin ſie Benno und mich vorfand; ſie war dazu ſelbſt zu benommen. i
„Wir ſind geſtern ſchon ganz jchnell die beſten Freunde geworden,“ erklärte ich Benno, der ihr den Krücfſto> aus der Hand nahm und ihr den bequemſten Seſſel heranrüdte.
„Das wundert mich gar nicht,“ erwiderte er mit der ruhigen und beruhigenden Stimme, die er als Arzt zur Verfügung zu haben ſchien, wie eine bereitliegende Maske, „du würdeſt auch in ganz Brieg ſchwerlich einen zweiten Menſchen finden, mit dem du ſo gut zuſammen- paßt, wie die Baroneſſe Daniela.“
„Nicht in allem!“ ſagte. die kleine Verwachſene lä- chelnd, „man dürfte uns zum Beiſpiel ſchon nicht zuſammen
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=, —
auf der Straße ſehen; wie ſchön würd ic< da nad): humpeln müſſen. “
Benno warf ihr durch ſeine Brille einen forſchenden Blick zu.
„Grade deshalb!“ bemerkte er, „denn wären Sie ſo ſc<lanf gewachſen wie eine Tanne im Walde, ſo wür- den Sie in andrer Hinſicht ſchwerlich ſo hoch in die Höhe gewachſen, jondern recht oberflächlich ausgefallen ſein, und unſrer Dina in allen Stüken nachhumpeln müſſen.“
Sie ſtrahlte ihn ſtatt jeder Antwort mit ihren dank- baren, glücklichen Augen an, und ich jah es ihr an, wie
völlig geborgen ſie ſi< vorkam, — auf eine Stunde vor allem Ungemach geborgen, und mit ihm zu zweit allein.
„I< gehe nun hinüber,“ äußerte ih und gab ihr die Hand, „ich denke aber, daß wir bald wieder mit- einander plaudern.“
„Bald, ja!“ verjegte ſie zerſtreut und blickte unver- ſehens Benno an, ſtatt mich, „— wenn man mich nur bald wieder herläßt. Jetzt gibt es ſo viele Abhaltungen vor Weihnachten. Deswegen mußt ich heute ſchon jo früh kommen, = ſpäter käm ich nicht frei.“
I< verließ das Zimmer faſt mit einer wunderlichen Regung von Neid. Ja, ich beneidete beinah die kleine Verwachſene um die harmloſe Romantik, womit ſie da drinnen bei Benno ihren Anteil an Menſchenglück ſich vorweg nahm. Sie konnte ihn hoch über ſich ſtellen, ſich ſelbſt demütig unter ihn, ohne daß dieſe halb er- träumte Situation ſich jemals zu ändern brauchte, ohne daß die Wirklichkeit des Lebens ſie jemals in ihren Jllu-
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ſionen und Phantaſien ſtören würde, — denn Leben und Wirklichkeit blieben ihr doch wohl immer fern.
Sie ſeßte jekt den Becher an die Lippen und nippte von derſelben Sklavenſeligkeit, woran ich mich einſt Benno gegenüber ſo bis zur bewußtloſen Selbſt- vernichtung berauſcht hatte, — und die es für mich ihm gegenüber num nicht mehr gab. Und arglos hielt er ihr dieſen betäubenden, gefährlichen Trank an die Lippen. Von mir aber, die damit bis in die lezten Nervenfaſern vergiftet geweſen war, heiſchte er ebenſo arglos, daß ich, mit ernüchtertem Herzen und ernüchterten Augen, ihn lie- ben ſollte —.
Bei uns im Wohnzimmer traf ich Gabriele. Meine Mutter ſchien eben erſt von Weihnachtsbeſorgungen in der Stadt heimgekehrt zu ſein; ſie ſtand no< im Hut da und trug die einzelnen Ausgaben in ihr Notizbüchel- chen ein.
Gabriele drehte ſich raſch nad) mir um und rief:
„3<h bin nur da, um dich zu fragen, ob du nicht heute abend ein wenig zu uns heraufkommen willſt? Es find lauter alte Bekannte bei uns, die neugierig find, dich wiederzuſehen, wie du dir wohl denken kannſt.“
„Ja, danke. Vielleicht. Nimm es lieber nicht als gewiß,“ entgegnete ich, von der Vorſtellung erſchre>t, den Abend geſellig verbringen zu follen, und ſeßte mich an den Tiſch, auf dem mehrere aufgeſchnürte Pakete mit bligenden Anhängſeln zum Chriſtbaum lagen.
„Auf mich mußt du keine Rüſiht nehmen,“ be- merkte die Mutter und legte ihr Notizbuch neben mich hin, „ſo früh, wie ich's gewohnt bin, kannſt du dich ohne-
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hin nicht zur Ruhe begeben. Aber ich wache nicht davon auf, wenn du ſpäter ins Schlafzimmer kommſt. “
I<h langte nac< dem kleinen abgenutzten Bleiſtift am Notizbuch und begann zerſtreut auf dem harten grau- weißen Paketumſc<lag zu zeichnen.
„Doktor Frensdorff kommt wohl ſicher nicht mit herauf ?“ fragte Gabriele zögernd.
„Schwerlich,” verſeßte die Mutter, „er fährt mit- tags weit über Land und kehrt erſt ſpät zurück. “
„Alſo nicht!“ bemerkte Gabriele in ſo merkwürdig refigniertem Ton, daß ich unwillfürlich aufbli>te.
J<h vermochte in dem geſenkten Geſicht, das von feinem Kraushaar wie von einer leuchtenden Wolke um- ſchattet wurde, nichts zu leſen. Aber jeht nachträglich fiel mir Gabrielens fortwährendes Erröten bei unſerm geſtrigen Geſpräh und manches ihrer Worte auf.
Faſt kam mir ein Lächeln. Wenn fie wirkli<h in Benno verliebt war, ſo mußte man es humoriſtiſch nen- nen, um wie verſchiedener, ja einander ausſchließender Eigenſchaften willen wir drei uns für ihn intereſſiert hatten. Was ift nun ein Menjch wejentlich andres, als was wir uns aus ihm zure<htmachen ?
Aber von uns dreien traute ich Gabriele das beſte Urteil über ihn zu. Vermutlich hatte ſie ganz recht damit, daß ſie eine paſſende Frau für Benno wäre, - von der er ſich dann ſicher auch genau ſo erziehen ließe, wie es fih nach Gabrielens Meinung für die Frau von heute ſchidte.
Da bemerkte Gabriele:
„Doktor Frensdorff iſt überanſtrengt und über-
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beſchäftigt, daher geht er nirgends hin. Jemand ſollte ihm das ausreden. Das ſollteſt du thun, Adine.“
„Er hört doch nicht drauf,“ meinte die Mutter und ging hinaus, um ihren Hut abzulegen.
„Auf dich würd er wohl hören,“ ſagte Gabriele halblaut.
I<h ließ überraſcht den Bleiſtift fallen und ſah ſie an.
„Wär es dir denn im Ernſt angenehm, wenn ich mich drum kümmerte oder ihn beeinfluſſen wollte?“
„Ja. Wenn es zu ſeinem Wohl dient,“ verſette Gabriele finſter.
Etwas von meiner alten Bewunderung für ſie regte fih in mir. Und eine warme Bereitwilligkeit, ihr zu helfen. Sie ſollte wiſſen, daß ich ihr nicht in den Weg treten würde.
„Meine Sache iſt das aber gar nicht,“ ſagte ich raſch und in leichtem Ton, während ich fortfuhr zu zeich- nen, „du weißt ja: ich gerate lieber ſelbſt unter je- mandes Einfluß. J< will aber beides nicht. Es iſt alſo beſſer, wenn dir das zugehört, und niemand anders teil dran nimmt.“
Gabriele ſtand auf.
„J< muß hinaufgehn, um nach unſerm Mittag zu ſehen, auf Mutchen iſt kein Verlaß,“ bemerkte ſie ruhig, dann aber, als i< ihr die Hand gab, ſah ſie mir feſt und faſt etwas ho<hmütig in die Augen und fügte ernſt hinzu : |
„Was uns wahrhaft gehört, Adine, das nimmt nie- mand uns fort. Was uns wahrhaft gehört, das fällt
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uns zu, früher oder ſpäter. Daher ſind alle kleinlichen Sorgen um Dein und Mein niedrig. Alles was wir zu thun haben iſt, ſelber vorwärts zu gehn; wer zu uns gehört, geht mit, wer das nicht thut,“ — ſie hielt inne und atmete tief auf, — „der — ja der darf uns auh niht aufhalten. “
Jch beugte mich, etwas verdußt, über mein Paket- papier. Leidenſchaftsloſigkeit und Ueberzeugungskraft ſind gewiß hohe Tugenden. Und ich --? Ad, ich!
Ich blickte erjt wieder verwundert auf, als die Mutter wieder eintrat und mir über die Schulter ſah.
„Aber das iſt ja die kleine Baroneſſe!“ rief die Mutter überraſcht, „nur gar ſo ſchön, wie du ihren Kopf gezeichnet haſt, iſt ſie do<h nicht, Kind.“
„Nicht ſhön —? — Uebrigens iſt es eigentlich auch nicht grade die Baroneſſe Daniela. Es iſt nur das Glück, Mama.“
„Das Glü> —?!“
„Ja. So ungefähr ſchaut es aus. Aus ſolchen Augen ſchaut es das Leben an.“
„Arme Daniela,“ meinte die Mutter, „ſie hat es ſchwer genug im Leben. Weißt du, daß ſie auch grade eine Majorstochter ſein muß, wo ſo viel laute Geſellig- feit im Haufe herrſ<t --. Man möchte ihr ſchon ein wenig Glü> zu Weihnachten wünſchen, als Chriſt- geſchenk.“
„Ach Mama, kein Menſch weiß ja jo recht, was der andre ſich wünſcht. J< könnte mir zum Beiſpiel Da- nielas Schiſal wünſchen. Oder einfach zu Weihnachten einen ſchön gewölbten Buckel, Mama.“
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„Aber Dienchen! jo jündhafte Scherze ſoll man nicht machen.”
Das Dienſtmädchen kam herein und brachte die ein- gelaufene Poſt. Sie überreichte die paar Kartenbriefe
id mit einer Würde auf dem Präſentierteller, als wären es mindeſtens ho<hwichtige Depeſchen.
„Jh möchte wohl wiſſen, warum die Anna immer ſo feierlich thut,“ bemerkte ich, nachdem ſie wieder hinaus- gegangen war, „wenn ſie abends die Lampe bringt, trägt ſie ſie auch vor ſich her wie eine Gottesfackel.“
„Sie iſt krank geweſen. Das iſt ihr von der Krank- heit verblieben.“
„Was — die Feierlichkeit ?“
„Die Wahnvorſtellung, als ob alles, was ſie thut, die feierlichſte Bedeutung hätte. Fn ihrer Geiſteskrank- heit war ſie nämlich ganz glü>ſelig. Da hat ſie gemeint, beim Kaiſer von China zu dienen. Das kann ſie ſich in ihren Manieren noch nicht recht abgewöhnen. Aber Benno meint, das ſchade nichts.“
„Und das nennt man nun Wahnſinn!“ ſagte ich ſeufzend. „Cine Fähigkeit, ſo beglüdende llufionen ein- fach feſtzuhalten. ch glaube, Mama, ich wünſche mir zu Weihnachten außer dem Buckel auch noch einen ganz niedlichen kleinen Wahnſinn. “
„Aber, Kind! Du redeſt ja hon den reinen Wahn- ſinn!“ meinte die Mutter unwillig, und las ihre Karten- briefe.
Ih legte die Arme auf den Tiſch und den Kopf darauf. Der Kopf war mir ſo leer, und das Herz
ſo ſ<wer, wie nac< einer Vergeudung und Erſchöpfung Lou Andrea3-Salome, Fenitſchka. 11
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aller Kräfte. Und dabei war der Morgen do ſo idylliſch friedlich verlaufen. Ohne Not hatte ih mich vor den Morgenſtunden bei Benno gebangt, als drohte mir in ihnen eine Gefahr, die heimlich anzieht, wie Schwindel und Abgrund —. Da war gar fein Abgrund. Flache grüne Wieſe, eine Landſchaft geſchaffen zum Schäfer-
Und Sehnſucht und Enttäuſchung und ein Widerwille gegen alles, was nicht Abgrund und Gefähr ſein wollte, wachten in mir auf. In mir erwachte ganz dieſelbe Gemütsſtimmung und Gemütsſpannung, in der ich mich damals von Benno losriß, — weil mir der volle Becher zwiſchen den Lippen zerſchellte.
Ungern entſchloß ich mich gegen Abend, zum Ren- danten in die kleine Geſellſchaft zu gehn. Aber es wäre mir ebenfalls {wer gefallen, dieſen Abend neben meiner Mutter im Wohnzimmer zu ſißen und mit ihr heiter und eingehend zu plaudern. So kleidete ih mich denn auf ihr Zureden um und ſchifte mich an hinaufzugehn, um Gabriele nicht zu kränken.
Als ich aus unſern Stuben in den Hausflur trat, fand ich ſeltſamerweiſe die Thür nac< der Straße weit offen. Eh ich fie zumachte, blieb ich einen Augen- bli lang auf der Schwelle ſtehn und ſchaute hinaus. Draußen war es unwirtlih und häßlih. Der Froſt zeigte Neigung, in Taüwetter überzugehn; die Schnee- ſchicht lag nur noc< dünn und klebrig auf der Straße, und ein feiner Winternebel verſchleierte das gelbe Licht der Laternen.
Da, wie aus der Erde gewachſen, ging ein junger Mann draußen vorüber und grüßte. Die Straße war er nicht herabgekommen, ich hätte ſeinen Schritt durch den getauten Schnee hören müſſen.
I< ſc<loß die Thür, von der feuchten Kälte durch- ſchauert, als im ſelben Augenbli> jemand von der Hof:
ſeite dur< das Hinterpförtchen in den Flur huſchte.
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I< wandte mich um und erkannte Mutchen.
Mutchen ſah erſchro>en aus; in einen Mantel ge- hüllt, aus dem das helle Gejellichaftsfleidchen hervor- leuchtete , ſtand ſie wie verſtört da und horchte nach oben, wo das Geräuſch herabkommender Schritte hörbar wurde.
Dann lief ſie plößlich auf mich zu, faßte mich am Arm und flüſterte haſtig und ängſtlich :
„Ah, laſſen Sie mich um Gottes willen zu Doktor Frensdorff hineinſhlüpfen, — er iſt niht zu Haufe, — bitte, bitte, ich erkläre Ihnen gleich =“
Ih ſtieß die Thür zu Bennos Wartezimmer auf und zog Mutchen dort hinein.
„Was iſt denn geſchehen ? vor wem fürchteſt du dich? wer bedroht dich ?“
„I< glaube, das Mädchen geht nach Bier,“ flüſterte Mutchen atemlos; „— bitte, bitte, jagen Sie nur Papa oder gar Gabriele nichts, — nein? Sie haben's ja ge: ſehen, Sie ſtanden ja an der Hausthür, als Doktor Gerold vorüber mußte.“
„Doktor Gerold? war das der, der eben vorüber- ging? wer iſt es denn? und wozu heimlich?“
Mutchen ſ<miegte fi in der dunkeln Stube an mich und flüſterte halb ſchüchtern, halb ſchelmiſch :
„— Wozu?! — ja, wie ſoll man denn anders? Haben Sie denn nie einen lieb gehabt? J< kann ihn doch nicht plößlih da oben hinſtellen zwiſ<en Papa und die Tanten und Verwandten. Sie würden ja auf den Tod erſchre>en. Abgeſehen davon, daß Gabriele mic</ na!“
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„Ihr ſeid wohl heimlich verlobt, Doktor Gerold und du?“
„I< glaube,“ ſagte Mutchen zögernd.
„Du glaubſt es nur?! Du weißt nicht, ob ihr ver- lobt ſeid?“
„Ja, kann man denn das ſo ganz genau wiſſen ?“ Mutchens Stimme klang kläglich, „wir ſind noch ſo jung alle beide, er kann ja eigentlich no< gar nicht etwas ſo Feſtes — — a< du, kann man denn daran denken, wenn man jung iſt und einen lieb hat?” jegte Mutchen in raſchem Stimmungswechſel reſolut hinzu und merkte nicht einmal, daß ihr das vertrauliche „Du“ entſchlüpft war. „Laß mich jezt ſchnell hinauf, ehe die Guſte mit dem Bier wiederkommt. Und ich danke dir! Nicht wahr, — o nicht wahr, du verrätſt es niht? Won dir glaub ich's, eine andre würd ich nicht einmal erſt drum bitten.“
„Warum dann mich, Mutchen?“
„Ih weiß niht. Du ſchauſt ſo aus. So, als müßteſt du's verſtehn.“
„Nun, Mutchen, verraten werd ich dich nicht. Aber unter einer Bedingung, hörſt du? nur wenn du mir alles ſagſt, — wenn du mir morgen ſagſt, was eigentlich zwiſchen euch iſt. Verſprichſt du mir das?“
„Ja, ja!“ murmelte Mutchen, küßte mich haſtig und ſchlüpfte aus dem dunkeln Zimmer.
I<h ſtand und ſchüttelte den Kopf.
„Ih bin wirklich eine ſchöne Autorität für ſolchen Mutchen-Fall !“ dachte ich ratlos, „was ſoll das nüßen, wenn ſie mir auch alles erzählt ? kann ich etwa entjchei- den und eingreifen? Gewiß thut ſie unreht mit dieſen
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Heimlichkeiten. Gewiß, — vielleiht. Vielleicht hat ſie auch ganz recht.“
I< tappte mich in die” daneben gelegene Studier- ſtube, wo die Zündholzſchachtel ſtets auf dem Rauch- tiſ<<hen lag, und machte Licht.
Jett, nach dieſem Zwiſchenfall, mochte ih nicht, wenigſtens nicht gleich, zu Gabriele hinaufgehn, — am liebſten hätt ich es ganz gelaſſen.
Auf dem Kaminſims, zu beiden Seiten der kleinen Standuhr, ſtanden zwei Bronzeleuchter mit dien Wachs- ferzen, die durch die Länge der Zeit förmlich von Staub vergraut waren. Z<h zündete eine davon an und ſah in Gedanken verſunken in die gelbe ruhige Flamme.
Welch ein ke>es, leichtblütiges Ding dieſes Mutchen mit ihren achtzehn Jahren ſein mußte! I< ſelbſt war anders geweſen zu dieſer Zeit, troßdem ſie eben verſichert hatte, ich ſchaute grade ſo aus, „als verſtände ich das“.
Und wer weiß! vielleicht hatte es auch nur der Zus fall ſo gefügt. Der Zufall, der mich in eine rechte Schwärmerei voll Traumromantik führte, weil er mich von raſcher Erfüllung der Liebeswünſche fernhielt.
Mutchen aber war nicht in lebensfremden Träumen groß geworden, ſie war ein rechtes Kind ihrer Zeit, das das Leben allzu früh ſo geſehen hatte, wie es iſt, und ſich - nun mit heitern, liſtigen Augen einen Ausweg erſpähte
aus den ſie beengenden ſtrengen Mädchenſitten. Heute liebte ſie Doktor Gerold, wie ſie behauptete; aber viel- leicht hatte ſie ſich ſchon in der Tanzklaſſe heimlich mit halbwüchſigen Gymnaſiaſten angeſtoßen und ſich auf die
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künftigen Liebesabenteuer gefreut wie auf ihr aller- ſchönſtes Jugendvergnügen.
Man konnte das bedauern. Man konnte in ſolchem Fall ſie ſelbſt bedauern, die ein koſtbares Kapital un- achtſam in kleiner Münze verſtreute. Aber warum be- dauerte man dann nicht wenigſtens auch den raſenden Gefühlsverbrauch, die erſchlaffende Gefühlsausſ<hweifung in den jugendlich romantiſchen Marlittiaden von uns andern? Verliefen die etwa harmloſer als ein Leichtſinn wie der Mutchens, nur weil man durch ſie am Leibe keinen Schaden nimmt, und weil ihre feinern und intimern Korruptionen des ſeeliſchen Lebens nach außen unmerk- barer bleiben? In Wahrheit ijt es vielleicht minder ge- fahrvoll, fich bei oberflächlichen Genüſſen zu zerſtreuen, als hinabzuſinken in allerlei ſ<wüle, dunkle Tiefen alter Gefühlselemente, gegen deren Ueberreizung die geſunden warmen Reize des Lebens nicht auffommen --.
I< hatte mich auf das Fußende der Ottomane ge- jeßt und hor<te unentſchloſſen nach oben, von wo das Geſumme durcheinanderredender Stimmen zu mir drang, und wo jekt gar ein luſtiger Walzer auf dem Klavier geſpielt wurde.
Da trat jemand von draußen in den Hausflur, man hörte, wie er fich den lodern Schnee von den Stiefeln jtampfte, ein Männerjchritt näherte fih, — dann wurde die Thür zur Studierjtube geöffnet, und Benno ſtand auf der Schwelle.
J< wandte den Kopf nah ihm und ſagte entſchul- digend : bee
„ZO meinte, du kämſt erſt ſpät heim. Verzeih, daß
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ich hier ſide. Mama glaubt mich oben in der Gejell- ſhaft. J< ſoll auch hin. Zauderte aber hier, und blieb. Es war jo ſchön ſtill hier.“
Er antwortete nicht. Jm Thürrahmen ſtand er ſtill und ſchaute herüber zu mir. Seine Augen hingen an dem elfenbeinfarbenen Wollkleide, das ich angezogen hatte, und langſam ſtieg ſein Bli> daran herauf bis zu meinem Geſicht. Das ſeine erſchien mir blaß und ſeltſam.
Von ſeinen Lippen kam ein Laut, — kein Wort, nur ein ſ<wacher, kurzer Laut, = und eh ich es noch hindern, eh ich noh aufſtehen konnte, lag er vor mir auf dem Teppich und umfaßte mih mit ausgeſtre>ten Armen und geſchloſſenen Augen, und bede>te meine Hände, meinem Hals, meinen Schoß mit Küſſen.
Er küßte mich, ohne mich loszulaſſen, ohne in ſei- nem Ungeſtüm nachzulaſſen, ohne mir Atem zu laſſen. Er küßte mit einer Gewaltſamkeit und Benommenheit, womit er mich faſt brutaliſierte, während er mich lieb- koſte. Er küßte ſo, wie jemand trinkt, der, an der Stillung ſeines Durſtes verzweifelnd, ſhon verſ<hmachtend am Boden gelegen hat. Er küßte mit der Sehnſucht, Jnbrunſt und Dankbarkeit jemandes, der fich mit unaus- ſprechlicher Wonne vom Tode freiküßt.
Ih regte mich nicht und wehrte ihm nicht. Jh gab leiſe ſeinen Bewegungen nach, ohne ſie zu erwidern. Ih fühlte mit ſtaunendem Mitleid dieſen Ausbruch einer lange, lange und mit entſagender Kraft zurücgedämmten Leidenſchaft, die ſich in dieſem Augenbli> blindlings ſättigte. Und während ich ſeinen unſinnigen Küſſen nach-
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gab, regte ſich in mir etwas Wunderliches, ganz Zartes und beinahe Mütterliches, — die Hingebung einer Mutter, die einem weinenden Kinde lächelnd ihre nahrungſhwellende Bruſt öffnet.
So ruhte ih, feſt von ſeinen Armen umſchloſſen, die Augen weit offen zur Dede emporgerichtet, und dabei ging es mir ſtill und beinah ehrfürchtig dur< den Sinn, -- wie keuſch wohl das Leben dieſes Mannes hingegangen ſei —.
Benno ließ mich endlich frei, mit einem ächzenden Laut, als ob er ſich eine Wunde zufügte. Zugleich ſprang er zitternd vom Boden auf und ſagte mit einem Aus- dru> leidenſchaftlicher Verzückung auf ſeinem Geſicht :
„Jh danke dir! Du mein einziger, geliebteſter aller Menſchen, ich danke dir! Jh wäre erſti>t und zerbrochen, wenn du mich zurücgeſtoßen hätteſt !“
Es fiel ihm nicht ein, nicht einen einzigen Augen- bli> lang fiel es ihm ein, daß ich vielleicht ſeinen Rauſch nicht geteilt haben könnte. Um ins Mitempfinden des andern einzugehn, dazu gehört gewiß Liebe, aber bei einem gewiſſen Grad der Liebesleidenſchaft ſchlägt ſie zurü> in ſo beſinnungsloſen Egoismus, daß ſich daraus keine Fühlfäden mehr in die äußere Welt erſtre>en, ſei es auch die Gefühlswelt des geliebten Menſchen, und daß ein ſtörender Mißton einfach dadurch unmöglich gemacht wird, daß man ihn eben nicht aufnimmt und nicht ver- nimmt. Liebesleidenſchaft iſt wie die lezte und äußerſte Einſamkeit.
So befangen Benno noh heute morgen geſchwankt und gezweifelt hatte, ſo ſiegesſicher fühlte er ſich jest.
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Alle ängſtliche Ueberlegung, alle Mutloſigkeit war von ihm genommen. I< richtete mich langſam auf, ohne. die Augen von ihm zu wenden.
Sonderbarerweiſe beſchäftigte mich dabei eine ganz gleihgültige Kleinigkeit. Benno hatte, während er auf den Knieen lag und mich küßte, ſeine Brille verloren. Sie lag auf dem Teppich neben der Ottomane, und die Gläſer, die ſonſt ſeinen Bli verde>ten, glänzten im Kerzenlicht.
Und da ſchauten mir nun ſeine Augen brillenlos entgegen, ſo wie ſie in Wirklichkeit waren, — blau und treuherzig, mit dem etwas unſichern, etwas ſtarren Blick derer, die ſich immer ſcharfer Gläſer bedienen — —.
Benno machte eine gewaltige Willensanſtrengung, um ſich zu faſſen und zu beruhigen, trat zurü> und ſagte:
„Verzeih mir. I< wollte dir Zeit laſſen, --- ich hätte es vielleicht ſollen, aber ih konnte nicht länger, Adine. Sieh, den ganzen Tag, den ganzen jchredlichen Tag trug ich eine ſinnloſe, würgende Angſt mit mir herum. Eine Angſt, weil du heute früh etwas geſagt hatteſt von ‚zu ſpät‘, oder — oder „verſcherzt“ haſt du geſagt, — etwas Aehnliches ; — ſiehſt du, der Zweifel brachte mich von Sinnen.“
Und er griff haſtig, wie um mich nun auch wirklich ſich nicht entgehen zu laſſen, nach meinen Händen und ſette ſich neben mich, dicht zu mir gebeugt.
„Liebſte! — ſag' mir ein Wort,“ bat er mit einem glücklichen Lächeln, — und mein Blik mied ſcheu den ſeinen.
Dieſe leuchtenden treuherzigen blauen Augen, dieſes
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ganze von Glückszuverſicht verklärte Geſicht klagte mich laut an.
I< ſelbſt klagte mich an, und erſchrak über das Geſchehene. Und doch hätt ich nicht anders zu handeln vermocht, auch wenn es gegolten hätte, noch einmal zu handeln in den tollen vorübergeftürmten Minuten feines Rauſches. Beſſer, tadelloſer wär es zweifellos geweſen, ihm zu ſagen: „Küſſe mich nicht! täufche dich nicht! ich liebe dich nicht!” Aber wie konnte ih ihn im Durſten und Darben zurücſtoßen und ſorgſam abwägen, was das Nichtigere, das Tadelloſere war —?
„Vielleicht fehlt mir jeder Stolz! vielleicht jede Scham!“ dachte ich, „und jeßt? und hinterher? was ſoll ich thun? wie ihn aufklären und kränken? A<, ich kann ihn nicht kränken! Kann ihn nicht durc< Mitleid belei- digen. Jh bin ein feiges — ein ganz feiges Geſchöpf!“
Jetzt fiel Benno doch meine Stummbeit und innre Ratloſigkeit auf. Etwas wie eine dunkle Unruhe ging durch ſeine Augen und machte ſie rührend, wie erſtaunte Kinderaugen.
„Adine, — ih — — ſprich zu mir!“ rief er faſt laut, „ich halt’s nit aus! Warum ſprichſt du nicht ?“
„Lieber Gott!“ dachte ich, „hilf mir doch! gieb mir ein, was ich thun foll. Niemals, niemals kann ich ihm die ganze Wahrheit jagen! niemals, niemals ihn vor mir demütigen, — ihn, den ich einſt, ach einſt —! Lieber laß mich klein und verächtlich werden in feinen Augen, daß er felber mich nicht mehr will, nicht mehr liebt. Laß mich lieber ganz zunichte werden, — Staub zu jeinen Füßen —.“
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„Dina —!“ ſagte er mit erſti>ter Stimme, und man konnte ſehen, wie ihn ein Schre&>gefühl durchrieſelte. Ih mochte ja vor ihm daſißen wie ein Bild der Selbſt- anklage und Verwirrung. Und da mochten ſeine Zweifel plötzlich heraufſteigen, =- Zweifel, die er mit ſich herum- getragen, — Zweifel, die ihm erſt vor einer Woche den Brief an mich diktiert hatten, — Zweifel an der Un- berührtheit meines Mädchenlebens. j
„— Nein nein!“ entfuhr es ihm wild abwehrend, grade als widerſpräche er jemand, „— nein, es kann niht ſein! Nicht das kann es ſein, — Adine, auf meinen Knieen will ih es dir zuſhwören, daß du mir das Höchſte, das Reinſte biſt, das, wovor ich kniee, und das ſchon der leiſeſte Schatten eines Mißtrauens entſtellen würde. Was "liegt an der ganzen Welt! Wenn du nur biſt, die du warſt!“
Ih ſtieß einen Seufzer aus, mir war wie einem Erſti>kenden, der Luft bekommt. Unwillkürlich falteten ſich meine Hände. Ja, dies war ein Ausweg, — der Schatten von Mißtrauen, der Zweifel, der Brief, — wenn Benno an all das glaubte, dann war es ein Aus- weg. Allzu -hergebracht ſtreng dachte er doch in dieſem einen Punkt, und allzuſehr hatte ſeine Phantaſie mich verklärt, um darüber mit ſeiner Liebe hinwegzukom- men —.
Benno war aufgeſprungen, er ſtarrte mich an und atmete kurz.
Er hatte nach der Lehne des zunächſtſtehenden Stuhles gegriffen und umfaßte ſie gewaltſam mit beiden Händen, als wollte er ſie zerbrehen. Der ganze Mann zitterte.
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- Mit heiſerer rauh klingender Stimme brachte er hervor:
„Wenn du — — haſt du — -- iſt ein ans drex = —“
Und als ich noch immer ſchwieg, ging er langſam auf mich zu, und leiſe, ganz leiſe, als fürchtete er ſich vor ſeiner eignen Stimme, ſagte er mit herzerſchütterndem Ausdrud:
„Dina! — Dina! ſage, daß es niht wahr iſt! daß du keine —“
Es durchfuhr mich in diefem Augenblide doch, wie von einem eleftriichen Schlag. ch hörte nichts mehr und ſah nichts mehr, ein ſeltſamer Schwindel ſchien mir alle Gegenſtände und alle Gedanken zu verrü>en und zu ver: wandeln.
„Staub zu ſeinen Füßen, — jeßt bin ih ihm das wirklich !“ dachte ich nur noch dumpf, und irgend eine unklare Vorſtellung dämmerte dunkel in mir auf, daß ſich da ſoeben etwas Sonderbares begäbe: irgend eine wahnſinnige Selbſterniedrigung und Selbſtunterwerfung, — irgend ein ſich zu Boden treten laſſen wollen —.
Und doch löſte ſich dabei etwas in meiner innerſten Seele, was ſich bis zum äußerſten geſtrafft und ge- ſpannt hatte wie ein Seelenkrampf, — und es über- flutete mich mit einer zitternden Glut, und es ſchrie auf und frohlo>te — —.
Und dennoch war dieſe ganze Situation kein wirk- liches, kein wahrhaftes Erleben, ſondern ſie war von mir nur geſchaffen, von Benno nur geglaubt, — ſie war nur ein Schein, ein Bild, ein Traumerleben, — ein Nichts. — — — — —
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J< weiß nicht, ob ich auf der niedrigen Ottomane jigen blieb, oder ob ich in die Kniee ſank und mein Geſicht in die Hände drückte, =- jedenfalls hab ich dies meinem innern Verhalten nach gethan und habe ſo verharrt. Damit j<loß für mich dieſe Scene; damit ſchloß meine Beziehung zu Benno.
Trotzdem würde ich ja nie, im ganzen Leben nicht, imſtande ſein, die Liebe eines Mannes zu ertragen, der mich wirklich. auf die Kniee feſtbannen oder mich in meiner Individualität ähnlich vergewaltigen wollte, wie Benno es ehedem unwiſſentlich verſucht hatte. Aber was hilft mir dieſe Erkenntnis? Hilft ſie mir etwa dazu, nun auch voll und ſtark und wahrhaft hingebend zu lieben ohne dieſe furchtbaren Nervenreize? Nein! Wenn ich das ſeitdem je geglaubt habe, ſo erwies es ſich ſofort als ° ein bloßes Trugſpiel, ja eben als ein unwillkürliches Spiel ohne Dauer und Tiefe. Es iſt, wie wenn ich mich feſtgenagelt fühlte zwiſchen der Oberflächlichkeit Mut- chens und der hyſteriſhen Romantik der kleinen Ver- wachſenen, dazu beſtimmt, zwiſchen dieſen beiden Polen des Gefühls hin und her zu pendeln wie zwiſchen Leicht- ſinn und Wahnſinn —.
Denn i< kann wohl als Künſtlerin entzü>t und erregt werden, und zugleich mit tiefſter Sympathie nach einem mir teuren Menſchenweſen langen, — aber alles was dem Weib in mir an den Nerv greift, alles was inſtinktiv tiefer greift, als Freundſchaft und Phantaſie zu- ſammen vermögen, — alles das iſt dunkel jenem leßten Schauer verwandt, der vielleicht eine lange, unendliche Generationen lange Kette duldender und ihres Duldens
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ſeliger Frauen in mir wunderlich und widerſpruchsvoll abſchließt — —.
Auch meine Mutter gehörte ja in irgend einem Sinne zu dieſen Frauen.
In der Nacht, die der Scene mit Benno folgte, wachte ſie plößlich von dem unterdrückten Weinen auf, das aus meinem Bett hinüberdrang.
Sie richtete ſich auf und horchte beſorgt.
„Gute Nacht, mein liebes Kind?“ ſagte ſie leiſe, fragend.
„Gute Nacht, liebe Mama,“ erwiderte ich.
„Wann biſt du denn von Rendants gekommen ? Haſt du noh gar niht geſchlafen ?“
„Is war gar nicht oben, Mama. I< war bei Benno im Arbeitszimmer. “
„Aber Kind, du mweinteſt ja! — — War Benno zu Hauſe ?“
„Er kam nac< Hauſe.“
Meine Mutter verſtummte. Sie mochte erraten, daß es zwiſchen uns eine Ausſprache gegeben hatte, denn nach einer längern Pauſe hob ſie wieder an:
„Adine, mein Kind, du verlangſt zu viel vom Leben und von den Menſchen. Du bringft dich noch um dein Glück. Alles in der Welt koſtet Opfer, und am meiſten das Glü>. Mag ſein, daß Benno manches anders will als du. Den heutigen Frauen ſcheint es ſ{<wer, dem Mann dienſtbar zu ſein, aber glaube mir, es iſt noch das Beſte, was wir haben, und ich bin es deinem lieben Vater auch immer geweſen. Auf die Länge lieben wir keinen Mann jo recht, wie den, der uns befiehlt —”
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„Ah Mama, das glaub ich gern.”
„Nun, — aber —?” meiner Mutter Stimme klang ängſtlich geſpannt.
„Aber Benno iſt ganz andrer Meinung darüber, Mama.“
Meine Mutter verſtummte wieder, diesmal völlig verblüfft. Sie hatte mir ja ſo gut zureden wollen, und hatte mir nun, ohne es zu wiſſen, abgeredet. Lange er- trug fie das nicht, mein liebes Mütterhen. Und im Drange ihres Herzens, zu helfen und das Glück zu bauen, wie ſie es meinte, verleugnete ſie heldenmütig alle ihre heiligſten Ueberzeugungen für mich und ſagte etwas un- ſicher :
„Ach Kind, Schattenſeiten hat am Ende ja auh eine Ehe, wo der Mann herrſcht. Du kannſt dir doch denken, daß das niht immer grade leiht für die Frau iſt. Wenn ich ſo zurückdenke, iſt es auc< nicht immer angenehm geweſen.“
Ih mußte in all meiner Betrübnis lächeln, und ihre fromme Lüge rührte mich. Und plötzlich überfiel mich die Angſt, die Mutter könnte jemals, durch einen unſeligen Zufall, aus Bennos Weſen erraten, was ich dieſen glauben ließ.
Darauf durfte ich es nicht ankommen laſſen, dieſer Möglichkeit mußte ich vorbeugen.
Und ich glitt aus dem Bett und ſ<lih mich zu ihr hin. Jh taſtete nah dem lieben Kopf im Nachthäubchen.
„Mama!“ flüſterte ih, „gieb mir noch einen Kuß.“
„Ja, mein Herzenskind. Weine nur nicht mehr. I< kann's nicht ertragen. “
„Nein, Mama. Aber höre, was ich dir ſagen will.
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Sollte Benno einmal — du haft mir ja erzählt, weißt du, geſtern morgen wie wir aufſtanden, daß Benno ſich Gedanken macht über mein Leben draußen. Nun, ſollte dir einmal vorkommen, als ob er das wirklich thue, ſo achte nicht drauf. Laß ihn dabei, ſtreite nicht mit ihm, — aber du, laß dich nicht davon anfechten.“
Die Mutter hatte ſich haſtig aufgerichtet. Sie griff ängſtlich nach meinen Händen und zog ſie an ſich, wie um mich zu ſchüßen.
„— Berno —? — — mas ift gejchehen? Sage mir, was geſchehen iſt! Hat Benno dir unrecht gethan ?! Weinteſt du deshalb? Das darf er nicht! Sag es mir, mein Kind. Wie darf er das thun! Kein Menſch foll dir ein Haar krümmen, hörſt du? Und ich -- ich lag hier ſo getroſt und ruhig, und als ich ſchlafen ging, da dachte ich an euch beide, und ich dankte in meinem Herzen Benno, und betete zu Gott für ſein Glück, für ihn und für did. Und er — er ging hin und that dir unrecht !“
Jch legte leiſe meine Hand auf die Lippen der Mutter und barg das Geſicht in dem Kiſſen neben ihrem Kopf. Mir wurde plötlich ſo klar, — ſo ganz klar, daß was ich Benno nur glauben ließ, ja doch eine Wahrheit war, wenn nicht heute, ſo doch morgen, und daß, gleich- viel was ich als Künſtlerin erreichen würde, aus meinem Liebesleben, aus meinem Leben als Weib, der Ernſt ver- loren gegangen war.
Und mich überkam heimlich und heiß eine kindiſche Sehnſucht, mich zur Mutter zurückzuretten und zurück
in die erſte Jugend, die nicht wiederkam. Lou Andreas-Salomet, Fenitſchka. 12
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„Mama!“ flüſterte ih, „Benno iſt gut, du miß- pirates hove their vessel that the other pirates had trashed ihn haben. Bete du nur getroſt weiter für ſein Glüc, und hilf ihm zu einem Glü>. Und für mich bete, = ach bete, Mama, — daß er unrecht behalte =-!“
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erlin SBB-PK. 50 MA 9404
in SBB-PK. 50 MA 9404
MITT
$38 Modern Circumnavigations. PART in. BOOK m.'
As the Dutch charts make (he coast of Japan extend about ten leagues to the S.W. of White Point, at eight we tacked, and stood off to the eastward, in order to weather the point. At midnight, we again tacked to the S.W., expecting to fall in with the coast to the southward, but were surprised, in the morning at eight, to see the hummock, at the distance only of three leagues, bearing W.N.W. We began, at first, to doubt the evidence of our senses, and afterwatd to suspect some deception from a similarity of land ; hot, at noon, we found ourselves, by observation, to be actually in latitude 35° 43*, at a time when our reckonings gave us 84° 48'. So that, during the eight hours in which we supposed we had made a course of nine leagues to the S.W., we had in reality been carried eight leagues from the position we left, in a direction diametrically opposite ; which made, oh the whole, in that short space of time, a difference in our reckoning of seventeen leagues. From this error, we calculated, that the current had set to the N.E. by N.> at the rnte of at least five miles an hoar. Our longitude, at this time, was 141° l&.
The weather having now the same threatening appearance a» on the Syth of October, which was followed by so sudden and severe a gale, and the wind continuing at S.S.E., it was thought prudent to leave the shore, and stand off to the eastward, to prevent our being entangled with the land. Nor were we wrong in our prognostications ; for it soon afterward began, and continued till next day, to blow a heavy gale, accompanied with hazy and rainy weather. In the morning of the 3d, we found ourselves, by our reckoning, upward of fifty leagues from the land; which circumstance, together with the very extraordinary effect of currents wfe had before experienced, the late season of the year, the unsettled state of the weather, and the little likelihood of any change for the better, made Captain Gore resolve to leave Japan altogether, and prosecute our Voyage to China; hoping, that as the track he meant to pursue had never yee been explored, he should be able to make amends, by some new discovery, for the disappointments we had met with oh this coast.
If the reader should be of opinion that we quitted this ' object too hastily, in addition to the facts already stated it ought to be remarked, that Kunnpfer describes the coast of
Japan
3 N'atlianiel Brush
4 David Robinson
5 David Fay
6'Joria. Robinson
CHAP. vi. SECT. viii. Captain Kings Journal.
Japan as the most dangerous in the whole world ;'* that it •would have been equally dangerous, in case of distress, to run into any of their harbours, where we know, from the best authorities, that the aversion of the inhabitants to any intercourse with strangers, has led them to commit the most atrocious barbarities ; that our ships were in a leaky condition, that our sails were worn out, and unable to withstand a gale of wind, and that the rigging was so rotten as to require constant and perpetual repairs.
As the strong currents, which set along the eastern coast of Japan, may be of dangerous consequence to the navigator, who is not aware of their extraordinary rapidity, I shall take leave of this island, with a summary account of their force and direction, as observed by us from the 1st to the 8th of November. On the 1st, at which time we were about eighteen leagues to the eastward of While Point, the current set N.E. and by N., at the rate of three miles an hour; on the 2d, as we approached the shore, we found it continuing in the same direction, but increased its rapidity to five miles an hour; as we left the shore it again became more moderate, and inclined to the eastward; on the 3d, at the distance of sixty leagues, it set to the E.N.E., three miles an hour ; on the 4th and 5tb, it turned to the southward, and at one hundred and twenty leagues from the land, its direction was S.E., and its rale not more than a mile and a half an hour; on the 6th and 7th, it again shifted round to the N.E., its force gradually diminishing till the 8th, when we could no, longer perceive any at all.
During the 4th and 5th, we continued our course to the S.E., having very unsettled weather, attended with much lightning and rain. On both days we passed great quantities of pumice-stone, several pieces of which we took up, and found to weigh fVom one ounce to three pounds. We conjectured that these stones had been thrown into the sea by eruptions of various dates, as many of them were covered with barnacles, and others quite bare. At the same time, we saw two wild ducks, and several small land-birds, and had many porpoises playing round us.
On the 6th, at day-light, we altered our course to the S.S.W.; but, at eight in the evening, we were taken back, and obliged to steer to the S.E. On the 7th, at 110011, we
saw
11 See Kfcmpfer'a Hist, of Japan, vol. L p 92, 93, 94, and 102,
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